Wo beginnen, wenn es so viel zu erzählen gibt? Am besten beim Ende. Bei David Schmid, der den Siegermuni am Strick hält und irgendwie gar nicht so recht weiss, wie ihm geschieht. «Es ist ein Märchen, das Wirklichkeit wird», sagt er. Eines, das vor einem Jahr begann.

Damals, am 5. August 2018, wird Schmid Sieger des Nordwestschweizerischen Schwingfests in Basel. Sofort nach dem Erfolg spricht er von Wittnau, von seinem Heimfest, das er fortan als Titelverteidiger vorbereiten würde: «Der Auftritt zu Hause wird eine besondere Ehre sein.»
Plötzlich ist das Jahr vorbei und Schmid steht im Schlussgang. Gegen Andreas Döbeli braucht er einen Sieg, um das Fest in seiner Heimatgemeinde zu gewinnen.

Und Schmid gewinnt. Fast traumwandlerisch. «Es ist etwas, das sich nicht planen lässt, nicht kaufen. Es passiert einfach», sagt er danach. Unbezahlbar.

Der Sieger hilft beim Abbau mit

Jetzt also nur nicht aufwachen. Doch Schmid wäre längst geweckt worden. «David, David, David», schreien die meisten der 4000 Zuschauer während des Schlussgangs. Alle kennen ihn hier, den Mann, dessen Bauernhof ganz nahe am Festgelände steht. Für Montag und Dienstag hat er sich für die Abbauarbeiten des Festgeländes eingeschrieben. Ehrensache in Wittnau.

Schmids Erfolg ist verdient und bestens geplant. Weil ihn jeder kennt, sucht er während des Wettkampfs bewusst etwas Abstand. Sein Bruder Samuel, der den Kranz um 0,25 Punkte verpasst, wohnt direkt neben dem Festplatz. Die Garage der Überbauung dient den Brüdern als Rückzugsort. «Nur wenige wussten, wo wir sind», sagt David Schmid.

Ein Co-Sieger im Wirrwarr der Gefühle

Durch den Erfolg im Schlussgang ist David Schmid Sieger 1 a. Den Titel aber teilt er sich mit Andreas Döbeli. Der 21-jährige Freiämter hat die ersten fünf Gänge derart dominiert, dass er schon vor dem Schlussgang zumindest als Co-Sieger feststeht, weil Schmid selbst mit einem Sieg punktemässig nur zu Döbeli aufschliessen kann.

Und so kommt es. Durch die Niederlage im Schlussgang ist Döbeli Sieger 1 b. Schmid erhält den Muni, er ein Kalb als Lebendpreis. Es passt irgendwie zu Döbelis Gefühlen. «Es fühlt sich ziemlich zwiespältig an», sagt er über den Hauptgewinn ohne Hauptgewinn. Es ist der erste Kranzfestsieg seiner Karriere, selbstredend der klar grösste Erfolg in seiner Laufbahn als Sportler. Aber eben ist da auch diese Niederlage zum Schluss.

Schwingfest Wittnau wird zum Schmid-Fest

«Ich wäre gerne ganz allein Sieger geworden», sagt Döbeli im Wissen um die gute Ausgangslage. Selbst ein Gestellter hätte gereicht. «Aber hätte mir am Morgen jemand gesagt, ich teile am Ende den Festsieg auf Rang 1 b. Ich hätte sofort unterschrieben.»

David Schmid und der Kuss für die Freundin

David Schmid teilt offenbar ganz gerne. Schon vor einem Jahr, bei seinem ersten und bis gestern einzigen Kranzfestsieg, tat er das. Damals auf Rang 1 c. Weil die beiden Gäste Samuel Giger und Mike Müllestein im Schlussgang stellten, rückte Schmid nach und es wurde ein Siegertrio.

Gestern ist es ein Duo. Und erst noch eines aus der Nordwestschweiz, sind doch Schmid und Döbeli beide Aargauer. Trotz der Abwesenheit des verletzten Leaders Nick Alpiger sind die Aargauer die stärkste Fraktion im Teilverband. Von den 20 Kränzen gehen 11 in den Kanton. Die Solothurner holen vier, ins Baselland geht einer. Und viermal nehmen Gästeschwinger das beliebte Eichenlaub nach Hause.

Zurück zum Beginn. Oder zum Ende. Mit dem Muni am Strick küsst David Schmid seine Freundin. Sein Traum wurde wahr. «Am Montag schlafe ich aus. So bis acht Uhr. Für einen Landwirt ist das lange.»