Interview
«Fussball ist in erster Linie Chaos»: FC Aarau-Cheftrainer Stephan Keller gibt Einblick in Arbeit und Privatleben

Stephan Keller trifft heute Abend im Brügglifeld auf seinen Jugendklub und Tabellenführer GC. Was der Cheftrainer des FC Aarau von seinem Spitznamen hält, wie der Aufstieg in die Super League zu schaffen ist und wann er das Telefon auf Spanisch abnimmt, verrät er im Interview.

Sebastian Wendel
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FCA-Cheftrainer Stephan Keller gilt als Fussballprofessor. Im Interview wird deutlich warum.

FCA-Cheftrainer Stephan Keller gilt als Fussballprofessor. Im Interview wird deutlich warum.

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«Fussball-Professor» - gefällt Ihnen der Spitzname, den Sie im Umfeld des FC Aarau geniessen?

Stephan Keller: Ich habe davon gehört. Aber wie hat die AZ vom Spitznamen vernommen?

Er fällt immer wieder, wenn man sich mit Leuten im Brügglifeld über Sie unterhält. Empfinden Sie die Bezeichnung «Professor» als Kompliment?

Sie steckt mich in eine Schublade. Und ich habe schon bei meiner Antrittspressekonferenz gesagt, dass ich viele Facetten mitbringe. Der wahre «Fussball-Professor» ist für mich Arsène Wenger, ein Trainer, den ich dafür bewundert habe für den Stil, mit dem Arsenal unter seiner Führung gespielt hat. Also, es gibt sicherlich schlimmere Spitznamen.

Ursprünglich ist ein Professor ein Wissenschaftler – ist Fussball eine Wissenschaft?

Fussball ist in erster Linie Chaos. Doch es gibt Daten, die sollte ein Trainer in seine Arbeit einbeziehen. Vorausgesetzt, er und sein Team sind in der Lage, die Daten richtig zu interpretieren. Glück und Pech gehören dazu. Eine Mannschaft muss aber in der Lage sein, ihr Schicksal selber zu bestimmen.

Früher hat man von Abwehr, Mittelfeld und Sturm gesprochen. Heute heisst es: Zone 1, Zone 2, Zone 3. Doch das Ziel im Fussball ist seit jeher das Gleiche: Den Ball im Tor unterbringen, mindestens einmal mehr als der Gegner.

Die Cambridge-Universität hat den Fussball schon um 1900 herum wissenschaftlich untersucht. Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts gab es mehrere Wechsel von prägenden Spielstilen, zum Beispiel «Catenaccio» und «Voetbal Total». Dahinter steckten wissenschaftliche Prozesse. Doch die Technik und die öffentliche Akzeptanz sind erst seit wenigen Jahren so weit fortgeschritten, dass die Wissenschaft im Fussball den Raum bekommt, den sie verdient.

Läuft man als Trainer nicht Gefahr, sich in der Datenflut zu verzetteln?

Das Zauberwort heisst «Filtern». Ich habe definiert, welche Daten ich für meine Arbeit brauche, zusätzlich höre ich auf die Inputs von den Mitarbeitern meines Trainerstabs. Die wirklich guten Sportwissenschaftler, von denen es langsam immer mehr im Fussball gibt, die wissen, dass sie ihre Arbeit auf die Wünsche des Cheftrainers ausrichten müssen.

Obwohl Sie in keine Schublade passen: Gibt es einen Trainer aus Ihrer Spielerkarriere, dem Sie nacheifern?

Nein. Das mag daran liegen, dass ich in meiner Spielerkarriere mindestens alle zwei Jahre einen neuen Trainer hatte und mit keinem eine längere Phase meiner Karriere verbinde. Ich hatte alle möglichen Typen. Viele Gute, von denen ich sicher etwas mitgenommen habe. Auch einige ganz Schlimme waren dabei. Ich erinnere mich an zwei Trainer, die hauptberuflich Lehrer waren. Die dürfte man heute nicht mehr auf Kinder loslassen, weder im Fussball noch in der Schule.

Warum sind Sie nach der Aktivkarriere Trainer geworden?

