Eishockey WM

Achtung, Falle: Die Schweizer Eishockey-Nati und die heikle Aufgabe, den WM-Exploit zu bestätigen

Der Gewinn der Silber-Medaille im vergangen Jahr hat die Erwartungshaltung rund um die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft akzentuiert. Dass die Bestätigung eines solchen Exploits nicht immer einfach ist, hat die WM-Geschichte zur genüge gezeigt.

Beobachtete man die Schweizer Delegation in den Tagen vor dem WM-Auftakt am Samstag gegen Italien (12.15 Uhr; live SRF 2), dann fiel vor allem etwas auf: Der Versuch, die richtige Balance zwischen gesundem Selbstvertrauen und der nötigen Demut zu finden. Als amtierender Vize-Weltmeister, der vor Jahresfrist in Kopenhagen nur hauchdünn am ganz grossen Triumph vorbeigeschrammt war, darf man durchaus mit einem gewissen Selbstverständnis an die Aufgaben, die in Bratislava auf die Schweizer Auswahl warten, gehen.

Das heisst vor allem, dass man in den ersten vier Partien des Turniers gegen die in der Weltrangliste hinter den Eisgenossen klassierten Teams aus Italien, Lettland, Österreich und Norwegen der Favoritenrolle gerecht wird. Vier Siege in diesen Spielen dürften gleichbedeutend mit der Qualifikation für den Viertelfinal und damit mit dem Erreichen des Minimalziels sein.

Mehr Klasse, mehr Breite

Dass man gegen diese Mannschaften Siege erwarten darf, hat nichts mit Arroganz zu tun. Sondern mehr mit der Tatsache, dass sich die Schweiz gegenüber diesen Nationen, die während Jahren auf Augenhöhe agierten (besonders Lettland und Norwegen), inzwischen punkto Klasse und Breite Richtung Spitze distanziert hat.

Keine dieser Mannschaften verfügt über NHL-Stars vom Kaliber eines Roman Josi oder eines Nico Hischier. Keine dieser Mannschaften verfügt auch noch im vierten Sturm über Spieler, die mit ihrer Klasse für die Differenz sorgen können. Diese Einschätzung hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern entspricht ganz einfach der Realität.

Trotz dieser erfreulichen Ausgangslage müssen die Schweizer aber aufpassen. Womit wir beim Thema Demut sind. Auch wenn man in den vergangenen zwei Jahren gegen diese «Gegner auf Augenhöhe» mit einer Ausnahme (2017 in Paris gegen Frankreich) in acht Vergleichen immer als Sieger vom Eis ging, so lauert die Gefahr, dass die Schweizer Spieler eben doch im dümmsten Moment stolpern. Denn so talentiert die Schweizer Auswahl auch sein mag: diese Kontrahenten bieten stets die Gelegenheit, einen schmerzhaften Fehltritt zu produzieren.

Dazu genügt schon ein Blick auf die Resultate der letzten paar Auftaktspiele der Schweizer: Im vergangenen Jahr setzte man sich gegen Aufsteiger Österreich erst nach Verlängerung durch. 2017 verdaddelte man gegen Aufsteiger Slowenien eine 4:0-Führung und setzte sich erst im Penaltyschiessen durch. 2016 unterlag man Aufsteiger Kasachstan im Penaltyschiessen. Und zu schlechter Letzt liess man auch 2015 gegen die aufgestiegenen Österreicher einen Punkt liegen.

Die jugendliche Welle

Die Schweizer stehen also in Bratislava vor der heiklen Aufgabe, die richtige Mischung zwischen selbstbewusstem Auftreten und dem nötigen Fokus zu finden. Auch deshalb war im Umfeld der Mannschaft immer wieder zu hören, dass man den letztjährigen Exploit von Kopenhagen bei der Erwartungshaltung im Hinblick auf die aktuelle WM total ausblenden müsse. In der Tat ist es so, dass jedes Turnier sein eigenes Drehbuch hat, welches nicht immer so verläuft, wie man es gemeinhin erwartet. Zur Erinnerung: Im Jahr nach der sensationellen Silber-WM von Stockholm 2013 enttäuschten die Schweizer auf der ganzen Linie und beendeten das Turnier auf Platz 10.

Zu berücksichtigen gilt es in diesem Zusammenhang auch, dass sich die Physiognomie der Schweizer Mannschaft selbst im Vergleich zu jener vom Vorjahr verändert hat. Es sind zwar noch 15 Spieler aus der Silber-Truppe dabei. Aber mit Nino Niederreiter und Timo Meier fehlen beispielsweise zwei der grössten Leistungsträger, die mit ihrer physischen Präsenz immer wieder den Unterschied ausgemacht haben.

Auf der anderen Seite verfügen die Schweizer mit Nico Hischier heuer über einen Center der Extraklasse. Etwas, was man hierzulande schon seit Jahrzehnten notorisch vermisst hat. Hischier ist ein Spieler, der sogar von den renommierten Gegnern als «Star» tituliert wird.
Der Walliser verkörpert die jugendliche Welle, welche über das Silberteam hereingeschwappt ist.

Neben dem 20-jährigen Hischier stehen mit dem 19-jährigen Mittelstürmer Philipp Kuraschew und dem 18-jährigen Verteidiger Janis Moser insgesamt drei extrem junge WM-Debütanten im Schweizer Team. Im grossen Bild ist das eine äusserst erfreuliche Entwicklung für das Schweizer Eishockey. Im kleinen Bild, oder eben im Zusammenhang mit dem aktuellen WM-Turnier, könnte diese Unerfahrenheit aber auch ein Handicap sein.

Viertelfinal ist Pflicht

Was, also, kann man von dieser Schweizer Nationalmannschaft in der Slowakei erwarten? Die Viertelfinalqualifikation ist für dieses Team, mit diesem Talent, ein Muss. Alles andere wäre eine Enttäuschung. Das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern entspricht einer realistischen Einschätzung des Potenzials dieser Auswahl. Wenn also die Spieler mit der richtigen Mentalität zu Werke gehen und so den am Wegrand lauernden Fallen ausweichen, dann wird man an der Schweiz auch in diesem Jahr viel Freude haben.

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