Dario Zuffi, Sie denken selten an die Vergangenheit. Aber der 3. Mai 1994 ist bei Ihnen noch sehr präsent, oder?

Dario Zuffi: Das stimmt. Der Aufstieg war in meiner Karriere etwas vom Eindrücklichsten. Das ist etwas, das man nicht einfach streichen kann im Gehirn. Ich erinnere mich immer sehr gerne wieder daran.

An welchen Teil spezifisch?

Dario: Vom entscheidenden Match kann ich mich wirklich nur noch an mein Tor erinnern. Aber auch nur noch knapp. Die Haupterinnerung gilt dieser riesigen Party, die nachher auf dem Barfi war. Oder an den Flug, mit dem wir von Genf nach Basel flogen, und dass wir mit Limousinen abgeholt wurden am Flughafen. Wir haben danach in der ganzen Stadt die ganze Nacht mit den Fans gefeiert. Das ist das, was bleibt.

War es insbesondere wegen des Fluges so aussergewöhnlich?

Dario: Die Stimmung war ebenfalls aussergewöhnlich. So etwas haben wir nicht erwartet. Massimo Ceccaroni hatte uns schon gesagt, dass ein paar Nasen in Basel auf uns warten würden. Aber dass es gleich ein paar tausend waren, zu dieser späten Uhrzeit noch, das hat uns komplett überwältigt. Das war Wahnsinn. Bereits als wir angekommen waren, war der Barfi komplett voll. Kurz bevor wir auf den Balkon gingen, waren wir ganz angespannt ob dessen, was uns erwarten würde. Dieses Gefühl ist nicht zu vergleichen mit der Anspannung vor einem Spiel. Denn so etwas hatten wir alle noch nie erlebt. Auch ich nicht, der in Bern zuvor bereits Meister und Cupsieger geworden war.

Luca, haben Sie das damals schon begriffen, was passiert?

Luca Zuffi: Nein, das habe ich damals noch nicht wirklich mitbekommen und realisiert. Das kam erst im Nachhinein, durch die Videos und die Erzählung. Aktive Erinnerungen an diesen Tag habe ich gar nicht mehr.

Wann begannen Sie es zu realisieren?

Luca: Das ist schwierig zu sagen. Wir haben immer gerne zugehört und seine Spiele geschaut. Was es aber heisst, wenn jemand aufsteigt, wussten wir nicht und wussten wir auch nicht zu schätzen. Begriffen habe ich es langsam, als wir von Basel nach Winterthur zurückgekehrt sind und seine Karriere zu Ende war. Da war ich so 9, 10 Jahre alt. Da beginnst du zu realisieren, was er gemacht und geleistet hat. Dem will man dann natürlich nachgehen und versuchen, das ebenfalls zu erreichen. Denn im Nachhinein ist das natürlich eine Riesensache.

Dario, Sie haben es am Morgen des 4. Mai gerade noch nach Hause geschafft, um die Jungs in den Kindergarten zu bringen.

Dario: Ja, ich war gerade rechtzeitig. Aber ich bin gar nicht sicher … warst das du, Luca?

Luca schaut seinen Vater unwissend an.

Dario: Es könnte schon sein, dass es du warst. Oder war es Sandro? 1994 warst du vier Jahre alt. Dann warst du vielleicht noch etwas zu klein, Luca.

Luca: Ich habe das wahrscheinlich verschlafen (lacht).

Luca, wie oft hat Ihr Vater Ihnen die Geschichte dieses Tages erzählt?

Luca: Nicht gerade 20 Mal. Er hat es schon erzählt, aber auch Gusti Nussbaumer. Ausserdem gibt es ein Video, wo man Eindrücke bekommt. Da sind Interviews drauf, zum Beispiel mit Gusti. Das Video haben wir aber nie mit unserem Vater angeschaut.

Dario: Ich wusste ja lange gar nicht, dass es überhaupt existiert. Irgendwann tauchte das irgendwo im Internet auf. Dann hab ich mir das angeschaut und war überrascht, dass es von dieser Nacht noch Bilder gibt.

Diese Nacht tauchte die Stadt in eine Euphorie. Wie lange spürten Sie als Spieler diese noch, Dario?

Dario: Normalerweise hat man ja nicht lange Zeit im Fussball, es geht immer gleich weiter. Aber diese Emotionen und diese Begeisterung merkte man noch lange. Das sind Dinge, die man in die neue Saison mitnimmt. Das kann man nicht einfach beiseitelegen. Da lebte etwas. Wenn man heute schaut, ist die Bedeutung dieses Aufstiegs noch grösser als damals. Aber auch damals war die Bedeutung allen klar. Deshalb war es auch eine riesige Erlösung und Befreiung für die ganze Stadt, die Fans und die Spieler, als es geschafft wurde. Da war der grosse Druck weg.

Und 25 Jahre später wird immer noch darüber, über dieses Spiel und Ihr Tor, gesprochen, Dario.

Dario: Ja, weil eben ausgerechnet ich dieses Tor gemacht habe. Aber das an mir festmachen möchte ich nicht. Auch wenn es ganz klar mein Ziel war. Ich bin ja extra von der Nati A in die Nati B gekommen, um ebendiesen Aufstieg zu schaffen, und hatte zum Glück sofort Erfolg. Dass der entscheidende Moment mein Tor war, kommt mir jetzt zugute. Aber es ist das Verdienst von allen: Verein, Trainer, Sportchef, Mannschaft.

