Tennis

Australian Open: Roger Federer und die Liebe zum Spiel mit «dem Messer am Hals»

Roger Federer überzeugt zum Auftakt der Australian Open.

Roger Federer überzeugt zum Auftakt der Australian Open.

Roger Federer gewinnt in der ersten Runde der Australian Open seinen ersten Ernstkampf seit über zwei Monaten. Es ist ein Sieg, der Gewissheit spendet. Und die Ambitionen auf den Turniersieg unterstreichen.

Er spielte in Lateinamerika und China, pendelte zwischen der Schweiz, New York und Dubai, investierte zwischen 50 und 100 Millionen in den Zürcher Laufschuhhersteller On, und geriet ins Visier der Klimajugend: Roger Federer, der Ehemann, Familienvater, Unternehmer, Botschafter und Werbeträger. Dabei spiele er immer noch Tennis, das sei der Grund, weshalb er in Melbourne sei, rief der 38-Jährige in Erinnerung. Und das, als wäre er nie weg gewesen. 62 Tage nach seiner Halbfinal-Niederlage bei den ATP Finals gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas besiegt er in der ersten der Australian Open den Amerikaner Steve Johnson (30, ATP 75) mit 6:2, 6:3, 6:1. Federer erbringt dabei auch den Nachweis, dass er abseits des Schwenkbereichs der Kameras auch vor seinem 21. Jahr mit der Tennis-Karawane härter arbeitet, als mancher vermuten würde.

Während sein Gegner in den letzten beiden Wochen durchspielte und am Samstag noch ein Challenger-Turnier gewann, hat Federer seit über zwei Monaten kein Spiel mehr bestritten. Auch deshalb sprach er im Vorfeld davon, seine Erwartungen seien tief, er bewege sich im Ungewissen. Ob Understatement oder nicht, von Startschwierigkeiten ist beim Baselbieter nichts zu spüren. Das Gros des Spiels in der Rod Laver Arena wird unter geschlossenem Dach gespielt. Nicht wie befürchtet wegen der durch Buschbrände verursachten Feinstaubbelastung, sondern wegen Regens, der beim Stand von 4:1 im ersten Satz über Melbourne niedergeht. «Das war eine sehr gute erste Runde für mich», sagt Federer, der noch einmal bekräftigte, «sehr hart trainiert» zu haben. «So, wie ich das immer tue.»

Federer und die Balllieferung nach Dubai

Wie wenig sich an seinen Ambitionen geändert hat, manifestiert sich in den Details. So lässt er sich die Bälle, mit denen bei den Australian Open gespielt wird, an seinen Zweitwohnsitz Dubai liefern, wo er sich auf die neue Saison vorzubereiten pflegt. «Das ist normal, das mache ich vor allen grossen Turnieren», sagt der Baselbieter. Sein Verzicht auf den ATP-Cup habe zur Folge, dass er vier, fünf Tage mehr Pause gehabt habe. «Denn das Ziel ist, in der zweiten Woche mental und körperlich frisch zu sein», sagt Federer. Gegen Johnson sei ihm für eine erste Runde der perfekte Match gelungen. «Ich weiss nun, wie es ist, das Messer am Hals zu haben.» Als 20-facher Grand-Slam-Sieger weiss er, dass man die grossen Turniere nicht in der ersten Woche gewinnen, aber sehr wohl verlieren kann. Dann nämlich, wenn man in den Strudel von Banalitäten und gerät, der den Fokus vom Wesentlichen abrücken lässt. Passiert ist ihm das nur selten.

Bei den Australian Open hat Roger Federer auch bei seiner 21. Teilnahme die Startrunde überstanden. 1998 erreichte er in Melbourne im Turnier der Junioren die Halbfinals, im Jahr darauf scheiterte er als 18-Jähriger noch in der Qualifikation, 2000 besiegte er den ehemaligen French-Open-Sieger Michael Chang, damals immerhin noch die Nummer 38 der Welt, und erreichte die dritte Runde. Dort unterlag er dem Franzosen Arnaud Clément indessen klar. Auf einen Franzosen könnte der sechsfache Melbourne-Sieger auch am Mittwoch treffen. Dann nämlich, wenn sich der Qualifikant Quentin Halys (ATP 215) gegen den Serben Filip Krajinovic (ATP 41) durchsetzen sollte. Roger Federer, 38-jährig, Ehemann, Familienvater, Unternehmer, Werbeträger und Botschafter ist zurück in seiner absoluten Lieblings-Rolle – jener als Tennis-Spieler.

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