125 Joor FC Basel
Cholera, Wohnungsnot und Fussball – Eine Zeitreise ins Gründungsjahr des FCB

Basel, 15. November 1893. Die 14 Laternenanzünder, welche die Stadt beschäftigt, haben ihre abendliche Runde beendet. Auch die Freie Strasse mit ihren 15 Gaslaternen ist in ein schummriges Licht getaucht. Wirklich hell ist es auch im Innern der Häuser nicht. Die Gaststube der Schuhmacherzunft an der Freien Strasse 52 ist mit Petroleumlampen beleuchtet.

Peter Habicht
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Das erste FCB-Training überhaupt auf dem Landhof-Areal.

Das erste FCB-Training überhaupt auf dem Landhof-Areal.

Zur Verfügung gestellt

Nicht ungefährlich: Erst einen Monat zuvor war in Basel eine Frau mit einem zweijährigen Kind durch die Explosion einer solchen Lampe getötet worden. Elf junge Männer haben sich in der Gaststube versammelt. Sie sind dem Aufruf der Geldner-Brüder in der «National-Zeitung» gefolgt. Acht von ihnen sind Mitglieder des Basler Ruder-Klubs (dessen Vereinsfarben rot und blau der FCB übernehmen wird). Viel ist über sie nicht bekannt. Mit Sicherheit gehören sie einer gehobenen Mittelschicht an: Die einfachen Büezer, die den grössten Teil der Bevölkerung ausmachen, können sich «Football», dieses neue Freizeitvergnügen aus England, nicht leisten. Ganz einfach, weil ihnen bei einem 15-Stunden-Tag in der Fabrik (inklusive Samstag) die Freizeit fehlt.

Auf ihrem Weg sind die Gründungsmitglieder des FCB an Dutzenden von Baustellen vorbeigekommen: In den neuen Aussenquartieren entstehen Jahr für Jahr neue Strassenzüge. Auch das alte Zentrum verändert sich radikal. Die Tage des Schuhmacherzunfthauses sind gezählt: Längst hat die Regierung für die Freie Strasse neue Baulinien festgelegt. Drei Jahre nach der Gründungsversammlung wird das Haus abgerissen.

Der Weg zur Grossstadt

Als der FCB gegründet wurde, war Basel drauf und dran, die 100'000 Einwohner-Marke zu knacken. Aus einer behäbigen Kleinstadt war innerhalb von 50 Jahren eine industrielle Grossstadt geworden. 1800 zählte Basel noch knapp 15'000 Einwohner. Bis 1850 stieg die Bevölkerungszahl auf 27'000. Dann explodierte sie. 1900 hatte Basel bereits 110'000 Einwohner. Immer mehr Menschen strömten in die Stadt, wo sie sich Arbeit und ein besseres Leben versprachen.

In Basel dominierte die Textilindustrie. Die Stadt hatte sich auf das Weben von Seidenbändern spezialisiert. Waren diese bis um 1840 vor allem auf dem Land hergestellt worden, verlagerte sich die Produktion nun in die Stadt. Fabriken wurden gebaut, in denen die Webstühle mit Dampfmaschinen angetrieben wurden, etwa die «Rote Fabrik» im St. Alban-Tal. Die chemische Industrie hatte im 19. Jahrhundert noch längst nicht den Stellenwert, den sie heute hat. CIBA, Sandoz oder Geigy waren überschaubare Betriebe, die vor allem Farbstoffe für Textilien lieferten. 1893 arbeiteten 80 Prozent aller Fabrikarbeiter in Textilfabriken.

Wohnen in Basel

Als der FCB gegründet wurde, herrschte akute Wohnungsnot. So schnell, wie die Bevölkerung wuchs, konnte man gar nicht bauen. Also pferchte man die Menschen immer enger zusammen, besonders in den klassischen Arbeitervierteln im Kleinbasel oder am Petersberg. Die Folgen waren dramatisch: Cholera- und Typhusepidemien zwangen die Basler Regierung zu gesundheitspolitischen Massnahmen. Die Stadt übernahm die Strassenreinigung und erliess ein neues Dolengesetz. Das Abwasserproblem in der Altstadt konnte allerdings erst 1894 in Angriff genommen werden.

