Leise Hoffnung keimt auf. Vielleicht gibt es doch noch einen Grund zu Polemik. Fast zehn Minuten dauert es, bis die Kabinentüre aufgeht und Trainer Luca Cereda herauskommt. Er muss getobt haben. Seine Mannschaft hat in Biel kläglich verloren (1:5). Aber er ist nicht laut geworden. Es gibt keine Polemik. Er hatte bloss noch ein wenig in der Trainergarderobe gekramt. In Ambri tobt im Jahre des Herrn 2017 niemand mehr.

Das ist neu, vernünftig und auf seltsame Weise beunruhigend. Die Mannschaft steht nach 32 Runden mit 34 Punkten (83:106 Tore) ziemlich genau gleich da wie letzte Saison (32 Punkte/78:102 Tore). Aber vor einem Jahr rockte es gewaltig.

Eifrig sägten so ziemlich alle am Stuhl des Trainers und schliesslich fegte die Polemik Hans Kossmann im Januar aus dem Amt. Ein solches Szenario ist inzwischen undenkbar. Vernunft ist im Tal der emotionalen Hockeyunvernunft eingekehrt.

«Stell dir vor, Ambri verliert und niemand merkt es?»

Einerseits erfreulich. Andererseits beunruhigend. Was, wenn wir mit Berthold Brecht sagen können: «Stell dir vor, Ambri verliert und niemand merkt es?»
«Das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung», sagt Ambri-Trainer Luca Cereda, im Amt so unbestritten wie der Papst. Nach einem sonnigen Herbst sei man jetzt in der Realität angelangt.

«Wir sind dort, wo man uns erwartet hat, und nun müssen wir mit dieser Realität leben lernen und darauf achten, dass wir nicht nachlässig werden und unsere neu gewonnene Identität nicht verlieren.» Ein wenig hat die Mannschaft die Situation gestern geübt.

«Es gelte, das Spiel in Anstand zu Ende zu bringen.»

Nach dem ersten Drittel wird Verteidigungsminister Nick Plastino geschont. Damit er eine Muskelversteifung im Nacken rechtzeitig vor der Partie morgen in Genf auskurieren kann. Nach zwei Dritteln steht es 5:1 für Biel. «Ich habe in der zweiten Pause gesagt, dass es ein schwieriges letztes Drittel wird. Für den Torhüter, für die Verteidiger, für die Stürmer und für uns Trainer auf der Bank. Aber es gelte jetzt, das Spiel in Anstand zu Ende zu bringen.» Und das ist gelungen. Es steht auch am Ende 5:1.

Die Playoffs sind so gut wie weg, die Versuchung ist gross, nun mit ein bisschen «Spengler-Cup-Hockey» durch die restliche Qualifikation zu segeln und dann im Februar die Schraube wieder anzuziehen. «Nein, das dürfen wir nicht», sagt Luca Cereda. Sonst gehe alles verloren, was man im Herbst gewonnen habe. Es wäre also «Spengler-Cup-Hockey» auf dem Vulkan des Existenzkampfes.

Die bange Frage ist nämlich, ob ein vernünftiges Ambri im Fegefeuer eines Existenzkampfes bestehen kann. Auf den ersten Blick scheint diese Frage absurd. Seit den Jahren des Ruhmes (Playoff-Final 1999) geht es mehrheitlich um den Ligaerhalt. Wir leiden, wir kämpfen, also sind wir. Oder doch nicht?

Droht der wahre Existenzkampf?

Ambri hat in allen Liga-Qualifikationen, also im ultimativen Existenzkampf, gegen die NLB-Sieger Langenthal und Visp dreimal bloss Operetten-Hockey gespielt. Auch wenn es nie jemand offen gesagt hatte – weder Langenthal noch Visp wollten aufsteigen. Das könnte anders werden. Wenn die Lakers oder Olten die NLB gewinnen sollten, droht dem vernünftigsten Ambri der Neuzeit zum ersten Mal in diesem Jahrhundert ein wahrer Existenzkampf.