Meisterbeilage
Andy Eglis Gastbeitrag zum zweiten FC-Basel-Stern: «Der FCB wird GC bald als Rekordmeister ablösen»

1984 sicherte Andy Egli GC im Entscheidungsspiel gegen Servette den 20. Meistertitel. Nun gratuliert er dem FC Basel zum Erreichen dieser historischen Marke – und sagt, warum der FCB das Mass aller Dinge bleibt.

Andy Egli
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Andy Egli zieht den Hut vor dem FCB: «Kein Verein, keine Stadt kann oder will Basel Paroli bieten.»

Andy Egli zieht den Hut vor dem FCB: «Kein Verein, keine Stadt kann oder will Basel Paroli bieten.»

Valeriano di Domenico

«Als wir mit GC 1984 den 20. Titel holten, war vieles anders im Fussball. Ich kann mich nicht erinnern, dass man damals gross vom zweiten Stern sprach. Das hatte keine Bedeutung.

Logisch, war da eine grosse Genugtuung nach dem Gewinn des Titels. Das war etwas Wunderbares am Ende der Saison. Aber es war nicht so unverhältnismässig wie heute. Da wird wegen jeder Kleinigkeit das Wort ‹geschichtsträchtig› bemüht. Das hängt auch mit der ganzen Marketingmaschinerie zusammen, die rund um den Fussball entstanden ist. Das Privatfernsehen schmeisst unglaublich viel Geld rein, die Merchandisingabteilungen der Vereine müssen rentieren, vieles dreht sich um Werbewirksamkeit.

Als Andy Egli GC 1984 gegen Servette mit diesem Penalty-Tor zum Meistertitel schoss, war im Fussball noch vieles anders.

Als Andy Egli GC 1984 gegen Servette mit diesem Penalty-Tor zum Meistertitel schoss, war im Fussball noch vieles anders.

Keystone

Damals stand der Profifussball in den Kinderschuhen. GC und Servette waren die ersten Klubs, die diese Entwicklung vorantrieben. Das dazu notwendige Geld kam vor allem aus dem Banken- und Bausektor und ermöglichte es uns, dass wir nicht einer zusätzlichen Beschäftigung nachgehen mussten, sondern zweimal am Tag trainieren konnten.

Es erstaunt nicht, dass wir damals gegen Servette um den Titel kämpften. Speziell war, dass wir dies in einem Entscheidungsspiel taten, weil wir punktgleich waren. Das gibt es nicht mehr. In Spanien zählt die Direktbegegnung, sonst entscheidet in den meisten Ligen die Tordifferenz. Damals kam es zum Finale. Ich finde das grossartig. Das K.o.-System passt einfach perfekt zum Fussball. Es gibt Sieger und Verlierer, grosse Emotionen.

Andi Egli, links stürzend, im Derby gegen den FCZ. Auch Ciriaco Sforza ist auf dem Bild, er trägt die Nummer 9..

Andi Egli, links stürzend, im Derby gegen den FCZ. Auch Ciriaco Sforza ist auf dem Bild, er trägt die Nummer 9..

Keystone

Wir spielten damals im Wankdorf in Bern um den Titel. Nach der regulären Spielzeit stand es 0:0. Es ging in die Verlängerung. Kurz vor Seitenwechsel wurde Kurt Jara gefoult. Von wem weiss ich nicht mehr. Aber ich schoss den Penalty, der uns letztlich den 1:0-Sieg und damit die Meisterschaft sicherte. Ich hätte nicht mehr gewusst, dass es der 20. Titel war, wenn ich nicht von der ‹bz› darauf angesprochen worden wäre. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass GC viel gewonnen hat.