Erst einmal: Weil ich den Fussball liebe! Schon als 19-Jähriger habe ich mich im GC-Nachwuchs mit Alain Geiger über das Trainersein unterhalten. Es gab dann Momente während der Aktivzeit, in denen ich mich danach sehnte, der Fussball-Bubble entfliehen zu können. Doch der Wunsch, in verantwortlicher Position etwas bewegen zu können, überstrahlte alles. Trotzdem bin ich auch abseits des Fussballs gewachsen und habe mir mit meiner Firma für Getränkeimporte ein zweites Standbein aufgebaut.

Zur Person

Geboren am 31. Mai 1979, absolvierte Stephan Keller seine fussballerische Ausbildung von 1986-99 bei den Zürcher Grasshoppers. Danach etablierte er sich bei Xamax, Kriens, dem FCZ und FC Aarau auf der Profistufe. Als U21-Nationalspieler war er Teil der «Titanen», die 2002 an der Heim-EM im eigenen Land in den Halbfinal vorstiessen. Unter Köbi Kuhn bestritt er drei A-Länderspiele. Nach Auslandstationen in Deutschland, Australien und Holland beendete er 2012 seine Aktivkarriere. Seit 2017 arbeitet Keller, dessen Frau und seine drei Kinder in Holland leben, wieder für den FC Aarau – seit diesem Sommer als Cheftrainer.

Als kritischer Zeitgeist müssen Sie die monetäre Entwicklung und der Werteverlust in der Fussball-Branche doch anwidern.

Natürlich habe ich mit vielem Mühe. Aber im Fussball ist es wie in anderen Branchen: Es gibt die Menschen, die wirklich Freude und Interesse am Job haben und darin ihre Berufung finden. Andere wollen sich nur bereichern. Wenn es mir beispielsweise als Börsenhändler um die Sache geht, lese ich nicht nur die Financial Times, sondern vertiefe mich auch in das Lokalblatt aus Kanada, um dort die richtige Investition zu finden. Dann können mir die Beweggründe des Kollegen egal sein, wenn der sich für hunderttausende Franken auf Geschäftskosten amüsieren geht. Ich liebe das tägliche Tüfteln für den Erfolg und die Auseinandersetzung mit den verschiedensten Charakteren einer Mannschaft. Ausserdem bin ich einfach gerne bei Wind und Wetter draussen!

Ist die Motivation auch, es besser zu machen als Ihre früheren Trainer?

Klar. Das geht aber einher damit, dass ich als Sportler in allem einen Wettkampf sehe. Ich bin zwar kein verbissener Eile-mit-Weile-Spieler, da fliegt nichts durchs Zimmer, aber gratis lasse ich niemanden gewinnen. Wenn mich mein Sechsjähriger im Schach mit einer extra Dame besiegt, dann freut mich das riesig. In dem Fall kann ich Niederlagen akzeptieren.

Kann auch Niederlagen akzeptieren: Stephan Keller.

Kann auch Niederlagen akzeptieren: Stephan Keller.

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Sie waren beim FC Aarau mit einer sechsmonatigen Pause drei Jahre Assistenzcoach. Wie schwer fiel es Ihnen, hinter den Entscheidungen Ihrer Chefs Marinko Jurendic und Patrick Rahmen zu stehen, auch wenn Sie es anders gemacht hätten.

Ich konnte mich mit den Dingen insofern identifizieren, dass ich jederzeit gerne beim FC Aarau geblieben bin. Ich habe meine Erfahrungen aus Deutschland, Australien und Holland den Cheftrainern zur Verfügung gestellt. Am Ende aber, das geht mir nun genauso, ist es der Chef, der entscheiden muss. Jeder in einem Fussballklub hat seine Rolle und ihre Kompetenzen zu akzeptieren.

Sie waren das Gegenteil vom Bilderbuch-Assistenten, der Hütchen aufstellt und brav abnickt, was der Chef vorgibt.

Loyalität bedeutet nicht, keine andere Meinung haben zu dürfen. Meine Meinung habe ich stets geäussert, sei es gegenüber dem Chefcoach, dem Sportchef oder dem Präsidenten. Die Resultate machen den Ton, in dem im Nachhinein über einen geredet wird – doch ich wüsste gerade niemanden, zu dem ich ein gestörtes Verhältnis habe oder hatte.