Luca, können Sie als aktueller FCB-Spieler, der hier Titel gefeiert und internationale, magische Nächte erlebt hat, nachvollziehen, wieso dieser Aufstieg so wichtig war?

Luca: Auf jeden Fall. Es war der Grundstein für alle Erfolge, die man in Basel seither hat feiern können. Wäre man dort noch weiter zweitklassig geblieben, wären die Erfolge der Neuzeit vielleicht nie zustande gekommen. Deshalb ist mir bewusst, wie gross diese Sache war.

Also haben Sie eigentlich Ihrem Vater zu verdanken, dass Sie magische Nächte erleben durften?

Luca: Unter anderem ist das sicher so, ja.

War er eigentlich Ihr grosses Vorbild?

Luca: Auf jeden Fall. Auch wenn wir sicher andere Spielertypen sind. Aber es ist schön, habe auch ich meinen Weg machen können.

Werden Sie oft mit ihm verglichen?

Luca: In Basel kommt das schon häufig vor. Ich finde das aber schön, weil es mir zeigt, dass die Leute sich an ihn erinnern. Daran, was er für den FCB gemacht hat und was ich für den FCB seit 2015 mache. Die Leute sagen mir immer wieder, dass es für sie mega speziell sei, dass sie zwei Generationen verfolgen können.

Spüren Sie deshalb Druck?

Luca: Das nicht, weil die Leute auch wissen, dass ich eine etwas andere Position spiele und nicht 100 Tore in der Saison schiesse (lacht).

Dario, Sie haben Cup- und Meistertitel gefeiert in Bern, und doch war diese Aufstiegs-Nacht die speziellste. Wieso?

Dario: In Bern hat es kein Schwein interessiert. Es waren enorme Leistungen von uns, wir waren nie der Favorit und haben trotzdem den Meistertitel und den Cupsieg geholt. Dennoch gab es kein Fest, rein gar nichts. Darum ist man dann überwältigt, wenn man so etwas wie an diesem Aufstiegsabend erlebt. Ich habe auch mit Lugano den Cup gewonnen, und dort hatten wir einen guten Fan-Empfang. Aber Basel ist natürlich unübertroffen. Das ist das Spezielle daran. Das war einmalig.

Wieso wurde in Bern nicht gefeiert?

Dario: Das war damals nicht so Mode wie heute. Es ist aber im Nachhinein schade, dass man es in Bern nicht so hat auskosten können. Zum Glück habe ich es dann in Basel erleben dürfen. Deshalb bin ich ja auch zum FCB gegangen: weil ich hoffte, dass mit dem Aufstieg etwas Grosses entstehen kann. Das ganz Grosse ist leider erst nach mir entstanden. Dennoch denke ich, dass wir einen kleinen Teil dazu beigetragen haben, was später passiert ist.

Für Ihren Vater war der Aufstieg der emotionalste Moment. Welcher war das bislang für Sie, Luca?

Luca: Nur einen rauszufischen, ist schwer. Sicher war der erste Meistertitel mega speziell. Dann auch mein erstes Champions-League-Spiel, welches ich im Bernabéu bestreiten durfte. Aber auch an Matches wie jenen gegen Saint-Etienne in der Europa League habe ich unglaubliche Erinnerungen. Ich könnte noch ein paar aufzählen, aber ich hoffe einfach, dass es noch mehr solcher Momente geben wird.

Welches ist der fussballerisch emotionalste Moment, den Sie beide teilen?

Dario: Zusammen? Da müsste es irgendein Turniersieg in Frauenfeld mit den D-Junioren sein! (lacht)

Luca: (lacht) Das kann sein!

Dario: Da war ich Trainer und er Spieler.

Luca: Und Goalie zum Teil auch noch.

Sie waren Goalie, Luca?

Luca: Wenn wir niemanden hatten und jemand aushelfen musste, ja. Früher habe ich das noch gerne gemacht, auch mit den Brüdern. Aber eben: nur um auszuhelfen.

Dario: Er hat dort mit den Älteren gespielt. Ich habe ihn mitgenommen, weil wir keinen Goalie hatten, und dann hat er mal im Tor, mal draussen gespielt. Aber viel hatte er im Tor eh nicht zu tun. Wir waren die beste Mannschaft. Hat Fabian Frei dort auch noch gespielt?

Luca: Ja, hat er.

Dario: Das war wirklich eine Topmannschaft. Da hatte es ein paar Spieler dabei, die es in die Super League geschafft haben. Das habe ich damals nicht gedacht, dass so viele den Sprung schaffen würden. Sonst hatten wir gemeinsam nicht so viele Erfolge, die wir feiern konnten.

Aber als Zuschauer haben Sie emotionale Momente mit ihm erlebt, Dario?

Dario: Klar, ich war bei einigen Spielen im Joggeli dabei, oder auch beim ersten Cupsieg von Luca in Sion. Das sind schöne Momente, die die ganze Familie zusammen hat erleben können. Es ist schon traumhaft, wenn man einen Sohn hat, der in die eigenen Fussstapfen tritt – und es vielleicht gar noch besser macht als ich.

Titelmässig haben Sie Ihren Vater ja bereits überholt, Luca.

Luca: Bei den Meistertiteln schon. Beim Cup bald! (lacht)

Dario: Ich habe aber zwei Cuptitel.

Luca: Ich hoffentlich auch bald!