Wolfwil
Mit Zähneputzen gegen humanitäre Krise: Wie zwei Solothurnerinnen den geflüchteten Rohingyas helfen wollen

Käthi Hafner und Stefania Guercioni aus Wolfwil möchten mit Anita Schug den geflüchteten Rohingyas in Bangladesch helfen - mit Zahnputz-Videos.

Rahel Bühler
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Beim Videodreh: (v.l.) Zahnärztin Stefania Guercioni, Dentalhygienikerin Katharina Hafner und Anita Schugp mit ihrer kleinen Tochter.

Beim Videodreh: (v.l.) Zahnärztin Stefania Guercioni, Dentalhygienikerin Katharina Hafner und Anita Schugp mit ihrer kleinen Tochter.

Bruno Kissling

Es ist ein ungewöhnlicher Freitagnachmittag in der Zahnarztpraxis von Stefania Guercioni in Roggwil: Gemeinsam mit Käthi Hafner und Anita Schug dreht die Wolfwilerin Videos übers Zähneputzen. Schug stellt Fragen, Guerioni und Hafner antworten und demonstrieren. Riesige Zahnbürsten und ein Plüschhase mit Gebiss helfen dabei. Ein Smartphone filmt. Das Ziel: Aufzeigen, wie man Zähne richtig putzt.

Die drei machen die Filme für die Rohingya in den Flüchtlingslagern von Bangladesch. Seit den ethnischen Säuberungen durch das Militär 2017 sind fast eine Million Rohingyas von Myanmar nach Bangladesch geflohen. Einen Tag vor dem Videodreh in Wolfwil: Schug und Hafner sitzen in Hafners Stubentisch.

«Ich bin so erzogen worden, dass man Menschen hilft»

, sagt Schug. Die 41-jährige Neurochirurgin stammt aus Myanmar und gehört der muslimischen Minderheit an. Mit fünf Jahren hat sie das Land mit ihrer Familie verlassen. Seither hat sie Medizin an verschiedenen Universitäten studiert und in mehreren Ländern Europas gearbeitet. Seit fünf Jahren wohnt sie in der Schweiz.

Schug hat eine Hilfsorganisation mitbegründet: die Rohingya Medics Organisation. Mit ihr war sie in den vergangenen Jahren mehrmals in den Flüchtlingslagern in Bangladesch. Zuletzt 2019. «Die Menschen dort haben das Minimalste vom Minimalsten an Essen und medizinischer Versorgung.» Behandlungen sind teuer.

Nach viel Brainstorming kam die Idee mit den Videos

Schon vor drei bis vier Jahren habe sich Schug deshalb überlegt, was sie – mit einfachen Mitteln – aus medizinischer Sicht tun könnte, um die Situation ihrer Bevölkerungsgruppe zu verbessern. Aber es kam immer etwas dazwischen. «Wenn ein Feuer im Lager ausbricht, ist oberste Priorität nicht die Mundhygiene, sondern Kleidung und Nahrung zu besorgen. Auch bei uns Hilfsorganisationen.»

Im Austausch mit ihrer Freundin Käthi Hafner kam die Idee des Zähneputzens. Die 63-Jährige ist eidgenössisch diplomierte Dentalhygienikerin und hat 30 Jahre auf diesem Beruf gearbeitet. In der Schweiz wüssten alle, wie man sich die Zähne putzt. Das Rohingya-Projekt sei eine neue Herausforderung, bei der sie etwas bewegen könne: «Eine gute Zahnhygiene ist so wichtig.»

Kümmert man sich nicht um seine Zähne, kann es zu Karies, Zahnfleischentzündungen und zum Zahnausfall kommen.

«Ich habe in den Flüchtlingslagern viele Menschen gesehen, die nicht mehr lächeln, weil sie schlechte oder keine Zähne mehr haben»

, sagt Schug. Ein anders Beispiel: «Bei Schmerzen werden ihnen in den Lagern die Zähne einfach gezogen. Dadurch erhöht sich das Infektionsrisiko. Etwa für Hepatitis.»

Die Prophylaxe, wie sie sich die Frauen vorstellen, könne helfen, dass die Menschen vor Ort weniger Schmerzen haben und keine teuren Behandlungen brauchen. Den Leuten zu zeigen, wie man richtig Zähne putzt, sei einfacher, als Krankheiten teuer zu behandeln. Deshalb sei ihr Hauptanliegen, den Leuten die Prophylaxe näher zu bringen, also wie sie ihre Zähne putzen sollen.

Da die beiden Frauen nicht nach Bangladesch reisen können, um den Menschen vor Ort zu zeigen, wie man sich die Zähne richtig putzt, kamen sie nach viel Brainstorming auf die Idee, Videos zu drehen. Vor zwei Wochen haben sie Guercioni ins Boot geholt. Hafner hat unter ihrem Vorgänger gearbeitet. So kam es zum Drehtag in Roggwil. Hafner und Guercioni arbeiten zum ersten Mal an einem Video mit. Schug hat für ihre Hilfsorganisation bereits mehrere gedreht. Zum Beispiel über die Coronamassnahmen. Von ihr stammt auch die Videoausstattung.

Mehrere Hürden warten auf das Projekt

Eine Herausforderung wird es sein, das Video zu verbreiten: «Manchmal ist die Internetverbindung schlecht, manchmal gar nicht vorhanden», weiss Schug. Deshalb werden sie mehrere, kurze Videos veröffentlichen, für die man nicht viel Datenmenge braucht. Zudem werden sie sie via soziale Medien verbreiten und Hilfsorganisationen vor Ort zuspielen, die sie dann zeigen können.

Eine weitere Herausforderung ist das Material: In den Flüchtlingslagern gibt es weder Zahnpasta, noch Zahnbürste oder sauberes Wasser. «Als kleines Kind habe ich mir mit dem Zeigefinger und zu Pulver verkleinerter Kohle die Zähne geputzt», erinnert sich Schug. Das sei besser, als gar nicht zu putzen, meint Hafner. Das sagt auch Zahnärztin Guercioni. Man werde also die Menschen animieren, sich so die Zähne zu putzen, wenn keine anderen Mundhygienemittel zur Verfügung stehen.

Zahnbürsten und -pasten aus der Schweiz nach Bangladesch zu schicken, sei nicht möglich. Wegen der Kosten und der Unverhältnismässigkeit. Denn: «In Bangladesch kann man auch Zahnpasta kaufen», weiss Schug.

Es ist ein Herzensprojekt, das wird während des anderthalbstündigen Gesprächs immer wieder klar. Bereits jetzt denken sie daran, weitere Videos zu produzieren. Die Frauen sind überzeugt: «Man kann auch mit einfachen Mitteln etwas Sinnvolles tun.»