Die wichtigste Massnahme der «Stadtgesundung» war das Gesetz zur Stadterweiterung 1860. Die Stadtmauern verschwanden und rund um die Altstadt entstanden neue Wohnquartiere. Dabei verfolgte die Regierung eine clevere Taktik: Sie verkaufte Bauland an sogenannte Spekulanten. Diese mussten einen Bebauungsplan vorlegen. Erst wenn zwei Drittel der Strasse bebaut waren, übernahm die Stadt die Strassenreinigung. So kam die Stadt gratis zu einem Strassennetz in den Aussenquartieren. Von den modernen Wohnungen profitierten zunächst nur der Mittelstand und die Oberschicht.

Neue Aussenquartiere

Für das Proletariat (zwei Drittel der Bevölkerung lebten am Existenzminimum oder in Armut) waren sie unerschwinglich. In den 1870er- und 80er-Jahren zogen diejenigen, die es sich leisten konnten, in die neuen Aussenquartiere, während ganze Altstadtquartiere richtiggehend verslumten. 1889 liess der Regierungsrat eine Wohnungs-Enquête durchführen. Die Ergebnisse waren erschütternd. Die Menschen lebten dicht gedrängt in schlecht belüfteten und dunklen Zimmern. Bei weitem nicht jede Wohnung verfügte über eine Küche oder sanitäre Einrichtungen. Im Kleinbasel lebten oft vier- bis fünfköpfige Familien in einem Raum von 18 Quadratmetern.

Die Ergebnisse der Enquête veranlassten die Regierung, in bestimmten Aussenquartieren (z.B. Matthäus und St. Johann) subventionierte Arbeiterwohnungen zu erstellen. Doch wirklich in den Griff bekam Basel das Wohnungsproblem erst nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Herrschaft des Freisinns

Ein halbes Jahr bevor der FCB gegründet wurde, fanden in Basel Wahlen statt. Stimmberechtigt waren gerade mal 11'000 Einwohner. Von den 130 Grossratssitzen eroberten die Freisinnigen 73 Sitze, die Konservativen 45.

Die Herrschaft des Freisinns hatte 1875 begonnen. Auf sanften Druck von Bern hatte Basel eine demokratische Verfassung eingeführt. Bei den ersten freien Wahlen eroberten die Radikalen (heute FDP) eine klare Mehrheit, die sie dreissig Jahre lang behaupten konnten. Als Partei des Mittelstandes kämpfte sie für Chancengleichheit. Diese sollte vor allem durch Bildung erreicht werden. Deshalb genoss die Schulpolitik oberste Priorität.

Sport wird zum Massenphänomen

Innerhalb von 30 Jahren errichteten sie nicht weniger als 20 neue Schulhäuser. Eines davon, die Realschule an der Rittergasse (heute Baudepartement), wurde 1887 fertiggestellt. Dies soll hier nur erwähnt werden, weil aus den Reihen der Realschüler der erste Stadtrivale des FCB hervorging. Es handelt sich um die 1894 gegründeten Old Boys. Die neuen Schulhäuser waren nötig, weil sich die Zahl der schulpflichtigen Kinder vermehrt hatte. Dass sie aber wie italienische Renaissancepaläste aussahen, hatte mehr mit Repräsentation zu tun. Sie sollten bewusst ein Symbol für die freisinnige Politik sein.

Anfänglich sah sich die Arbeiterschaft von den Radikalen durchaus vertreten. Doch bald wurde deutlich, dass die Interessen des Proletariats und des Mittelstandes auseinanderklafften. So formierte sich in den 1880er-Jahren eine Arbeiterbewegung. 1890 wurde die Sozialdemokratische Partei Basel-Stadt gegründet. In unzähligen, teils gewalttätigen Arbeitskämpfen setzte sich allmählich der moderne Sozialstaat durch.

