An der WM in Hamburg hat die Zürcher Blockspezialistin Joana Heidrich mit ihrer Berner Defensivpartnerin Anouk Vergé-Dépré bislang einen überzeugenden Eindruck hinterlassen. Mit drei Siegen aus ebenso vielen Spielen hat sich das Duo den Gruppensieg gesichert und bestreitet heute den Sechzehntelfinal.

Wenn sie die Faust nach einem erfolgreichen Block in den Himmel reckt, dann wirkt es, als wäre bei der 190 Zentimeter grossen Heidrich alles wie früher in den unbeschwerten Tagen. Selbstverständlich ist das nicht: Ein Bandscheibenvorfall am Heimturnier von Gstaad hat sie vor Jahresfrist abrupt aus dem Sandzirkus herausgerissen. Aber: Ein Jahr nach ihrer Rückenoperation ist Heidrich auf dem beschwerlichen Weg zurück an die Weltspitze schon weit gekommen.

Und just im richtigen Moment zeigt die Formkurve der 27-jährigen Powerangreiferin und ihrer gleichaltrigen Defensivpartnerin Vergé-Dépré nach oben: Die WM in Hamburg und das darauffolgende Major in Gstaad bilden zwei wegweisende Wochen, in denen es nicht nur um Medaillen, sondern auch um besonders viele Olympia-Qualifikationspunkte geht.

Stechende Schmerzen

Während an der WM täglich höchstens ein Spiel zu absolvieren ist, stehen an normalen Turnieren bis zu deren drei auf dem Programm. «Ich denke, jede von uns, die so intensiv Sport betreibt, muss lernen, mit Schmerzen umzugehen.» Schulter und Rücken seien schon immer ein bisschen ihre Problemzonen gewesen, sagt Heidrich. Das habe sie schon länger geplagt, in einem erträglichen Bereich allerdings.

«Aber es gibt Schmerzen und Schmerzen», spricht sie den Bandscheibenvorfall von vor Jahresfrist in Gstaad an. «Während eines Spiels merkte ich plötzlich, dass ich mit dem linken Fuss nicht mehr richtig abdrücken konnte.» Sie erlebte in der Folge nie gekannte, stechende Schmerzen, von Spass an Beachvolleyball konnte keine Rede mehr sein. Der Entscheid, zu operieren, sei eine Erleichterung gewesen. Zu wissen, dass sie diese Schmerzen nicht mehr aushalten müsse.

Sich selber besser kennen gelernt

Vor allem aber eröffnete die Verletzung die Chance für einen Neubeginn. «Ich konnte bezüglich Rumpf und Rücken bei null beginnen und einen sauberen muskulären Wiederaufbau machen», erklärt Heidrich. Nach drei Wochen startete sie mit einem intensiven Programm, tauchte praktisch täglich in der Schulthess-Klinik in Zürich auf und durchlief motiviert reich befrachtete Reha-Tage.«Es klingt vielleicht komisch, aber ich hatte fast weniger Zeit als vorher.

Schön war aber, dass ich dadurch im Sommer viel mehr zu Hause war als üblich. Das hat mir sehr gut getan und mein Umfeld hat mir viel Mut gemacht. In dieser Zeit habe ich auch meinen Körper definitiv besser kennen gelernt.»

Sie habe auch gelernt, dass nicht immer alles optimal laufen könne, wie sie das zuvor fast ein bisschen als selbstverständlich angesehen habe. Seither schätze sie auch ihren Job als Volleyballerin viel mehr als zuvor. Diese positive Grundhaltung begünstigte den Heilungsverlauf, der optimal verlief. So ging Heidrich beim wettkampfmässigen Wiedereinstieg nach sechs Monaten Pause davon aus, gleich wieder am alten Niveau anknüpfen zu können. Das wurde durch den 9. Platz in Den Haag untermauert. Aber es folgte die Ernüchterung mit Platzierungen als 25., 25. und 17. Die Automatismen waren weg, der Bewegungsablauf gehemmt.

In die Qualifikation verbannt

«Da musste ich nochmals in ein tiefes Loch fallen, um den Fokus verändern zu können, bis ich auch akzeptieren konnte, dass es noch nicht sofort wieder top sein konnte. Ich muss mir immer wieder sagen: ‹Hey, das ist erst ein Jahr her.›» Eine Situation, die auch für die Partnerin nicht einfach war und dementsprechend viel Verständnis und Geduld erforderte.

Kam hinzu, dass Heidrich/Vergé-Dépré vor drei Wochen beim Turnier in Warschau in die Qualifikation verbannt worden waren, weil sie aufgrund der Verletzung in der Setzliste weit zurückgefallen waren. Der starke 9. Schlussrang könnte sich im Nachhinein als Wendepunkt auf dem Weg zurück an die Weltspitze erweisen.

Gedanken bei Olympia

Wie es um ihre WM-Verfassung genau steht, weiss Heidrich selbst nicht so richtig: «Es gibt Tage, da kann ich bereits wieder 100 Prozent abliefern, aber auch solche, wo ich meinen Rücken noch spüre, wo es mich zwickt. Es ist noch kein Verlass darauf», sagt Heidrich. Immerhin, die ständige Angst vor einem Rückfall, die sie lange verfolgt hat, ist fast verschwunden:

«Ich finde immer mehr in meine normalen Bewegungen hinein.» Die starke Leistung im zweiten Gruppenspiel, als sie die als Nummer 3 gesetzten Kanadierinnenbesiegten, erinnerte jedenfalls phasenweisean das Topniveau des Duos Heidrich/Vergé-Dépré.

Und im Hinterkopf sind die Gedanken bei den beiden Spielerinnen auch immer wieder etwas bei Olympia. Für die Qualifikation für Tokio kommen bis zum 14. Juni 2020 die zwölf besten Resultate in die Wertung. «Unser Saisonstart war mässig, aber ich habe gar keine Panik. Die drei neunten Plätze können wir sicher schon mal in die Wertung nehmen und es kommen noch viele Gelegenheiten», sagt Heidrich entspannt. Es ist die Gelassenheit einer, die gelernt hat zu relativieren. Und die an Schmerzen gereift ist, körperlich wie mental.