Europa League

Bekloppte Fans im Herzen von Europa: Basel blüht der Frankfurter Wahnsinn

Die Fans von Eintracht Frankfurt sorgen regelmässig für den kompletten Wahnsinn. Das darf jetzt auch der FC Basel hautnah erleben. Am Donnerstag treffen die beiden Mannschaften im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League in Frankfurt aufeinander.

Tritt Eintracht Frankfurt zu einem Auswärtsspiel in Europa an, gibt es in der gegnerischen Stadt kein Durchkommen mehr. Ob Mailand, London oder auch Nikosia – wo auch immer die Eintracht spielt, sind auch ihre Fans. Sie zeigen stolz den Adler auf ihren Schals, skandieren inbrünstig «Eintracht» und schwenken ihre mitgebrachten Fahnen. Der FC Basel spielt in den Achtelfinals der Europa League nicht nur gegen eine gestandene Mannschaft der deutschen Bundesliga, sondern auch gegen eine Fanszene, die sich in Europa ihren Namen gemacht hat. Besonders die Menge an Auswärtsfans, die ihren Idolen auf Schritt und Tritt über den Kontinent hinterherreist, bewegt sich in einer erstaunlichen Dimension. 15'000 Fans waren in der vergangenen Saison in Mailand, als die Eintracht später bis in den Halbfinal der Europa League vorpreschte. Die italienische Modestadt versank im Frankfurter Fan-Meer.

Doch die Frankfurter Fanszene definiert sich nicht allein durch die schiere Menge an Auswärtsfans. Mit spontanen Aktionen sorgen sie immer wieder für Erheiterung. Als sie im Sommer zu einem Qualifikationsspiel in Vaduz zu Gast waren, überrannten sie förmlich die liechtensteinische Hauptstadt. 3'000 Frankfurter mischten sich unter die knapp 6'000 Personen, die dauerhaft in Vaduz hausen. «Weil die Vaduzer online keine Tickets verkauften, fuhren viele Fans bereits einige Tage vor dem Spiel nach Liechtenstein, kauften Tickets, fuhren dann aber wieder heim und reisten am Spieltag erneut an», sagt Jürgen Vitek vom Schweizer Eintracht-Fanclub Swiss Eagles.

Als Einstimmung auf das Spiel gegen den Challenge Ligisten übernahmen zahlreiche Auswärtsfans spontan ein Beachvolleyball-Turnier, das gleichzeitig in Vaduz stattfand, trällerten ihre Vereinshymne und sorgten bei den Organisatoren für unerwartete finanzielle Glücksgefühle. Mit dem regen Bierkonsum, den die Vaduzer nur mit einer Zusatzbestellung stemmen konnten, unterstützten die Frankfurter gleich auch noch den liechtensteinischen Volleyball-Nachwuchs.

So übernehmen die Eintracht-Fans ein Beachvolleyball-Turnier

Die Fan-Aktionen der Frankfurter haben System. Als das Rückspiel der Sechzehntelfinals der Europa League gegen Red Bull Salzburg vor einer Woche aufgrund eines Sturms auf den kommenden Tag verlegt wurde, vergnügten sich die angereisten Frankfurter kurzerhand an einem Eishockeyspiel und verhalfen dem Gästeteam, der zweiten Mannschaft des Klagenfurter AC, gleich zum Sieg. «Die Frankfurter Fans sind bekloppt, aber im positiven Sinn», sagt Vitek. Das Zelebrieren der eigenen Fankultur gehört bei ihnen dazu wie der Schlusspfiff zu einem Fussballspiel. «Während die Europa League in Ländern wie Italien eher verpönt ist, hat sie für uns einen riesigen Stellenwert. Wir haben genug lange danach gelechzt», erklärt Vitek die Begeisterung.

Weil das Fussballspiel ausfällt, sorgen die Eintracht-Fans im Eishockey-Stadion für Stimmung.

