American Football
Die sichere Bank auf dem Footballfeld wechselt in die Versicherungsbranche

Der Basler Tim Jesse Hagmann gewinnt mit den Dresden Monarchs den German Bowl, tritt zurück und arbeitet bald in einer Versicherung.

Riccardo Ferraro
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Tim Hagmann (links) feiert mit seinen Teamkollegen AJ Wentland (Mitte) und Kaulana Apelu (rechts) den Titel.

Tim Hagmann (links) feiert mit seinen Teamkollegen AJ Wentland (Mitte) und Kaulana Apelu (rechts) den Titel.

Bild: Ben Gierig – Fotografie

37 Milliarden Jahresumsatz und der, an der Zuschauerzahl gemessen, grösste Sportevent der Welt. Das sind nur zwei Fakten, welche die National Football League (NFL) beschreiben. In Amerika hat American Football einen hohen Stellenwert, doch in der Schweiz wird ebenfalls Football gespielt. Tim Jesse Hagmann, einer dieser Schweizer Footballer, gewann mit seinem Team am vergangenen Wochenende den German Bowl. Ganz so gross wie der Super Bowl in den USA ist dieser Event nicht. Er fand jedoch im Fussballstadion von Eintracht Frankfurt und vor 35000 Zuschauern statt. Und er wurde live im Free-TV übertragen.

Begonnen hat Hagmann bei den Basel Gladiators. In der Schweiz gibt es damals nur zwei Juniorenstufen. Eine U13, für die er zu alt ist, und eine U19. Mit Hilfe seines engagierten Vaters, der ebenfalls ein Footballspieler war, wird 2008 eine Zwischenstufe, die U16, gegründet. Von da an arbeitet sich Hagmann bis ins erste Team der Gladiators. «Football ist in der Schweiz ein reiner Amateursport», sagt Hagmann. Im Vergleich dazu werden die Jungen in den USA schon früh auf den professionellen Weg geleitet.

Über die Nati zu den Spitzenklubs Europas

Sein Talent bleibt nicht unentdeckt. Hagmann wird 2017 für die Schweizer Nationalmannschaft aufgeboten und kommt dort zu seinem Début. Nach kurzer Zeit wird ein Scout auf ihn aufmerksam. Dieser lädt ihn an ein Combine nach London ein, zu einem Probetraining also, in dem Athletik und sportspezifische Fähigkeiten gemessen werden. Bei diesen Tests überzeugt er und wird zum Besten «Defensive Back» gewählt. Mit dieser Auszeichnung im Sack flattern die Angebote von europäischen Spitzenklubs herein.Er sagt:

«Es kamen Angebote aus Finnland und den oberen zwei deutschen Ligen.»

Hagmann entscheidet sich für Deutschland und wechselt zu den Dresden Monarchs.

Für die Deutschen ist es nichts Neues, dass ausländische Spieler ihr Team verstärken. «Sie freuten sich. Nicht ganz so, wie wenn einer aus Amerika kommen würde, der es nur knapp nicht in die NFL geschafft hatte, aber sie freuten sich», sagt Hagmann. Die Schweizer Footballliga ist in Deutschland nicht genug bekannt dafür. Sein Teamkollege Jonas Gacek sagt: «Ich war natürlich gespannt, da ich vom Schweizer Football bisher kaum etwas gesehen hatte.» Als Schweizer in Deutschland ist Hagmann mit diversen Vorurteilen konfrontiert. So hört er anfangs, dass die Schweizer nicht hart genug sind und zu viel Geld besitzen. Dafür bringt er Schokolade mit und, wie es sich für einen echten Basler gehört, auch Basler Läckerli. Hagmann sagt lachend:

«Die Deutschen dachten, dass ich sie damit bestechen wollte.»

Mit seinen Leistungen auf dem Platz überzeugt er die Skeptiker und erarbeitet sich Respekt. Für Gacek sind die Stärken Hagmanns Leadership und dass er es schafft, die ausländischen Spieler ins Team zu integrieren. «Zusammenhalt ist für mich das Wichtigste. Dank der Sprache konnte ich den Dolmetscher spielen und so die Englischsprechenden mit den Deutschen zusammenbringen», sagt er.

Der German Bowl als Karrierehighlight

Die Monarchs starten in diesem Jahr als klarer Favorit in die Saison und verlieren prompt ihr erstes Spiel. «Das hat es gebraucht, um zu merken, dass es nicht einfach so von allein läuft», sagt Hagmann. Anschliessend gewinnen sie jedes Spiel. Sie werden Nordmeister und haben in den Playoffs Heimrecht. «Das ist ein grosser Vorteil, so hast du auch in diesen Spielen deine Routine», erklärt Hagmann. Die Monarchs wissen, dass sie zu Hause kaum geschlagen werden, und spielen sich in den Final. Dort wartet der Rekordmeister aus Schwäbisch Hall. Gegen diesen Gegner hatten die Monarchs in den letzten drei Saisons noch verloren.Hagmann sagt:

«Die Stimmung vor dem Spiel war sehr konzentriert, aber ruhig.»

Das Spiel in Frankfurt verläuft dann wie ein Film. Die Monarchs gehen in Führung und müssen diese bis zur Halbzeit wieder abgeben. «Ich habe in der Halbzeit nochmals zum Team gesprochen und ihnen gesagt, dass wir nur noch 24 Minuten in dieser Saison haben und alles geben müssen», sagt Hagmann. Das Spiel wendet sich und die Monarchs gewinnen zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte den Titel. Gacek sagt zu Hagmanns Leistung: «Er war wieder eine sichere Bank. Ich bin glücklich, mit ihm zum besten Team Europas zu gehören.»

Die Feier auf dem Feld ist für Hagmann speziell, er kann kaum fassen, was gerade passiert ist und bedankt sich als Erstes bei seinen Eltern. Erst am vergangenen Dienstag bei der Meisterfeier realisiert er, was genau passiert ist und beginnt es zu geniessen. Er sagt:

«Wir Spieler kommen und gehen. Aber die Leute hier machen einen unbeschreiblichen Job.»

Ebenfalls an diesem Dienstagabend bespricht der German All-Star und Schweizer Nationalspieler die Zukunft mit seinem Trainer. Er sagt ihm, dass er zurücktreten wird und ab November bei der AXA seine wirtschaftliche Karriere startet. «Es ist ein spezieller Moment, die Schuhe an den Nagel zu hängen. Man muss gehen, wenn es am schönsten ist», sagt er. In die NFL hat es für den Basler nicht gereicht. In Europas bestem Team hat er sich etabliert, Respekt verschafft und die Schweizer Farben bekannt gemacht.

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