Analyse zur EM
Die Macht des Fussballs bleibt – trotz Corona

Kritische Fragen werden diese Europameisterschaft begleiten. Auch, aber nicht nur wegen Corona. Doch die EM in den kommenden Wochen könnte trotzdem eine Klammer werden für viele Menschen, die ihre Lebensfreude wieder finden.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
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Im Stadio Olympico in Rom beginnt heute Abend die EM mit dem Spiel Italien-Türkei. Die Schweiz trifft am Samstag in Baku auf Wales.

Im Stadio Olympico in Rom beginnt heute Abend die EM mit dem Spiel Italien-Türkei. Die Schweiz trifft am Samstag in Baku auf Wales.

Foto: Claudio Peri / EPA ANSA

Es ist noch nicht allzu lange her, da schien diese Europameisterschaft undenkbar. Fussball spielen? Vielleicht die ungeliebten Geisterspiele. Aber Zuschauer? Und dann Partien verteilt in ganz Europa, weil ausgerechnet während dieser Pandemie die EM in elf statt nur einem einzigen Land stattfinden muss? Nein, sicher nicht! Corona ist stärker.

Etienne Wuillemin.

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Foto: Sandra Ardizzone

Doch ist es anders gekommen. Das Turnier findet tatsächlich statt. Heute beginnt es in Rom mit dem Eröffnungsspiel Italien-Türkei. Und in gut einem Monat steht der Europameister fest, am 11. Juli steigt im Wembley in London der Final. Vielleicht steht in den kommenden Wochen tatsächlich der Sport im Vordergrund. Wenn die Corona-Fälle weiter zurückgehen, sich die Lage in allen Ländern stabilisiert. Für den Moment gilt aber: Die Skepsis ist noch immer weit verbreitet, und die kritischen Fragen omnipräsent. Die Selbstverständlichkeit, mit der Uefa-Boss Alexander Ceferin die Gastgeberstädte unter Druck setzte, trotz Corona Zuschauer zuzulassen, war irritierend. Und bestätigte wieder einmal die weit verbreitete Sichtweise, dass sich der Fussball gerne und ohne jede Scham überhöht. Aber eben auch, dass die Macht des Fussballs unverändert hoch ist.

Die Idee der Uefa, zum 60-­Jahre-Jubiläum eine EM mit ganz vielen Gastgebern zu organisieren, passt durchaus zu diesem Selbstverständnis. Der Fussball als Bindeglied für die Politik, als völker­verbindendes Opium. Diese Visionen verbreitet der europäische Fussballverband nur allzu gerne. Die Fragen zu den vielen unnötigen Flugkilometern und Sponsoren mit zweifelhaftem Ruf werden weggelächelt.

Es sind diese Umstände, die es einem schwierig machen, die eigentliche Idee dieser EM zu sehen: Dass viele Fussball-Fans in ganz Europa verteilt zu Hause feiern können. Dabei hat das durchaus etwas Sympathisches. Gerade in diesen schwierigen Zeiten. Denn was lange undenkbar schien, könnte tatsächlich eintreffen: Dass diese EM die Klammer ist für die ersten Wochen «post Corona», in denen die Menschen ihre Lebensfreude wieder finden.

Noch muss die Euphorie erst entstehen. Und trotz Lockerungen und Impffortschritt wird die gewohnte Unbeschwertheit eines grossen Fussball-Turniers kaum in voller Blüte zu sehen sein. Aber vielleicht ist das auch eine Chance. Denn selten waren die Erwartungen an einen Sport-Grossanlass kleiner. Vielleicht schafft es ja die Schweizer Nati an diesem Wochenende, mit einem Sieg gegen Wales für eine Welle der Freude zu sorgen. Und irgendwie würde es passen, wenn der lang ersehnte Exploit, die Viertelfinalqualifikation, ausgerechnet in diesem Jahr glückt.