Mit Mispelchen und Bier wird die Stimmung in Fahrt gebracht

Wer Frankfurt an einem Heimspieltag der Eintracht besucht, erkennt schnell, welche Bedeutung der Fussball für die Stadt hat. Stunden vor Anpfiff versammeln sich die Eintracht-Fans in den Beizen und mischen sich mit den angereisten Gästefans. Dann fliesst nicht nur Bier, sondern auch Mispelchen, eine Frankfurter Spezialität, bei der eine Frucht – die Mispel – in ein Gläschen voller Apfelbranntwein gelegt wird. Da kann es auch vorkommen, dass Touristen, die sich zufälligerweise in die gleiche Beiz verirrt haben, von den anwesenden Fussballverrückten überzeugt werden, mit ins Stadion zu gehen. Als Schachzug dienen dann Bilder, die zeigen, wie Frankfurter Fans in ihrem Block Pyros zünden oder wie sich der Überzeuger einen grossen Adler auf die Brust tätowieren liess. Was für Touristen ein Kulturschock ist, ist für Eintracht-Fans nichts anderes als der normale Wahnsinn.

Im Stadion angekommen, wird der Fan – noch bevor der Ball rollt – mit der Vereinshymne eingedeckt. Mit «Im Herzen von Europa liegt mein Frankfurt am Main», beginnt sie. Mit «Eintracht aus Frankfurt, du schaffst es wieder, Deutscher Meister zu sein», schliesst sie. Kaum ist der letzte Ton  verstummt, versuchen die Fans mit riesigen Choreografien, ihren Teil dazu beitragen, dass aus dem noch nicht allzu realistischen Meistertraum dereinst Wirklichkeit wird.

Doch die Frankfurter Fanszene kennt auch eine andere Seite. Eine, bei der Einzelpersonen die Bühne für Ausschreitungen nutzen. Als in der vergangenen Saison die Eintracht in der Europa League bei Lazio Rom antrat, warfen Gästefans Böller, Bengalos und Raketen auf gegnerische Zuschauer, Polizisten und Ordner. Einzelne Randalierer versuchten sogar, in den Innenraum zu gelangen. Da sie danach auf Bewährung waren und erneut negativ auffielen, war es den Frankfurter Fans untersagt, in der diesjährigen Gruppenphase der Europa League, an die Auswärtsspiele in London und Lüttich zu reisen.

Dass es auch friedlich geht, demonstrierten sie am vergangenen Mittwoch beim Pokalspiel gegen Weder Bremen. Zuvor stand in einigen Spielen der Bundesliga ein Spielunterbruch kurz bevor, weil Fangruppen von mehreren Mannschaften Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp beleidigten. Die Frankfurter reagierten mit einem Banner, auf dem in schwarzen Grossbuchstaben stand: «Hopp du Sohn einer Mutter».  Sie richteten sich auch direkt an Trainer Adi Hütter: «Adi, meld’ dich wenn du ‘ne Spielunterbrechung brauchst». Kreativ, widerstandsfähig, zynisch, humorvoll, oft mit einem Augenzwinkern. So geben sie sich gerne, die Frankfurter.

Die Eintracht-Fans protestieren humorvoll.

Die Eintracht-Fans protestieren humorvoll.

Was machen die Frankfurt-Fans, wenn Basel zum Geisterspiel lädt?

Unter normalen Umständen würden die Frankfurter Fans am 19. März auch Basel beehren. Egal wie das Hinspiel in der Europa League ausgeht, würden sie zu Tausenden den Weg vom Main an den Rhein in Angriff nehmen. Der Konjunktiv steht, weil ihnen erneut ein Verbot blüht. Nicht aufgrund eigener Verfehlungen, sondern wegen dem Corona-Virus und den Schweizer Behörden, die das Veranstaltungsverbot verlängern könnten. Ein Geisterspiel wäre besonders für Vitek, der mit seinem Schweizer Eintracht-Fanclub ein Heimspiel hätte, doppelt bitter. «Ich halte das Veranstaltungsverbot in der Schweiz vielleicht für etwas übertrieben. Doch wenn die Behörden so entscheiden, dann ist es so», sagt er. Doch die Frankfurter Fanszene wird wohl auch für diese Situation eine passende Aktion parat haben.   

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