Analyse
Warum im Hockey die Staatshilfe noch wichtiger ist als im Fussball

Die Eishockey-Klubs fordern eine Abänderung der Staatshilfe-Regelung, obwohl sie die Gelder schon beantragt haben. Eine Analyse zu den Bundeshilfen im Schweizer Profisport.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Spät, aber noch nicht zu spät sind die Bosse der Bosse erwacht. Soeben haben die Präsidenten (nicht die Manager und Sportchefs) der zwölf Klubs der höchsten Hockeyliga in einer gemeinsamen Erklärung eine Abänderung der Staatshilfe-Regelung gefordert. Es war die erste Krisensitzung dieser Art in der Neuzeit. Was zeigt: Die Not ist gross.

Der HC Davos (Benjamin Baumgartner, links) und der HC Ambri-Piotta (Zaccheo Dotti) müssen kämpfen.

Der HC Davos (Benjamin Baumgartner, links) und der HC Ambri-Piotta (Zaccheo Dotti) müssen kämpfen.

Bild: Jürgen Staiger/Keystone

Wäre diese Staatshilfe-Regelung ein Auto, dann würden alle Wagen vom Werk sofort zurückgerufen. Wegen eines gravierenden Konstruktionsfehlers. Der Bund bezahlt den Fussball- und Hockeyklubs die Ertragsausfälle, die durch die geschlossenen Stadien (Geisterspiele) entstanden sind. Das ist vernünftig und richtig. Die Klubs haben ohne eigenes Verschulden diese Einnahmen verloren. Die Schweiz hat mit Steuergeldern ja auch Banken gerettet, die nicht wegen einer Pandemie in die Bredouille geraten sind. Sondern durch Missmanagement, ja sogar durch illegale Geschäftspraktiken.

Aber Sport ist eben etwas anderes als die Finanzindustrie. Die Eishockey- und Fussballmeisterschaften sind ein Teil des Unterhaltungsbusiness. Sport ist einfach und klar. Jeder kennt sich aus. Die Finanzindustrie ist selbst für Fachleute oft ein spanisches Dorf. Deshalb haben wir im Land bloss ein paar Hundert Banker. Aber mindestens sieben Millionen Trainer und Manager im Fussball und im Hockey. Quer durch alle Gesellschaftsschichten scheinen alle ganz genau zu wissen: Die Stars verdienen zu viel! Die Löhne müssen runter! Deshalb werden nun staatliche Hilfen an eine populistische Forderung geknüpft: Nichts bringt Politikern so viel Applaus beim Stimmvolk wie die Forderung nach Lohnreduktionen der Fussball- und Hockeystars.

Staat macht das Geld von einem Vertragsbruch abhängig

Die Klubs müssen, wenn sie Hilfsgelder aus der Staatskasse wollen, die Durchschnittslöhne der oberen Gehaltsklassen (ab 148 200 Franken im Jahr) individuell reduzieren. Nicht die Gesamtlohnsumme. Was machbar wäre. Um dieser Forderung nach reduzierten Durchschnittslöhnen nachkommen zu können, müssen einzelne rechtsgültige und einklagbare Verträge gebrochen werden. Das ist das Absurde an der Situation: Der Staat macht letztlich eine Unterstützungsleistung von Vertragsbruch abhängig. Das hat es so in der Geschichte der modernen Schweiz (seit 1848) noch nicht gegeben. So bleiben den hilfsbedürftigen Klubs drei Optionen. Erstens: Arbeitsverträge brechen. Zweitens: Die Stars dazu bringen, freiwillig auf Geld zu verzichten. Drittens: Auf Staatshilfe verzichten.

Müssen jetzt die Hockey-Stars, wie Mikkel Boedker vom HC Lugano, auf Geld verzichten?

Müssen jetzt die Hockey-Stars, wie Mikkel Boedker vom HC Lugano, auf Geld verzichten?

Pascal Muller/Freshfocus

Wegen dieser Ausgangslage wollen die meisten Fussballklubs die Staatshilfe nicht in Anspruch nehmen. Aber nur einer von zwölf Hockeyklubs ist bereit, zu verzichten (Lausanne). Die höchste Schweizer Liga hat nach der NHL weltweit die höchsten Zuschauerzahlen (fast 7000 pro Spiel). Im Hockey sind die Klubs viel stärker auf den Ticketverkauf angewiesen als im Fussball. Zumal es keine Einnahmemöglichkeiten aus internationalen Wettbewerben gibt. Und im Hockey ist der Arbeitsmarkt weitgehend auf die Schweiz begrenzt. Die Manager haben im Hockey bei der Personalpolitik viel weniger Spielraum als ihre Kollegen im globalisierten Fussballbusiness. Für das nationale Hockeygeschäft ist die Staatshilfe von existenzieller Bedeutung, die Bedingungen sind noch schwieriger zu erfüllen als im Fussball.

Die Hockeybosse haben sich zu wenig mit dem Problem beschäftigt

Wie konnte es zu dieser Ausgangslage kommen? Und warum kommt der Hilferuf der Hockeybosse erst jetzt? Weil sie sich zuvor zu wenig mit diesem Problem beschäftigt haben. Im Eishockey kümmern sich die Bosse (die Besitzer und Verwaltungsräte) viel weniger ums Tagesgeschäft als im Fussball. Sie lassen ihren Managern und Sportchefs in der Regel viel grössere Freiheiten.

So schwerwiegend das Problem bei der Ausgestaltung der Staatshilfe, so einfach die Lösung: Eigentlich müsste das Parlament die Bundeshilfen für den Profisport von der Lohnfrage abkoppeln und damit den Zugang zu den Hilfsgeldern erleichtern. Es gibt in den anderen Branchen diese Verbindung mit den Salären ja auch nicht. Aber diese Abkoppelung ist unrealistisch. Hingegen darf eine Korrektur – Gesamtlohnsumme und nicht mehr Durchschnittslöhne als Berechnungsgrundlage – erwartet werden. Schliesslich leben wir in einem funktionierenden Rechtsstaat.