Sofort fällt der Verdacht auf das Norovirus, das derzeit bei den Olympischen Spielen grassiert und schon zu Restaurant-Schliessungen und rund 200 Erkrankungen geführt hat. «Ab zwei Fällen besteht Meldepflicht», sagt Noack. Er organisiert Abstriche bei den Athleten, um den Erreger identifizieren zu können. Die Polyklinik im Olympiaort wird die Proben auswerten. Noack erwartet einen Bescheid bis Donnerstagabend spät.

Unabhängig der Vorschriften von IOC und Veranstalter werden die beiden Athleten von den restlichen Sportlern und Delegationsmitgliedern isoliert. «Das machen wir bei jedem Infekt strikt und unmittelbar», sagt der Chefarzt, «denn das Schlimmste, was an einem solchen Anlass passieren kann, ist eine massenhafte Ansteckung.» Vor einem Jahr bei der nordischen Ski-WM in Finnland wurde der Langläufer Ueli Schnider nach einem grippalen Infekt sogar nach Hause geschickt.

Zimmerservice bei den Kranken

So weit ist man hier nicht. Weil der Krankheitsverlauf atypisch für den Norovirus ist, hofft Noack auf eine einfache Magenverstimmung. Bösch und Ambühl werden innerhalb des olympischen Dorfs je in ein Einzelzimmer in der Peripherie des Schweizer Sektors verlegt. «Dort bleiben sie vorläufig. Das Essen wird ihnen aufs Zimmer gebracht und sie haben die Order, alle Oberflächen und Gegenstände, die sie berührt haben, zu desinfizieren. Kontakt zu anderen Teammitgliedern ist strikt verboten.»

Noack ist allerdings guten Mutes, dass die beiden am Sonntag zu ihrem Wettkampf antreten können. Von der Regelung der Veranstalter, wonach Athleten in der Quarantäne ein temporäres Startverbot erhalten, will er hingegen nichts wissen. «Wir haben die Fälle vorschriftsmässig gemeldet und gleichzeitig mitgeteilt, dass unser Medical Team die Angelegenheit selber regelt. Wir halten uns an die Vorgaben des IOC.» Allerdings braucht auch die Kommunikation mit der Klinik einiges an Nerven, «denn zuerst muss man jemanden ans Telefon kriegen, der gut genug englisch spricht», sagt Noack.

Jedenfalls bedeutet der abendliche Notfall, dass Patrik Noack erst kurz vor 1 Uhr nachts ins Bett kommt. Ausschlafen liegt nicht drin. Weniger wegen des persönlichen Einsatzplans. Dieser sieht für ihn die nordischen Skisportler vor. Er steht bei den Langläufern, den Biathleten und den Skispringern im Stadion. Sie betreut er während der Saison auch als Verbandsarzt. Und deren Wettkämpfe finden hier erst am Nachmittag oder Abend statt.

Dennoch klingelt der Wecker bereits nach weniger als sechs Stunden Schlaf. Um 7 Uhr findet das tägliche Briefing von Swiss Olympic mit ihm und den Delegationsleitern der verschiedenen Disziplinen statt. Den Einsatzplan der acht Ärzte und rund 25 Physiotherapeuten hat man bereits im Vorfeld ausgearbeitet. Dennoch ist Flexibilität gefragt. Gerade an diesem Donnerstag, denn aufgrund der starken Winde werden gleich drei Rennen auf diesen Tag verschoben: die Männer-Abfahrt, der Frauen-Riesenslalom und der Biathlon-Wettkampf der Frauen. Täglich um 7.30 Uhr war eine Sitzung des Medical Teams angedacht. Die hat man schon kurz nach dem Olympiastart wieder gestrichen. «Die Einsatzzeiten sind zu unterschiedlich, als dass dieser Termin Sinn macht», begründet Noack. Flexibilität gehört zum Job dazu.

Sportarzt Patrik Noack (l.) zusammen mit Dario Cologna bei der Dopingkontrolle nach dessen Olympiasieg in Sotschi.

Sportarzt Patrik Noack (l.) zusammen mit Dario Cologna bei der Dopingkontrolle nach dessen Olympiasieg in Sotschi.

