«Darf ich das behalten?», fragt Albian Ajeti am Ende eines eineinhalbstündigen Gesprächs, in dem er sich in bester Plauderlaune zeigt. Das, was Ajeti gerne behalten möchte, ist ein Bild von ihm, ausgedruckt auf einem Blatt Papier. Es ist ein Bild vom 6. April 2014, als Ajeti rund einen Monat nach seinem 17. Geburtstag sein Debüt in der Super League gibt für den FCB.

Der Gegner heisst Thun, am Ende steht es 0:0. Vier Minuten nur steht er auf dem Platz, «danach habe ich mich gefühlt wie ein Profi. Dafür reichten diese paar Minuten», sagt er und lacht. Eine Prise Wahrheit steckt in seinen Worten. «Du fühlst dich danach reifer, stärker, erwachsener. Das ist wirklich so. Du hast auf einmal dieses Gefühl, dass du das geschafft hast, wovon im Nachwuchs alle träumen», erinnert er sich.

Seither sind 98 weitere Super-League-Spiele dazu gekommen. 42 Tore und 19 Assists konnte er verbuchen. «Das ist keine so schlechte Quote, oder?» Es sind Statistiken, die er nicht auswendig kennt. Die er sich im Rahmen des Gesprächs anschaut, in dem es eigentlich um das gehen sollte, was am Samstag passiert: Dann steht Ajeti, – wie bereits bei seinem Debüt eineinhalb Monate nach seinem Geburtstag – das hundertste Mal in der Super League auf dem Platz.

«Ganz ehrlich, das wusste ich nicht. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich bereits so weit bin.» Das sei eine gute Leistung. Denn: «Ich sage immer: Profi werden ist schwer. Aber Profi zu bleiben ist noch viel schwieriger.» Es habe schon so viele Spieler gegeben, die mal in der Super League oder in anderen Ligen gespielt hätten, und heute nirgends mehr sind. «Daher erfüllt es mich mit stolz, dass ich bereits so viele Spiele habe absolvieren dürfen.»

Die innere Unzufriedenheit

Aus dieser Zeit ein Spiel herauszupicken, welches sein schönstes war, fällt ihm schwer. Zu viele schöne Momente habe er bereits erleben dürfen. «Das Spiel gegen Lausanne, in dem ich mein erstes Tor erzielt habe ist sicher eines davon. Und das 5:1 gegen YB Ende letzter Saison.» Letzteres, weil man Ehre und Stolz zumindest ein wenig wieder hatte herstellen können, nachdem die Berner den Baslern den Meistertitel weggeschnappt hatten. Die Berner, sie stehen aber auch im Zentrum beim schlimmsten Spiel Ajetis.

Natürlich. Es ist dieses 1:7, diese Schmach von vergangenem September. «Das tat richtig weh. Dort auf dem Platz zu stehen, in diesem Moment und mit diesem Resultat ... Das wird mich noch lange nerven.» Aber nicht nur kollektive Ausfälle sind es, die Ajeti nerven. So hat er in einem Trainingslager Schuhe weggeworfen, weil er im Testspiel zwei Grosschancen hat liegen lassen. «Wenn ich wie im Zürich-Spiel ein Tor mache, aber einige Chancen liegen lasse, bin ich trotzdem unzufrieden.» Sich selber komplett zufriedenzustellen, sei beinahe unmöglich, gibt er zu.

«Manchmal wird mir das zum Verhängnis. Ich kann mich nach einer schlechten Leistung nicht entspannen, oder nicht wirklich glücklich sein. Selbst wenn wir gewinnen. Ein anderes Beispiel: Sie sagen mir, dass ich 100 Super-League-Spiele habe. Statt dass ich mich freue und mir auf die Schulter klopfe, war mein erster Gedanke, dass ich auch gerne schon 100 Bundesliga-Spiele hätte.» Diese Situation charakterisiere ihn. Sie sagt viel über den unheimlich ehrgeizigen Menschen Albian Ajeti, der sich im Sportler Albian Ajeti wiederfindet. «Das», sagt er, «dieser Ehrgeiz, ist auch der Punkt, der mich so anders macht als meine beiden Brüder.»