Seit Sie Cheftrainer sind, fährt der FCA einen neuen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Kurs. War das Ende der Altstar-Strategie die Bedingung, damit Sie als Cheftrainer übernehmen?

Ich bin seit meiner Ankunft hier in Aarau im Jahr 2017 der Meinung, dass sich der FC Aarau den Erfolg nicht erkaufen, sondern erarbeiten muss. Der FC Aarau ist ein super Klub, breit abgestützt, beliebt bei grossen Teilen der Bevölkerung, gloriose Vergangenheit. Aber momentan ist man weit weg von den Duellen 1993 mit der grossen AC Milan, die man damals in der Champions League fast rausgekegelt hat.

Der Erfolg der Vergangenheit als Last.

Der FC Aarau ist aus Gründen dort, wo er ist. Das Portemonnaie ist für Challenge-League-Verhältnisse zwar gut gefüllt, aber es gibt sicherlich besser betuchte Klubs. Aarau muss sich einen Aufstieg in die Super League erarbeiten. Sehen Sie: Der Unterschied zwischen 10 Millionen und 60 Millionen Budget widerspiegelt sich auf dem Platz. Der Rückstand von 6 auf 8 Millionen indes ist mit guter Arbeit wettzumachen. Mit unserem Präsidenten Philipp Bonorand haben wir einen Schaffer an der Spitze, der meine Ansichten teilt.

Der FC Aarau gilt als familiärer Klub. Zu familiär für eine bedingungslose Leistungskultur?

Im Gegenteil: Wenn sich die Angestellten von ihrem Arbeitgeber umsorgt fühlen und wissen, dass sie sich auch mal einen Fehler erlauben können, steigert das ihre Bereitschaft, für diesen Arbeitgeber an die Grenze zu gehen. Ich kann hier sehr viel von den Leuten fordern und tue das auch tagtäglich.

Anderes Thema: Dass Sie nach dem dritten Spieltag Captain Elsad Zverotic auf die Ersatzbank versetzt haben, sorgte für Irritationen. Wie hat sich die Massnahme auf Ihr Verhältnis zu Zverotic ausgewirkt?

Captain Elsad Zverotic musste in dieser Saison schon öfter auf der Bank Platz nehmen.

Captain Elsad Zverotic musste in dieser Saison schon öfter auf der Bank Platz nehmen.

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Überhaupt nicht, wir hatten und haben ein gutes Verhältnis. Ich habe ihm gesagt, er dürfe seine Enttäuschung drei Tage gegen aussen zur Schau tragen, danach erwarte ich vollen Fokus auf das nächste Spiel. Er hat durch seine Reaktion bestätigt, dass er ein Vorzeigeprofi ist und ich mit meiner Captain-Wahl richtig gelegen bin.

Als sich sein Ersatz Mats Hammerich vor dem Spiel in Thun verletzte, kehrte nicht Zverotic zurück in die Startelf, stattdessen spielte Petar Misic. Das wirkte, als habe der Verzicht auf Zverotic höchste Priorität.

Ich baue jede Startformation mit der Überzeugung, dass diese elf Spieler unseren Plan am besten umsetzen können. Auf die Visitenkarte nehme ich keine Rücksicht, es geht nur um Leistung. Ich versuche, alle Spieler gleichwertig zu behandeln. In die Beziehung zu Miguel Peralta etwa, der in dieser Saison nicht mehr spielen wird, investiere ich gleich viel wie in die Beziehung zu meinem Stürmer, der uns im nächsten Spiel zum Sieg schiessen soll. Für mich hat sich durch die Auswechslung nichts am Verhältnis zu Zverotic verändert. Indes verstand ich, dass er nicht in Stimmung war, um mit mir Witze zu reissen.

Soll ein Spieler Ihnen als Befehlsempfänger oder als Partner begegnen?

Uns vereint das gleiche Ziel: Spiele gewinnen. Ich habe gerne mündige Spieler, ich war selber einer, der viel hinterfragt hat. Aber man muss aufpassen: Wenn ich die Spieler jeden Tag frage, wie sie es denn machen würden, verliere ich meine Autorität. Zudem müsste ich ihnen die Hälfte meines Lohnes überweisen, da dann ja die Spieler meine Arbeit machen würden. Viele Spieler wollen sich gar nicht zu viele Gedanken machen, sie brauchen Anweisungen, um sich nicht zu verlieren. Dort Sicherheit und Struktur zu geben, ist ein grosser Teil meiner Arbeit.

