Christian Oberer könnte über seinen Schützling hunderte Anekdoten erzählen. Zum Beispiel diese, als Alex Wilson vor sieben Jahren in die Schweiz kam «und sofort wieder zurück nach Jamaika wollte», erinnert sich sein Trainer. Die neue Sprache, die Schule, die hiesige Mentalität – für den smarten, aber sensiblen Old-Boys-Sprinter keine einfache Zeit.

«Seine Technik war furchbar»

Doch Wilson blieb, lebte sich ein, passte sich an. Ein Paradiesvogel ist er aber bis heute geblieben. Oberer wich in dieser ganzen Zeit nie von Wilsons Seite, erlebte den rasanten Aufstieg des 22-Jährigen hautnah. «Als er bei uns anfing, lief er allen anderen um die Ohren. Aber seine Technik war furchtbar», blickt Oberer mit einem Schmunzeln zurück.

Halbfinal bei Olympia

Im letzten Jahr krönte der 200-Meter-Spezialist seine konstante Entwicklung mit der Halbfinal-Qualifikation an den Olympischen Spielen in London. Die Bilder mit Sprint-Ikone Usain Bolt gingen um die Welt.

Sprinter Alex Wilson vor dem Saisonstart

Sprinter Alex Wilson vor dem Saisonstart.

Wilson machte sich endgültig auch international einen Namen. «Bereits vor fünf Jahren sprach Alex ununterbrochen von dieser Olympia-Teilnahme. Ich dachte, jetzt ist er komplett verrückt», lacht Oberer.

Fabeljahr bestätigen

In der neuen Saison gilt es, das Fabeljahr 2012 zu bestätigen. Keine einfache Aufgabe, zumal die Vorbereitung zuletzt nur harzig voranging.

Operationstisch statt Trainingslager

Auf Beschwerden mit den Achillessehnen folgten vier Zahn-Infekte. Operationstisch statt Trainingslager. Ein Novum für Wilson, der von solchen Problemen bisher meist verschont blieb. «Ja, die Situation ist zurzeit nicht optimal», weiss er.

Explosivität noch da

Die zehn «verlorenen» Trainingstage und der Gewichtsverlust von sieben Kilogramm hat die Vorbereitung zwar gestört, aber «die Explosivität ist nach wie vor da», spürt der Sprinter. Seit gestern darf Wilson auch wieder ohne Antibiotika trainieren. In erster Linie geht es in den nächsten Tagen darum, an der Schnelligkeit zu feilen. An den Saisonzielen ändert sich dabei nichts, «gar nichts», fügt Wilson energisch an.

Start noch im Mai

Für den Trainerstaff um Oberer und Co. ist dennoch Vorsicht geboten. Nichts riskieren, nichts überstürzen. Der Start am gestrigen 1.-Mai-Meeting beim «Heimspiel» auf der Schützenmatte war schon länger kein Thema mehr. Wilson liebäugelt mit einem Saison-Debüt am 11. Mai am Hürden- und Sprintmeeting oder am 20. Mai am Susanne-Meier-Memorial.

Vertrauen in die Trainer

Beide Events finden ebenfalls auf der Schützenmatte statt. «Aber ich verlasse mich da vollkommen auf meine Trainer. Sie wissen, was das Beste für mich ist», sagt der Schweizer-Meister über 200 Meter.

WM-Limite als nächster Fixpunkt

Das ganz grosse Ziel wird am 10. August die WM-Teilnahme in Moskau sein. «Dann will ich ein besseres Resultat als bei meinem 15. Platz in London laufen.» Dafür muss Wilson noch den A-Wert von 20,52 Sekunden knacken, welcher nur ein Hundertstel über seiner persönlichen Bestleistung liegt. Immerhin: der B-Wert liegt bei 20,60 Sekunden.

Zuversicht für WM

«Alex wird diese WM-Limite erreichen, da bin ich mir sicher», sagt Oberer. Und wenn einer über den Jamaikaner Bescheid weiss, dann er. Zudem brächte er aus Moskau sicher wieder die eine oder andere Anekdote mit nach Hause.