Wimbledon

16 Tage Vorspiel bei Federer und Nadal: Schnecken, Wein, Paella, Muskelkater

Zum vierten Mal, aber zum ersten Mal seit über elf Jahren, treffen Roger Federer und Rafael Nadal in Wimbledon aufeinander.

Zum vierten Mal, aber zum ersten Mal seit über elf Jahren, treffen Roger Federer und Rafael Nadal in Wimbledon aufeinander.

Wie Roger Federer (37) und Rafael Nadal (33) die Wochen vor ihrem Wiedersehen in den Wimbledon-Halbfinals erlebt haben. Am Freitag treffen die beiden Erzrivalen zum ersten Mal seit ihrem historischen Final 2008 wieder in Wimbledon aufeinander.

Roger Federer: Von Schnecken, Wellen und Wein

Nichts ist bei Roger Federer so, wie es in den letzten Jahren gewesen war. Er spielt auf Sand, erreicht in Paris die Halbfinals, verzichtet auf Stuttgart, feiert in Halle aber seinen 10. Titel und rückt in der Setzliste für Wimbledon vor Rafael Nadal auf Platz 2 hinter Titelverteidiger Novak Djokovic, obwohl er in der Weltrangliste deutlich hinter dem Spanier liegt.

Das sorgt 16 Tage vor ihrem Duell für Unstimmigkeiten und hitzige Diskussionen. Federer lässt sich nicht darauf ein, sagt: «Wer das Turnier gewinnen will, muss jeden schlagen.» Die Regel belohne jene, die oft und gut auf Rasen spielen würden. Und es seit ja nicht so, dass diese erst seit gestern gültig sei. Bereits seit 2002 wird die Setzliste so erstellt.

Sein Start verläuft harzig. Gegen Lloyd Harris verliert er den ersten Satz. «Meine Beine fühlten sich an, als seien sie gefroren», sagt Federer. Ob der Platz langsamer sei als in den Jahren zuvor, wird heftig diskutiert. Federer sagt dazu: «Das habe ich mich auch gefragt. Aber vielleicht bin auch ich es, der sich wie eine Schnecke bewegt hat.»

Auch dieser Diskussion kann der Baselbieter wenig abgewinnen. «Beim Rasen ist es wie beim Wein, es ist nicht in jedem Jahr gleich.» In der zweiten Runde gewinnt er auf Court 1 – und damit dort, wo er im Vorjahr als Titelverteidiger nach einer 2:0-Satzführung und Matchball in den Viertelfinals am Südafrikaner Kevin Anderson gescheitert war.

Nachtessen mit Rivale Rafael Nadal

Federer ist nun im Turnier, für anderes bleibt keine Zeit. «Ich muss schauen, dass ich zur Ruhe komme, und verbringe viel Zeit im Garten und mit den Kindern», sagt er nach dem Sieg gegen Lucas Pouille. In der Woche vor Wimbledon war er noch in London an einer Hochzeit – und zum Essen mit seinem Laver-Cup-Team, zu dem auch Rafael Nadal gehört. Der totale Fokus – er zahlt sich aus.

Gegen Matteo Berrettini feiert Federer seinen 185. Sieg auf Rasen - Rekord. Sein bestes Spiel seit Monaten, befindet Federer. «Dieses Gefühl, dass alles, was du machst, funktioniert, ist nicht zu übertreffen. Alles war rosa, alles happy.» Auf dem Centre Court, und das ist in Wimbledon äusserst selten, geht die Welle durchs Rund. Ganz zur Freude der Söhne, Leo und Lenny.

Als Federer in den Viertelfinals gegen Kei Nishikori seinen 100. Sieg im Rasen-Mekka feiert, fehlen sie. «In den wichtigen Spielen ist die Anspannung bei mir, Mirka und dem Team grösser. Wir fanden, dass es vielleicht besser ist, wenn sie Zuhause bleiben.» Und sowieso: «Sie sollen selber entscheiden, ob sie Lust haben, zu kommen, oder nicht.»

Die Buben zeigten aber mehr Interesse am Tennis, als es die Töchter Charlene und Myla im gleichen Alter gehabt hätten. Nur einmal trainiert Roger Federer während der zwei Wochen in Wimbledon auf einem jener Plätze, auf denen auch Spiele ausgetragen werden. Auf Court 9. Es ist mehr als eine Zahl. Es ist ein Statement. Denn am Sonntag will Federer in Wimbledon seinen neunten Titel holen. Vor den Augen der Liebsten.