Was danach abging, weiss ich nicht mehr im Detail. Aber das waren grosse Emotionen. Eine grosse Last fiel ab, wir haben ausgiebig gefeiert. Vermutlich intensiver als die Spieler das heute können. Es gab keine Handys, Kameras waren nicht an jeder Ecke, wir genossen eine gewisse Anonymität. Das gibt es heute nicht mehr, wird für die Spieler mehr und mehr zu Belastung. Man kann kaum mehr etwas tun oder sagen, ohne dass dies durch ein Medium aufgenommen und ungefiltert einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Eine Entwicklung, die mir missfällt.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass früher die sportliche Leistung mehr Respekt kriegte. Heute steht der Sieger über allem, der Verlierer ist nichts wert. Persönlich finde ich es die grössere Leistung eines Trainers, wenn er mit Vaduz nicht absteigt, als wenn einer mit Basel Meister wird. Die Entwicklung im Fussball während der letzten 25 Jahre ist schon krass. Fussballklubs sind nicht mehr eine kickende Organisation, das sind Marketing-Moloche. Da ist Basel keine Ausnahme.

Tradition: So holte der FC Basel den zweiten Stern – alle Meistertitel in Bildern:

1. Titel, 1953: Die Spieler des FC Basel nach einem Heimsieg gegen die Grasshoppers aus Zürich. Nach dem Spiel stand der erste Meistertitel in der Klubgeschichte fest.
20 Bilder
2. Titel, 1967: Im letzten Spiel kommt es zum Duell mit GC. Der FCB stand bereits vor dem 2:2 gegen die Zürcher als Meister fest. Den Pokal gab es aber erst jetzt.
3. Titel, 1969: Spielertrainer Helmut Benthaus stemmt den Meisterpokal in die Höhe. Zuvor hat sein Team den FC Luzern in der letzten Runde mit 3:2 besiegt.
4. Titel 1970: FCB-Captain Karl Odermatt lässt sich von den Fans mit dem Pokal feiern, nachdem sein Team in der letzten Runde den FC Wetteingen besiegt hat.
5. Titel 1972: Trainer Helmut Benthaus wird von den Spielern auf den Schultern getragen und Ottmar Hitzfeld freut sich dahinter mit hochgestreckten Armen.
6. Titel, 1973: Das Basler Meisterteam fährt mit einem Extra-Bus durch Basel. Einige Spieler sind auf das Dach geklettert, um sich von den vielen Fans feiern zu lassen.
7. Titel, 1977: Nach dem 2:1-Sieg im Entscheidungsspiel gegen Servette Genf im Wankdorfstadion in Bern posiert die Mannschaft des FCB mit dem Meisterpokal.
8. Titel, 1980: Der letzte Titel für Helmut Benthaus mit dem FC Basel. Unter seiner Führung als Spielertrainer und später als Trainer holte der FCB sieben Meistertitel.
9. Titel, 2002: Nach 22 Jahren kehrt der Meisterpokal zurück nach Basel. Hakan Yakin posiert mit dem Pokal, während sein Bruder Murat eher abseits steht (r.).
10. Titel, 2004: Der FCB holt sich den ersten Stern: Das animiert die damalige Vizepräsidentin Gigi Oeri sich passend dazu zu kleiden und mit dem Pokal zu feiern.
11. Titel, 2005: Goalie und Captain Pascal Zuberbühler freut sich mit dem Pokal über die erfolgreiche Titelverteidigung. Der Konfettiregen ist passend rotblau.
12. Titel, 2008: Der letzte von vier Titeln für Christian Gross. Zusammen mit dem Team kommt er im offenen Londoner Bus auf den Barfi. Im Jahr darauf muss Gross gehen.
13. Titel, 2010: Der erste Triumph in einer beispiellosen Serie von 8 Titeln bis heute. Alex Frei geniesst die Champagner-Dusche aus dem Meisterpokal offensichtlich.
14. Titel, 2011: Gilles Yapi präsentiert den Meisterpokal den tausenden Fans auf dem Barfüsserplatz. Die Mannschaft lässt sich auf dem Casino-Balkon feiern.
15. Titel, 2012: Der FCB unterliegt in der letzten Runde zwar YB mit 1:2 im Joggeli. Die Freude über den Meisterpokal trübt das bei Marco Streller aber nicht.
16. Titel, 2013: Der erste Meistertitel für Murat Yakin als Trainer, nachdem er als Spieler zweimal mit GC und dreimal mit dem FCB die Trophäe gewinnen konnte.
17. Titel, 2014: Valentin Stocker freut sich sichtlich über den Meisterpokal. Es ist sein letzter Titel mit dem FCB, bevor er in die Bundesliga zu Hertha Berlin wechselt.
18. Titel, 2015: Der Captain geht mit dem Pokal. Marco Streller wird zum achten Mal Schweizer Meister. Schafft er es nächstes Jahr zum ersten Mal als Sportchef?
19. Titel, 2016: Sieben Titel in Serie für den FCB – Delgado, Vailati, Samuel, Safari und Callà (v.l.) freuen sich mit demüber den neuen Meister-Pokal.
20. Titel, 2017: Nach dem Sieg gegen Luzern steht fest, dass der FCB seinen zweiten Stern erhält. Den Moment halten Serey Dié & Co. als Selfie fest