Aber nicht nur über sich kann er sich nerven. Es sind auch Fakten, wie jene, dass er gegen Luzern kaum trifft. Einmal nur hat er es bisher geschafft. «Ich weiss nicht, wieso sie mir nicht liegen. Aber es passt, dass mir gegen Luzern vor zwei Wochen ein Tor aberkannt wurde.» Dies sei eines seiner skurrilsten Spiele in seiner momentan noch 99-Super-League-Spiele umfassenden Karriere gewesen. Dafür ist jenes eine Tor gegen Luzern – gegen seinen heutigen Mitspieler Jonas Omlin – eines der schönsten gewesen.

«Weil es optisch schön war und weil ich endlich gegen Luzern treffen konnte!» Ajeti holt sein Handy hervor. Er will sich das Tor noch einmal anschauen, und es auch jenen zeigen, die mit am Tisch sitzen. Ajeti ist stolz und lebt das auch aus. Wenn es um seine schönen Tore geht, kommt er noch mehr in Redelaune. Eigentlich hätte er an diesem Nachmittag einen Spanisch-Kurs gehabt, aber er sitzt im Interview und erzählt.

Einen Spanisch-Kurs? «Ja, das hätten Sie jetzt nicht gedacht, oder?» Aber nicht nur damit überrascht er. Beim Spanisch lernen helfe ihm sein Französisch, das sehr gut sei. «Wieder überrascht, oder?» Ajeti erzählt die Geschichte, wie er in der U16 einem Probespieler helfen wollte. Er sei Franzose gewesen, sei immer allein gewesen.

«Er hat mir leid getan, deshalb habe ich ihn gefragt, ob wir essen gehen. Ich konnte aber nicht mit ihm reden. Also habe ich die Sätze auf Google übersetzt, um ihn zu fragen, was er bestellen möchte. So lernte ich mit der Zeit immer mehr Französisch, konnte auf einmal nutzen, was ich in der Schule gelernt hatte und schrieb gar eine Sechs in der nächsten Prüfung.» Sein Gegenüber in diesem Moment zu überraschen, geniesst er fast noch mehr, als über seine Erfolge zu sprechen.

«Und wissen Sie noch was? Ich lese im Moment ein Buch. Es geht um Erfolg, wie man sich richtig verhält in gewissen Situationen.» Um noch etwas mehr Verwunderung auszulösen, sagt er noch: «Und was Sie mir sicher nicht glauben: Ich möchte Klavier spielen lernen. Noch habe ich keinen Unterricht, aber ich habe mir ein Keyboard gekauft. Ich finde das unglaublich entspannend. Ich spiele schon immer auf meiner App.» Aus einem Gespräch über seine Statistik ist eines über seine vielen Facetten geworden, die sonst selten zum Vorschein kommen.

Doch bevor sich die Wege trennen an diesem Nachmittag, muss es sich noch einmal um den Fussball drehen. Was für ihn das perfekte, hundertste Spiel wäre, soll er bitte schildern. Natürlich wäre es ein Sieg, am besten mit einem Tor von ihm. Am allerliebsten gar wäre es ein Hattrick. «Es ist mir fast schon unangenehm, dass ich den bislang noch nicht geschafft habe. Aber das will ich unbedingt erleben.»

Denn Tore, das sei es, wovon ein Stürmer lebt. Auch wenn das Team verliert, und er einen Hattrick erzielen würde, würde er sich ein bisschen freuen. «Du musst als Stürmer ein Sauhund sein, kaltblütig und manchmal gar egoistisch. Wäre ich lieb, wäre ich jetzt nicht bei hundert Spielen.» Und wenn er am Samstag tatsächlich dreimal trifft? «Dann ziehe ich mich bis auf die Unterhosen aus!», sagt er und lacht laut hinaus. Und dann könnte er erneut die Frage stellen, ob er etwas behalten darf. «Denn den Ball würde ich dann mit nach Hause nehmen.»