Viel Licht gelangte nun hierher, die Sonne schien am heissen Samstag kräftig auf die Gäste aus der ganzen Schweiz. Sie waren zum ersten Sommerfest der «Verdingkinder» ins abgelegene Mümliswil gekommen. Hinter dem Berg hingen zwar schon einige Wolken, aber das Licht reichte immer noch, um das dunkle Kapitel in der Schweizer Geschichte zu beleuchten. Die über 800 gekommenen Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen zeugten mit ihrer Anwesenheit von dieser bis 1981 dauernden traurigen Epoche.

Jeder und jede trug seine ganz persönliche Geschichte mit sich. Viele erzählten gerne und offen von ihrem Schicksal. Sie haben sich bereits intensiv damit auseinandergesetzt. Die meisten Betroffenen waren schon fortgeschrittenen Alters, manche gingen am Stock oder Rollator, Sonnenstrahlen hoben die tiefen Furchen in vielen Gesichtern hervor. «Das Treffen ist historisch», sagte Guido Fluri im Gespräch, Vater der Volksinitiative «Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen», die er vor vier Jahren initiiert hatte und die dann bereits zwei Jahre später als Gegenvorschlag des Bundes in einem entsprechenden Gesetz umgesetzt wurde.

800 ehemalige Heim- und Verdingkinder feiern Wiedergutmachungsinitiative

800 ehemalige Heim- und Verdingkinder feiern Wiedergutmachungsinitiative

    

Das Gefühl, es geschehe nichts

Doch nun standen nicht mehr Politik und Kampf im Vordergrund, sondern die Menschen. «Wir konnten mit der Initiative einen Dammbruch bewirken und erreichten endlich diese Menschen, die jahrelang isoliert waren und die Anerkennung nicht erhielten», fuhr Fluri fort, «sie hatten deswegen keine Kraft, keinen Mut und nicht das nötige Selbstwertgefühl und hatten wahnsinnig Mühe, sich zu outen.»

Jetzt jedoch sind viele mutig und zeigen ihre Vergangenheit. Manche haben schon Bücher von ihrem Leben geschrieben, andere hatten Dokumente oder Fotos mitgebracht, um sie anderen zu zeigen. Im Festzelt beim Schulhaus Brühl im Mümliswiler Dorfkern drängten sich stets aufs Neue Frauen und Männer zu Fluri, um sich bei ihm zu bedanken und ihm etwas zu erzählen. Diese Verehrung erklärte er sich wie folgt: «Es hat damit zu tun, dass sie immer das Gefühl hatten, es geschehe ja nichts. Sie haben grosses Misstrauen in den Staat und die Institutionen, haben gar kein Vertrauen in die Strukturen.»

Der Geldbetrag, den betroffene Gesuchsteller aus dem Solidaritätsfonds von insgesamt 500 Millionen Franken erhalten werden, nämlich je 25 000 Franken, ist also nicht das Wichtigste am Ganzen. Und dennoch müssten sie nun einmal mehr lange auf das Geld warten, was zu kritischen Stimmen führen würde, so Fluri. «Es braucht Zeit, all die Akten zu besorgen, aber sie denken sich, worauf soll ich noch warten mit 75.»

800 Verdingkinder treffen sich in Mümliswil

800 Verdingkinder treffen sich in Mümliswil

    

Man soll sich austauschen können

Zu lauter Ländlermusik wurde ein herzhafter Brunch offeriert. Es gab bereits in anderen Jahren Treffen im kleineren Rahmen, oben bei der Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder im ehemaligen Kinderheim Mümliswil. Nun waren es jedoch dafür zu viele Teilnehmer. Mit einem Shuttlebus konnte man sich dennoch die dortige Ausstellung ansehen. Guido Fluri, der als Kind selbst dort untergebracht gewesen war, meinte: «Ich war nicht lange da. Es war keine gute Erfahrung, aber es ist kein Heim, das zu den schlimmsten Einrichtungen gehörte. Trotzdem war es mir wichtig, dass ich dieses Kapitel abschliessen konnte, indem ich das Heim aufkaufte.» Ein Mitstreiter Fluris, Pascal Krauthammer, fand, die geschichtliche Aufarbeitung sei für ihn fast das Wichtigste: «Das Geschehene beginnt sich nun ins geschichtliche Kollektiv einzubrennen. Die Politik versucht, einen Teil der Gerechtigkeit wieder herzustellen.»

Zusätzlich sei ein nächster Schritt wichtig: «In einer Art Selbsthilfeprojekt sollen die Betroffenen untereinander erzählen können.» Das wird etwa mit dem «Erzählbistro» gemacht, einer Veranstaltungsreihe mit begleiteten sowie ungezwungenen Treffen.

Um 15 Uhr war das Festzelt schon schon fast leer, obwohl die Musik noch weiter spielte. Die Männer und Frauen hatten schliesslich meist einen weiten Nach-Hause-Weg. Sie tauchten nach einem allseits gelobten «super Tag» von der geborgenen Umgebung in die Masse ein, wo sie ihr Schicksal möglicherweise still und dunkel für sich tragen.