Stefan Lützelschwab gibt sich abgebrüht. Mit 41 Jahren ist er der älteste Radballer in der NLA. Er hat schon so vieles gesehen und erlebt. Bloss eines ist ihm bis heute verwehrt geblieben: ein Platz auf dem Podest bei einer Schweizer Meisterschaft.

Am Samstag, 20. Oktober, bietet sich ihm und seinem Partner auf Rädern, Renato Bianco, die nächste Chance. Und wenn er nun darüber spricht, dann «fängt es schon ein wenig an, zu kribbeln», wie Lützelschwab zugibt.

Mit gutem Grund: Das langersehnte Podest scheint greifbar nah. Die beiden Fricktaler Radballer glauben daran, den favorisierten Teams aus Altdorf, Pfungen und Mosnang einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und wenn die beiden am Samstag die Spiele ihres Lebens abliefern? «Dann werden wir Schweizer Meister», sagt Bianco lachend.

Ein gutes Gefühl trotz Aussenseiterrolle

Das Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Die beiden Freunde spielten eine so konstante Saison wie schon lange nicht mehr. Sie konnten gegen jedes Team mithalten, die Spiele eng gestalten – und sie haben jeden der vier Gegner vom Samstag in der Qualifikationsphase mindestens einmal bezwingen können. «Das gibt dir ein gutes Gefühl, auch wenn du als Aussenseiter aufs Feld fährst», erklärt Lützelschwab.

«Das gibt Gänsehaut-Momente»

Am Samstag treffen in Liestal die besten fünf NLA-Teams aufeinander und machen den Titel unter sich aus. Auf der Strecke geblieben sind vier weitere Teams der höchsten Liga. Erwischt hat es auch die Lokalmatadoren Andry Accola und Lukas Oberer. «Das ist natürlich schade für sie, dass sie nicht an ihrer Heim-Meisterschaft antreten dürfen», sagt Lützelschwab.

Dafür geniessen nun womöglich die beiden Meler noch mehr Unterstützung. «Aufgrund der Nähe kann ich mir gut vorstellen, dass wir nun auch von den Liestalern angefeuert werden», sagt Bianco. Sicher ist ihnen die Unterstützung der eigenen Fans. «Das pusht ungemein und gibt oft Gänsehaut-Momente», sagt Lützelschwab.

Gesunde Mischung aus Sicherheit und Risiko

So kurz vor dem entscheidenden Tag haben die beiden in den Trainings dieser Woche nur noch an den letzten Details gefeilt, Automatismen verfeinert. «Vor allem die Ausführung von Standardsituationen haben wir noch oft trainiert, viele Kilometer abgespult, intensiv gespielt und kombiniert», sagt Bianco. Es ist ihre grösste Stärke, das schnelle Kombinationsspiel.

Überstürzen wollen sie trotzdem nichts. «Ich denke, dass im ersten Spiel eine gesunde Mischung aus Sicherheit und Risiko entscheidend sein wird», sagt Lützelschwab. Bianco ergänzt: «Zu Beginn sicher agieren, nicht zu viel zulassen und mit der Zeit versuchen, das Spieldiktat in die Hand zu nehmen – das ist unser Plan.»

Blindes Vertrauen

Damit dieser Plan aufgeht, muss alles zusammenpassen. «Das Zwischenmenschliche macht 50 Prozent des Erfolgs aus», sagt Bianco. Man müsse einander blind vertrauen können. Das können die beiden Meler: Seit 13 Jahren spielen sie zusammen in der NLA, trainieren wöchentlich zwei Mal in der Halle zusammen und sind seit Anfang Jahr auch noch Nachbarn. Sie betonen: «Unsere Freundschaft geht weit über den Radsport hinaus.»

Wenn es nach dem 41-jährigen Lützelschwab geht, soll dieses Duo noch viele Jahre bestehen bleiben. «Radball ist alles für mich. Trotz Familie, zwei Kindern, Beruf und meinem fortgeschrittenen Alter kann ich mir ein Leben ohne Radball nicht vorstellen. So lange ich diese Freude am Sport verspüre, werde ich weiterspielen», sagt er.

Etwas anders sieht dies der 33-jährige Bianco: «Nach 2020 ist Schluss. Ich habe Familie, zwei Kinder und viel zu tun im Geschäft. Ich werde dann auf 27 Jahre Radball zurückblicken.»

Weltcupfinal in Möhlin

Trotzdem: Bis 2020 werden die beiden sicherlich weitermachen. Dann findet in Möhlin der Weltcupfinal statt. Und falls sich Lützelschwab und Bianco nicht auf sportlichem Weg dafür qualifizieren sollten, könnten sie als Organisator von einer Wildcard profitieren. «Dieses Highlight wollen wir bestimmt noch zusammen erleben», sind sich die beiden einig. Vorerst aber gilt ihre ganze Aufmerksamkeit der Schweizer Meisterschaft vom Samstag.