Seit dieser Saison trägt das Spiel des FC Aarau unverkennbar eine Handschrift. Das ist Ihr Verdienst!

Wie viele Spiele haben wir verloren? Gleich viele, wie wir gewonnen haben. Nach vier Monaten ist es zu früh für Bilanzen. Statistisch gehören wir europaweit zu den Mannschaften, die im Verhältnis zum Aufwand am schlechtesten wegkommen. Wir nützen aktuell nur 20 Prozent unserer Torchancen. Mittelfristig wollen wir uns jederzeit für den Aufwand belohnen.

Konnte seinem Team eine eigene Handschrift verpassen: Stephan Keller.

Konnte seinem Team eine eigene Handschrift verpassen: Stephan Keller.

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In Ihrer Sprache heisst das: Spiele strukturell gewinnen. Was soll der Laie darunter verstehen?

Gewinnen, weil man in allen messbaren Belangen die bessere Mannschaft ist. Ohne auf Wettkampfglück oder Gutgesinnung des Schiedsrichters angewiesen zu sein.

Wir sind gespannt! Stephan Keller – können Sie aus sich rauskommen? Einen Abend lang lachen?

Lustig: Die Menschen, die mich näher kennen und meinen Humor teilen, die haben immer eine glatte Zeit mit mir. Ich weiss, worauf Sie hinauswollen...

Sie gelten als unnahbar, als schwer greifbar, als unberechenbar.

Mir ist wichtig, dass mein näheres Umfeld, beruflich und privat, mich einschätzen kann. Jedoch: Ich hatte an Sponsoren- oder Fantreffen mit dem einen oder anderen FCA-Sympathisanten einen amüsanten Abend.

Kokettieren Sie gegen aussen mit Ihrer Nüchternheit, teilweise sogar mit zynischen Zügen?

So bin ich. Authentisch zu sein, ist mir am wichtigsten.

Ihre Frau und Ihre drei Kinder leben in Holland – belastet Sie das?

Wir sehen uns weniger, als es in einer harmonischen Familie sein sollte. Mein Sohn wurde auch schon gefragt, ob seine Eltern geschieden seien. Meine Frau und ich müssen in dieser Hinsicht bei anderen Eltern und Lehrern proaktiv für klare Verhältnisse sorgen: Wir sind glücklich verheiratet, aber ich arbeite momentan im Ausland. Dafür geniessen wir die Zeit, die wir gemeinsam verbringen, umso intensiver.

Ist die räumliche Trennung von der Familie für Sie sogar ein Vorteil – so gibt es für Sie im Alltag nur den FC Aarau?

Als Cheftrainer kommt immer etwas zu kurz: Entweder der Fussball oder die Familie. So gesehen ist es ein Vorteil, wenn mich abends um sieben Uhr niemand zum Znacht erwartet. In der Schweiz bin ich mit dem FC Aarau verheiratet.

...und wohnen in Zürich Tür an Tür mit Ihren Schwiegereltern. Sind Sie ein Traum-Schwiegersohn oder haben Sie Traum-Schwiegereltern?

Ich habe Traum-Schwiegereltern! Aber wir profitieren gegenseitig voneinander. Ich von Kost und Logis und sie, wenn mal wieder undurchsichtige Versicherungsvertreter anrufen und ich auf Spanisch das Telefon abnehme.

Haben Sie und Ihre Frau sich eine Frist bis zum Ende der räumlichen Trennung gesetzt?

Ursprünglich waren es ab 2017 fünf Jahre, wegen den Unterbrüchen darf die Phase nun sicher bis 2023 dauern.

Das Jahr, in dem Ihr Vertrag beim FC Aarau ausläuft. Und danach?

Dann sehen wir weiter. Dass wir als Familie unseren Wohnsitz komplett in die Schweiz verlegen, ist schwer vorstellbar. Die älteren Söhne sind 18 und 16 und echte Holländer, sie gehen auf ein eigenes Leben zu. Wer sesshaft geworden ist, sollte schätzen, was er hat.