Erst dann konnte auch der Sport, bis dahin ein Privileg der vermögenden Schichten, zu einem Massenphänomen werden. Denn nun hatten sehr viele Menschen genügend Geld, soziale Sicherheit und vor allem viel freie Zeit, die ausgefüllt werden wollte. Es war der Fussball, der bald ein wichtiger Bestandteil einer sich rasch entwickelnden Freizeitkultur wurde.

Der Landhof

Als der FCB gegründet wurde, war das in weiter Ferne. Den elf Männern in der Schuhmacherzunft stellten sich am 15. November andere Fragen. Eine davon war sicher: «Wo wollen wir spielen?» Zum Glück hatte Roland Geldner gute Beziehungen. Zum Beispiel zur reichen Wittwe Tschaggeny, geborene Wittich (später Ehrlich-Wittig). Sie stellte den Sportlern eine Matte auf einem Areal zur Verfügung, das sie ein Jahr zuvor erworben hatte: den Landhof.

Erwähnt wird der Landhof erstmals im späten 18. Jahrhundert als Sommerresidenz des Basler Bürgermeisters Andreas Merian-Iselin. Damals lag er weit vor den Toren Kleinbasels an der Landstrasse nach Riehen. Doch machte die Entwicklung auch hier nicht halt. Als Merians Erben das Landgut 1892 veräusserten, lag es bereits am Stadtrand.

Wenn die ersten FCB-Spieler zu den Matches gingen, mussten sie auch Bahnschienen überqueren. Beim Landhof führte die Eisenbahnlinie von Basel nach Waldshut durch. Der 1855 erbaute Badische Bahnhof stand bis 1913 auf dem heutigen Messeareal. Die Eisenbahn ist auch das Symbol der Industrialisierung schlechthin. Sie hat die Entwicklung Basels nachhaltig geprägt.

Und sie hat auch den FCB begleitet: Als er 1895 wegen des Baus eines Velodroms für ein paar Jahre auf die Schützenmatte ausweichen musste, lag die neue Spielstätte hinter dem Steinenring, wo seit 1860 die Bahnlinie zum neuen Centralbahnhof durchging. Hinter den Gleisen liegt auch die heutige Heimat des FCB: das Joggeli.

St. Jakob 1893

Die Brüglinger Ebene wurde 1893 fast ausschliesslich landwirtschaftlich genutzt. Dort, wo ursprünglich die alte Hauensteinroute die Birs auf Stegen überquerte, standen der kleine Weiler St. Jakob mit Zollhaus (heute Wirtshaus), eine Kirche und die städtische Quarantänesiedlung für Aussätzige («Siechenhaus»).

Berühmtheit erlangte der Ort durch die Schlacht bei St. Jakob 1444: Ein Gemetzel, das später mystifiziert und glorifiziert wurde und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mit patriotischen Gedenkfeiern festlich begangen wurde.

In den 1930er-Jahren, als sich der Sport als wichtiges Element der Sozialisierung etablierte, investierte die Regierung massiv in den Bau öffentlicher Sportanlagen. 1937 begannen in der Brüglinger Ebene die Bauarbeiten für ein neues Fussballstadion. Der Boden wurde planiert und Erdrampen für die Tribünen aufgeschüttet. Doch dann kam der Krieg und Beton wurde rationiert.

Erst 1953 erstellte eine private Stadiongenossenschaft innert Kürze das Stadion, das zwei Monate vor der Fussballweltmeisterschaft mit dem Länderspiel Schweiz - Deutschland eröffnet wurde. Doch das hätten sich die elf Männer, die 60 Jahre zuvor in der Schuhmacherzunft den Footballclub Basel gründeten, wohl in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Dieser Artikel erschien in einer ausführlicheren Fassung im FCB-Magazin «Rotblau».