Rafael Nadal: Ärger, Muskelkater und Paella

Alles ist bei Rafael Nadal so, wie es in den vergangenen Jahren gewesen war. Anfang Juni gewinnt der Spanier zum zwölften Mal in Roland Garros. Danach zieht er sich nach Mallorca zurück, verbringt die Zeit mit Freunden und Familie. Und er trainiert vier Tage auf den Rasenplätzen seiner Akademie. Ein Turnier bestreitet er indes nicht - letztmals hatte der 33-Jährige 2015 in Queen’s ausserhalb von Wimbledon ein Rasenturnier gespielt. Er erhält dafür die Quittung.

Auf Basis einer Formel, welche die Weltrangliste als Basis verwendet, auf Rasen erzielte Resultate aber stärker gewichtet, wird Nadal in der Setzliste für Wimbledon hinter Roger Federer auf Position 3 versetzt. «Es ist jedes Jahr das Gleiche. Es ist unfair», moniert er, als die Setzliste am 26. Juni, also 16 Tage vor dem Halbfinal gegen Federer, offiziell wird.

Doch es ist beileibe nicht die einzige Baustelle Nadals. In der Woche vor Wimbledon tritt er im exklusiven Gentlemen’s Club in Hurlingham im Londoner Stadtteil Fulham zu einem Schaukampf an. Seine Muskulatur steckt die Belastungen nicht wie gewünscht weg. An zwei Tagen verzichtet Nadal auf ein Training. «Von Sand auf Rasen zu wechseln, ist die radikalste Anpassung, die es im Tennis gibt», sagt Nadal.

Sturz im Training und Ärger mit Nick Kyrgios

Seine beiden Spiele verliert er. Und in Wimbledon angekommen, stürzt Nadal im ersten Training. «Auf Rasen ist es manchmal rutschig. Alles in Ordnung», wiegelt Nadal ab. Zwar stand der 33-Jährige im Vorjahr in den Wimbledon-Halbfinals, doch seit seinem zweiten Sieg in Wimbledon 2010 verlor er auch vier Mal gegen Spieler ausserhalb der Top 100.

Wie 2014, als er dem damals erst 19-jährigen Nick Kyrgios (damals die Weltnummer 144) in den Achtelfinals unterliegt. Und seit der Auslosung spricht alles über das mögliche Duell der beiden. Nur Nadal weigert sich, sagt: «Ich kenne Nick nicht. Und ich möchte nicht über ihn reden, weil ich nicht gegen ihn spiele», schmettert er alle Fragen ab.

Nachdem Nadal sich in der Startrunde gegen den Japaner Yuichi Sugita durchgesetzt hat, kommt es dann doch zum Wiedersehen mit Kyrgios. Und Nadal äussert sich doch noch, als er sagt: «Nick ist sehr gefährlich - wenn er Tennis spielen will.» Kyrgios will. Drei Mal zielt der launische Australier beim Passierschlag nicht an dem am Netz stehenden Nadal vorbei, sondern zielt direkt auf dessen Körper.

Er entschuldigt sich nicht, sagt später sogar: «Wieso auch? Wie viele Grand-Slam-Titel hat der Kerl gewonnen? Wie viel Geld hat er auf dem Bankkonto? Ich denke, er kann einen Ball auf die Brust wegstecken.» Zwar gewinnt Kyrgios einen Satz, Nadal aber das Spiel in vier Sätzen, zwei davon im Tiebreak.

«Es war erst die zweite Runde, kein Halbfinal», sagt Nadal. Gegen Jo-Wilfried Tsonga bleibt er ohne Satzverlust. Von den nie enden wollenden Diskussionen, wie schnell der Rasenplatz in Wimbledon ist, zeigt Nadal sich indes genervt. «Seit 15 Jahren spiele ich hier. Und jedes Jahr ist es die gleiche Diskussion. Und ich sage jedes Mal: Für mich ist immer noch genau gleich wie damals.»

Gegen Joao Sousa und Sam Querrey gibt Nadal keinen Satz ab. Den mittleren Sonntag verbringt er mit Freunden und Familie im Garten seines Mietshauses. Es gibt Paella, seine Leibspeise. Nadal sagt: «Es ist keine Zeit, um zu entspannen.» Im Kopf ist er woanders. Beim Halbfinal von Wimbledon gegen Roger Federer. 16 Tage nach dem Ärger um die Setzliste. Es war ein langes Vorspiel.

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