Der Himmel ist wolkenlos. Es ist heiss und es blendet. Die Sonne brennt auf den weiten Betonplatz nieder, auf dem der Tenniscourt steht. Wolkenkratzer rahmen la Coeur de la Défense ein – das Zentrum des Quartieres La Défense am westlichen Rand von Paris. Raffaele Mariani kneift die Augen zusammen, wirft den Tennisball hoch hinauf und serviert wuchtig. Sein Gegenspieler aus Japan kann nicht retournieren. Die Zuschauer, die während ihrer Mittagspause aus den hohen Bürogebäuden hinausströmen, applaudieren.

Während wenige Kilometer entfernt die besten Tennisspieler der Welt die ersten Runden der French Open bestreiten, machen in La Défense 20 Talente aus 20 verschiedenen Ländern ihre ersten Schritte in der Profiwelt. Das Nachwuchsturnier «Longines Future Tennis Aces» ist für die höchstens 12 Jahre alten Spieler der bisher wichtigste und professionellste Wettkampf.
Mittendrin ist auch Raffaele Mariani, das 12-jährige Basler Tennistalent. Der Blondschopf wurde vom Schweizerischen Tennisverband für das Turnier selektioniert.

Die Partie gegen den Japaner verliert er nach hartem Kampf. Es ist seine dritte Niederlage – und weil ein einziger Sieg nicht reicht, um in die Viertelfinals einzuziehen, scheidet Mariani nach der Gruppenphase aus. Enttäuscht ist er schon. Natürlich hat auch er vom Turniersieg und der glänzenden Trophäe geträumt, die jener der French Open so ähnlich sieht. «Ich war in den ersten beiden Spielen einfach zu verkrampft», analysiert Mariani. Trainer Rodolphe Handschin teilt die Meinung seines Schützlings und fügt an: «Raffaele hatte auch Pech bei der Auslosung – er hat mit Abstand die schwerste der vier Gruppen erwischt.»

Erlebnis statt Ergebnis

Die Auslosung in der ersten Etage des Eiffelturms, die beiden Trainingstage vor dem Turnier mit Persönlichkeiten wie dem belgischen Ex-Profi Christophe Rochus und dem erfahrenen französischen Juniorentrainer Rémy Barbarin, die Sightseeing-Tour in Paris, der Nachmittag bei den Tennisidolen in Roland Garros – das Gesamterlebnis ist es, das für Mariani die Bitterkeit des Ausscheidens abschwächt. «Ich werde alles tun, um wieder so ein Turnier spielen zu können», sagt er.

Doch der Weg zur Erfüllung dieses Wunsches ist lang und voller Stolpersteine. Oder «Löcher», wie es Handschin sagt. «Man kann während einer Karriere so oft daneben treten. Die Jungs mögen jetzt die Besten ihrer Altersklasse sein – ob jemand von ihnen den Durchbruch schafft, kann niemand sagen. Dieses viertägige Turnier ist wie ein Spurt, eine Karriere aber ist wie ein Marathon.»

Die aussergewöhnliche Anlage, die berühmten Coaches, die zahlreichen Medienvertreter: Es prasseln viele Eindrücke in kurzer Zeit auf die Jungen ein. Auf dem Platz zeigt sich, wie sie damit umgehen. Mariani ist eher still und brav. Im Gegensatz zu anderen, die laut fluchen und wild gestikulieren. So unterschiedlich die Mentalität der Spieler ist, so verschieden ist auch deren körperliche Entwicklung. Die Grössten überragen die Kleinsten um mehr als einen Kopf – ein weiterer Faktor, der am Juniorenturnier über Sieg und Niederlage entscheidet.
Mariani spielt Tennis, seit er fünf Jahre alt ist. Er trainiert in der TIF Tennis Academy in Allschwil, 15 Stunden pro Woche, zwei davon nur Kondition, und spielt an die 15 internationale Turniere pro Jahr. Daneben besucht er die sechste Klasse der Primarschule. Werden Talente verheizt? «Wir spielen All-In», sagt Handschin. «Wir tun unser Möglichstes für Raffaeles Karriere – und schauen, was dabei herauskommt.»

Karriere ohne Zitronensaft

Für ihn bedeutet das, eben gerade nicht zu viel zu trainieren: «Man darf die jungen Talente nicht auspressen wie eine Zitrone. Das Ziel kann nicht sein, dass sie mit 18 Jahren aufhören, Tennis zu spielen, weil sie bis dahin den Durchbruch nicht geschafft haben.» Darum sei die Ausbildung wichtig und nötig. Gerade im Tennis, wo nur so wenige bis an die Spitze – wo die Kasse klingelt -– vorstossen. Mariani sagt: «Ich habe nicht so viel Freizeit wie meine Kollegen. Doch es stört mich nicht, ich liebe das Tennis.»

Es ist ebendiese Leidenschaft, welche die 20 Jungen aus aller Welt in Paris zusammengebracht hat. Innert einer Woche sind sie zu einer verschworenen Truppe zusammengewachsen. Sie machen Liegestütz-Wettbewerbe, zeigen sich Videoclips auf ihren Handys und scherzen miteinander – sie verständigen sich auf Englisch.

Am letzten Abend, nach dem Final, den der junge Spieler aus Polen für sich entschieden hat, dinieren alle zusammen mit ihren Trainern und Eltern in einem «Bateau-Mouche», einem flachbäuchigen Schiff auf der Seine. Die Sonne geht unter. Der Himmel glüht gelb und rosa. Raffaele Mariani sitzt entspannt auf dem weichen Stuhl und beobachtet das Farbenspiel. Paris, die Stadt der Liebe – hat hier in diesen Tagen eine grosse Tenniskarriere begonnen?