Solche braucht es gestern auch nach dem Langlauf der Frauen. Nathalie von Siebenthal wird zur Dopingprobe gebeten. Ziemlich spontan und ohne vorgängige Ankündigung. Noack erhält per Funk die Meldung und organisiert eine Person, welche der Athletin bei der Prozedur zur Seite steht. Auch bei überraschenden Besuchen der Dopingtester im Village früh morgens oder spät abends sind Schweizer Ärzte dabei. «Zumindest bei den diesbezüglich eher unerfahrenen Athleten». Ein Dario Cologna kennt den Ablauf einer Dopingkontrolle inzwischen auswendig.

Lara Guts Sturz ohne Folgen

Während der Wettkämpfe fungieren die Mediziner und Physios meistens als Helfer. Selten gibt es kleine Notfallsituationen. «Ein Athlet hat kurz vor dem Start noch Kopfweh, ihm ist übel oder er hat einen Fremdkörper im Auge», nennt Noack aktuelle Beispiele. Beim Skispringen braucht es die Präsenz im Falle eines Sturzes. «Es ist für einen Athleten in einem solch schwierigen Moment immer gut, einen vertrauten Arzt um sich zu haben.»

Am Donnerstag bleiben solcherlei Notfallaufgaben Gott sei Dank aus. Der einzige spektakuläre Sturz widerfährt Lara Gut. Doch Patrik Noack findet spät abends in den Rückmeldungen des Arztes vor Ort keinen Hinweis auf einen medizinischen Einsatz deswegen. Vor dem Feierabend rapportieren alle Ärzte detailliert Einsätze und Massnahmen. Noack trägt diese danach ins Online-Meldesystem des IOC ein, das genau Buch führt über die ärztliche Arbeit aller Nationen. Gestern ist die Arbeit schnell erledigt. Ein angeschlagener Knöchel, eine Aphte im Mund und ein Umlauf am Finger. Alles Bagatellfälle! Und vielleicht schmerzt bei den Eishockeyanern der eine oder andere blaue Fleck angesichts des Resultats doch etwas stärker als gewöhnlich.

Lara Gut, of Switzerland, skis down after leaving the course during the first run of the Women's Giant Slalom at the 2018 Winter Olympics in Pyeongchang, South Korea, Thursday, Feb. 15, 2018., Thursday, Feb. 15, 2018. (AP Photo/Michael Probst)

Lara Gut stürtze am Donnerstag spektakulär.

Lara Gut, of Switzerland, skis down after leaving the course during the first run of the Women's Giant Slalom at the 2018 Winter Olympics in Pyeongchang, South Korea, Thursday, Feb. 15, 2018., Thursday, Feb. 15, 2018. (AP Photo/Michael Probst)

Bitte lass mich ausschlafen

Viel zu diskutieren und rapportieren gab es im Schweizer Team vor allem zu Beginn der Olympischen Spiele. Die beiden verletzt angereisten Snowboarder Iouri Podladtchikov und David Hablützel hielten die Ärzteschaft auf Trab. Während es bei Hablützels schmerzhaftem Hämatom am Rücken vor allem darum ging, die wirkungsvollsten Therapien zu definieren, bereitete Podladtchikovs Hirnverletzung auch den Medizinern Kopfschmerzen. Die Bilder eines MRI vor Ort wurden via Computer-Programm «WeTransfer» an Spezialisten in der Schweiz geschickt und dort ausgewertet. Noack bezeichnet den Starverzicht der zwei Medaillenkandidaten «als letztlich vernünftige Entscheidung».

Inzwischen schlägt es am Donnerstag bereits wieder Mitternacht. Der Schweizer Chefarzt weiss auch 24 Stunden nach dem Abstrich nicht, ob es sich bei Bösch und Ambühl nun um das Norovirus handelt oder nicht. Die Rückmeldung der Polyklinik bleibt aus. Eine gute Nachricht gibt es für Patrick Noack zur späten Stunde doch noch. Das Meeting von Swiss Olympic um 7 Uhr fällt am Freitag ausnahmsweise aus. Deshalb ist die letzte Handlung vor dem Zu-Bett-Gehen eine SMS: «Bitte ruf mich morgen früh nicht an. Ich will ausschlafen.»