Spiel des Lebens
Als sich die Vision für den Judoka Christoph Keller erfüllte

Der ehemalige Judoka aus Windisch erzählt über den denkwürdigsten Kampf seiner bemerkenswerten Karriere: «Als ich meinen Gegner an der Schulter packte wusste ich: Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft!»

Aufgezeichnet von Fabian Sangines
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Christoph Keller liess seine Vision wahr werden.

Christoph Keller liess seine Vision wahr werden.

Fabian Sangines

«Es war an der Studenten-Weltmeisterschaften 2006 in Suwon (Anm. d. Red.: Südkorea). Die Vorbereitung auf den Wettkampf war sehr intensiv - auch emotional. Unter anderem trainierte ich zwei Monate in Japan, bereits dort spürte ich eine enorme Anspannung. Immer wieder malte ich mir aus, wie es sein würde, in Korea auf dem Podest zu stehen. Ich war so überzeugt davon, dass ich es im Nachhinein fast als Vision beschreiben würde.

Am Tag des Wettkampfes fühlte ich mich komisch. Irgendwie war mir schlecht, und kurz bevor ich die erste Runde bestritt dachte ich mir: Wieso muss ich genau heute ran? Doch als es dann endlich losging, war alles wie ausgeblendet. Innert wenigen Sekunden legte ich meinen Kontrahenten auf den Boden und zog eine Runde weiter. Souverän kämpfte ich mich bis ins Halbfinale vor, wo ich unglücklich verlor. Eigentlich hatte ich die Vorteile in diesem Kampf auf meiner Seite, doch der Spanier Jesus Pardo kämpfte einfach cleverer als ich.

Ein letztes mal konzentrieren

Trotz der Enttäuschung über den verlorenen Halbfinal musste ich mich noch ein letztes Mal fokussieren. Denn mit einem Sieg über den Italiener Lorenzo Bagnoli im Kampf um Platz drei konnte ich die Bronzemedaille immer noch erreichen. Mein Trainer hat mir kurz vor dem Kampf nochmals gesagt, ich müsse alles Drumherum ausblenden. Nur der Kampf zählt. Rückblickend haben mir diese Worte wohl nochmals den letzten nötigen Schub gegeben.

Als ich dann Bagnoli gegenüberstand, spürte ich in mir: Das packe ich! Es war ein Gefühl des Vertrauens und der Klarheit, das mir verhalf, eine unglaubliche Präsenz auszustrahlen. Eine Präsenz, die sicherlich auch mein Gegenüber gespürt hat. Ich kann nicht mehr sagen, wieso ich mich so gefühlt habe - sicher lag es auch am jahrelangen, harten Training. Mir ist es einfach gelungen, am Tag X, dem Moment X, alles auf den Punkt zu bringen.

Im richtigen Moment

Schnell konnte ich die Oberhand zu gewinnen und meinem Gegner eine Strafe anhängen. Im richtigen Moment packte ich Schmitt an der Schulter und warf ihn rückwärts sauber auf den Boden - ein klarer, vorzeitiger Sieg. Da überkam mich ein überwältigendes Gefühl. Ein Gefühl der Zufriedenheit und des Glücks.

An diesem Tag ist es mir geglückt, meine eigene Vision wahr werden zu lassen.»