Sportlerin im Lockdown
Gefangen in der bayrischen Blase: Ramona Härdis gebrauchter Winter

Eisschnellläuferin Ramona Härdi aus Möriken wartet in Inzell (D) auf Wettkämpfe, die möglicherweise gar nie stattfinden. Sie versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und sich im Hinblick auf eine Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking in Position zu bringen.

Nicolas Blust
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Ramona Härdi auf dem St.-Moritzer-See.

Ramona Härdi auf dem St.-Moritzer-See.

ZVG

Es ist ein gebrauchter Winter für die Eisschnellläuferinnen um die Aargauerin Ramona Härdi. Statt von Wettkampf zu Wettkampf zu reisen, ist das Schweizer Nationalkader in den bayrischen Alpen abgeschottet. Erste Wettkämpfe finden frühestens im Januar statt. Die 23-jährige Härdi nutzt den Winter deshalb bereits als Vorbereitung für Olympia 2022.

Die Mörikerin hält sich momentan mit dem Nationalkader der Eisschnellläuferinnen im bayrischen Inzell fit. Dort profitieren die Schweizerinnen von einer modernen Infrastruktur und einer der schnellsten Eisbahnen in Europa. Jedes Jahr ist das Schweizer Kader dort stationiert und reist von da aus an die jeweiligen Wettkämpfe.

Wettkämpfe, die momentan nicht stattfinden. Bis Ende Jahr sind sämtliche Weltcup-­Rennen abgesagt. Deswegen halten sich die Eisschnellläuferinnen um Ramona Härdi momentan in Inzell in einer Blase auf, aus der sie nicht herauskommen. In Deutschland gilt seit Anfang November wieder ein Lockdown. Das bedeutet, dass sämtliche öffentlichen Einrichtungen geschlossen sind. Eine Ausnahme bildet die Eishalle, die von Profisportlern weiterhin zum Training genutzt wird.

Komplett isoliert: Nur noch Kontakt im eigenen Team

Da es in der Eishalle bei mehreren Teams zu Coronafällen kam, versuchen die Schweizer, möglichst wenig Kontakte zu haben: «Nach den vielen Fällen in der Eishalle haben wir beschlossen, uns komplett zu isolieren.» Das bedeutet, keine Kontakte ausserhalb des eigenen Kaders. Da wird einem schnell einmal langweilig.

«Wir versuchen, viel gemeinsam zu machen. Wir kochen zusammen, spielen Gesellschaftsspiele und machen Spaziergänge», beschreibt Härdi ihren Tagesablauf. «Wenn ich alleine bin, lese ich gerne ein Buch oder telefoniere mit meinen Liebsten zu Hause.» Obwohl nur online, hilft der Kontakt mit der Familie zu Hause, für eine kurze Zeit aus der Blase in Inzell auszubrechen.

Trotz der misslichen Lage sieht die 23-Jährige die Saison als Chance für die Zukunft. «Ich fokussiere mich in dieser Saison auf das Training», sagt Härdi. Sowieso wäre sie momentan noch nicht konkurrenzfähig, da sie im Sommer mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte: «Ich habe im Sommer fast drei Monate nicht im vollen Umfang trainieren können.» Schmerzen in den beiden Knien und im Rücken durchkreuzten Härdis Vorbereitungspläne. Deswegen sagt die Eisschnellläuferin aus Möriken auch: «Für mich sind die Absagen halb so schlimm.»

Mittlerweile trainiert die 23-Jährige aber wieder auf dem Eis. Es stehen neben dem harten Training Material- und Trainingstests auf dem Programm. «Dieser Winter ist eine komplette Aufbausaison für den nächsten Winter.» Ohnehin ist noch unklar, ob in dieser Saison überhaupt noch Wettkämpfe statt­finden.

«Dieser Winter ist eine Aufbausaison»

Die erste Saisonhälfte hat der internationale Verband relativ schnell abgesagt. Seither wird versucht, die EM im Januar durchzuführen. Ein Austragungsort ist noch unklar, vieles deutet aber darauf hin, dass die Wettkämpfe in Holland über die Bühne gehen. Ursprünglich wären in diesem Winter auch noch die Weltmeisterschaften auf dem Programm gestanden. Diese finden traditionell im Land der nächsten Olympischen Spiele statt. Die WM in Peking ist aber bereits abgesagt. Ob die internationalen Titelkämpfe in einem neuen Austragungsort stattfinden, steht auch noch in den Sternen.

So ist Härdi also gezwungen, in die Zukunft zu schauen. Das grosse Ziel sind die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Bis dahin gilt es, sich bestmöglich vorzubereiten. Beim Rückblick auf die letzten Winterspiele hat sie gemischte Gefühle: «Sportlich lief es damals nicht nach Plan. Dennoch war es eine tolle Erfahrung und ich habe sehr viel daraus gelernt.» Diese Erfahrungen sollen bei den nächsten Spielen helfen, schliesslich ist das Fernziel klar definiert: «Im Kopf hoffe ich, ein olympisches Diplom holen zu können.» Dafür will sie in diesem Winter die Weichen stellen – trotz Lockdown.