Wenn heute Abend bei Marquis Richards zu Hause Geschenke ausgepackt werden, dann wird eines fehlen: Das vermutlich längste Weihnachtsgeschenk der Welt wird nicht unter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum in Arlesheim liegen. Es ist schlichtweg zu gross. 510 Zentimeter ist es lang. Gekommen ist es aus den USA, der zweiten Heimat des 23-jährigen Stabhochspringers. Die Rede ist von zwei neuen Stäben. Für Richards markieren sie den nächsten Schritt in seiner Karriere: Er will noch einmal höher hinaus. Für die Schweiz bedeuten die Stäbe ein Novum: Noch nie hat ein Schweizer Stabhochspringer so lange Stäbe benutzt.

Das ist auch der Grund, weshalb Richards die Stäbe nicht einfach wie gewohnt bei seinem hiesigen Sportartikel-Lieferanten abholen konnte, sondern sie im US-Bundesstaat Nevada bestellen musste. Und nicht nur das: Es handelt sich bei den Stäben sogar um eine Spezialanfertigung. «Weil ich nicht der Grösste bin, habe ich auch eher kleinere Hände», sagt Richards. Deshalb liess er sich die beiden Stäbe mit einem geringeren Durchmesser als üblich produzieren. So hat er es einfacher, den Stab zu umfassen, der Griff ist besser.

Und genau das ist in seiner momentanen Situation von entscheidender Bedeutung. Mit seinen 5,55 m vom Stab-Event in Arlesheim hat Richards einen neuen Kantonalrekord aufgestellt. «Damit bin ich mit den 5-Meter-Stäben am Limit. Mehr liegt nicht mehr drin», sagt er. Deshalb nun auch der Wechsel auf die zehn Zentimeter längeren Stäbe. Richards will noch höher hinaus, will seine Bestleistung steigern. Doch das ist alles noch Zukunftsmusik.

Das unvergessliche Erlebnis

Wenn schon seine noch vom Transport verpackten neuen Stäbe unter dem Weihnachtsbaum fehlen, so wird Richards im Kreis der Familie zumindest einiges zu erzählen haben. «Die Heim-Europameisterschaften im Sommer waren wohl etwas vom Schönsten, was man als Schweizer Athlet erleben kann», sagt er. Es sei schön gewesen, einmal derart im Fokus gewesen zu sein und die grosse Begeisterung in der Bevölkerung gespürt zu haben. «Das war eine unvergessliche Erfahrung fürs Leben.»

Und er wird auch beim Weihnachtsfest lächeln, wenn er sich an Zürich 2014 erinnert. Und das, obwohl es ihm sportlich alles andere als ideal gelaufen war. Nach einem guten Start scheiterte er im entscheidenden Moment dreimal an der Höhe von 5,5 m. «Da kam zum Tragen, dass es für mich die erste Teilnahme an einem Grossanlass war. Es hat mir schlicht und einfach an der Erfahrung gefehlt.» Den Final der besten 14 verpasste er als 15. haarscharf. Das ist natürlich einerseits bitter, aber andererseits auch lehrreich: «Zusammen mit meinem Trainer und meinem Betreuer habe ich die entsprechenden Lehren daraus gezogen.»

Insgesamt ist Richards sehr zufrieden mit seiner Saison. Er hat sich gesteigert und seine persönliche Bestleistung ausgerechnet bei seinem Heim-Meeting in Arlesheim gesprungen. «Hier gelingen mir immer Top-Leistungen. Sowohl das Umfeld als auch das ganze Drumherum sind in Arlesheim ideal für mich. Ich kann quasi aus dem Bett direkt auf die Anlage», erklärt Richards mit einem Grinsen im Gesicht, weshalb er in Arlesheim jeweils so befreit springen kann.

Olympia 2016 im Fokus

Das Augenmerk von Richards liegt bereits jetzt auf den Olympischen Sommerspielen 2016 in der brasilianischen Metropole Rio. Diesem Ziel ordnet der 23-Jährige alles unter. Die Hallen-EM in Prag und die WM in Peking sind da nur Zwischenschritte. «Im Idealfall kann ich überall teilnehmen, doch sollte etwas davon Olympia gefährden, werde ich verzichten», sagt er. Um die Qualifikation für Olympia zu schaffen, muss Richards seine Bestleistung weiter steigern.

Dabei dürften die neuen Stäbe ganz zentral sein. Wobei er erst im kommenden Sommer effektiv damit springen wird. «Ich muss mich zuerst an die neue Länge herantasten. Zudem muss ich in Wettkampf-Verfassung sein, um mit diesen Stäben zu springen», sagt Richards. Das ist auch der Grund, weshalb er trotz der langen Frist von der Bestellung der Stäbe bis zur Lieferung – immerhin rund anderthalb Monate – nicht vor lauter Vorfreude wahnsinnig wurde. Es handelt sich um eine Investition in die Zukunft. Und der Begriff Investition trifft es auch aus finanzieller Sicht: Zwar erhielt er von seinem Klub TV Arlesheim den einen der beiden neuen Stäbe als Geschenk, doch musste er sich den zweiten selber schenken – 1200 Franken aus der eigenen Tasche für das wahrscheinlich längste Weihnachtsgeschenk der Welt.