1. Titel, 1953: Die Spieler des FC Basel nach einem Heimsieg gegen die Grasshoppers aus Zürich. Nach dem Spiel stand der erste Meistertitel in der Klubgeschichte fest.

Keystone

Durch den Erfolg der letzten Jahre genügt es nicht mehr, den Titel zu gewinnen. Der ist zur Normalität geworden. Es geht ums Spektakel, das finde ich eine dramatische Entwicklung. Ich glaube deshalb, dass Raphael Wicky nicht nur einfach den Auftrag gekriegt hat, Meister zu werden. Sein Team soll den bestmöglichen Fussball spielen. Unterhaltung ist zentraler denn je.

Trotz des Wechsels in der Führung glaube ich nicht, dass Basel demnächst gebremst wird. Der FCB wird GC in den nächsten zehn Jahren wohl als Rekordmeister ablösen. Die Überlegenheit wird sich akzentuieren. Kein Verein, keine Stadt kann oder will Basel Paroli bieten. YB fährt zurück, GC hat seine Probleme, der FCZ ist erst gerade aufgestiegen. Servette ist in der Challenge League und Lausanne einfach keine Fussballstadt, dort schauen sie lieber Eishockey. Ich sehe keine ernsthafte Konkurrenz.

Andy Egli hat Vorschläge für eine Neuausrichtung der Super League.

Andy Egli hat Vorschläge für eine Neuausrichtung der Super League.

/KEYSTONE/EDI ENGELER

Und ich halte nichts davon, künstlich Spannung zu erzeugen. Ich bin der Meinung, dass die Liga auf zwölf oder 14 Mannschaften aufgestockt werden müsste, aber nur damit alle Regionen in der Schweiz dort vertreten sein können. Ein undurchsichtiger Modus, Punktehalbierungen oder dergleichen – das bringt meines Erachtens nichts. Aber es ist klar, der Fussball kann nur spannend bleiben, wenn die Differenz zwischen den Mannschaften wieder abnimmt. Ein Problem, mit dem nicht nur der Schweizer Fussball konfrontiert ist. Es braucht wohl revolutionäre Ansätze. Das Geld aus der Champions League müsste besser auf die Klubs verteilt werden. Das ist utopisch, aber wie sonst will man sicherstellen, dass der Fussball seine Attraktivität bewahren kann?

Es kommen grosse Aufgaben auf den Fussball zu. Den FC Basel hat das wenig zu kümmern. Ihm kann man nur gratulieren zu der äusserst erfolgreichen Arbeit, die man während der letzten Jahre und Jahrzehnte geleistet hat.»

Über den Autor:

Andy Egli machte 77 Länderspiele für die Schweizer Nationalmannschaft und gewann mit den Grasshoppers vier Meistertitel (zudem einen mit Servette). Dank einem von Egli verwandelten Elfmeter holte sich GC 1984 den 20. Meistertitel. Nach seiner Profi-Karriere arbeitete Egli als Trainer und Business-Coach.