Es ist noch nicht lange her, da war Marquis Richards’ persönliche Bestleistung ganze 12 Zentimeter unter den 5.52 Meter, die dem Stabhochspringer des TV Arlesheim die Teilnahme an der Heim-EM von Mitte August ermöglichen. Vor einer Woche konnte er am Meeting in Linz sich nochmals um 5 Zentimeter steigern und seine persönliche Bestleistung auf 5.45 Meter hochschrauben, bevor der Baselbieter am Sonntag die Limite definitiv knackte. Ein Highlight in der Karriere des besten Schweizer Stabhochspringers. «Obwohl es geregnet hat, war ich so fokussiert und wollte diese 5.52 Meter überspringen, koste es was es wolle», beschreibt Richards seine Gefühlswelt kurz vor seinem besten Karrieresprung und fügt an «als ich dann in der Luft war wusste ich sofort: das ist das Ticket nach Zürich. Ich war überwältigt von meinen Emotionen.»

Im Fahrplan

Dass das EM-Ticket weniger als einen Monat vor dem kontinentalen Grossereignis gelöst wurde, überrascht Richards nicht: «Uns war bei der Saisonplanung schon bewusst, dass ich die Limite nicht schon im Juni knacken würde», sagt der 10-fache Juniorenschweizermeister und ergänzt «ich brauche traditionell etwas Anlaufzeit. Meistens erreiche ich meine Bestform zur Saisonmitte, also Ende Juli.» Deshalb hat der bald 23-Jährige die komplette Saisonvorbereitung etwas umgekrempelt und mit dem Training einen Monat früher begonnen. Die Planung ging hervorragend auf, denn Richards konnte sich kontinuierlich steigern. «Jetzt ist die Erleichterung riesig, mir ist ein grosser Stein vom Herzen gefallen», so Richards.

Die Wichtigkeit des Stabes

Ein wichtiger Faktor für das Karrierehighlight der Schweizer Stabhochsprung-Hoffnung ist auch sein neues Material: «Vor Kurzem habe ich den Stab gewechselt, dieser federt etwas weniger und passt hervorragend zu mir. Meine Höhenflüge haben sicher auch etwas damit zu tun.» Anders als beispielsweise im Tennis, wo Roger Federer sich zuerst an sein neues Racket gewöhnen musste, braucht es im Stabhochsprung keine Angewöhnungszeit. «Vor Linz habe ich ihn nur einmal benutzt und ich habe mich trotzdem sehr wohl gefühlt», erklärt der Baselbieter mit amerikanischen Wurzeln.

Neben dem Material ist aber auch die neu hinzugewonnene mentale Stärke ein grosser Pluspunkt für den 22-Jährigen. «Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass ich den besten Sprung in meiner Karriere bei Regen absolviere, hätte ich ihn für verrückt erklärt», sagt Richards lachend. Der frischgebackene EM-Teilnehmer präzisiert: «Früher hätte ich bei Regen den Stab gar nicht erst ausgepackt. Am Sonntag konnte ich alles ausblenden und mich einzig auf meine Aufgabe konzentrieren.»

Der Traum vom Finale

Als Nächstes steht am Wochenende die Schweizer Meisterschaft in Frauenfeld an, wo für Richards «nur die Goldmedaille zählt». Alles andere wäre auch für den bescheidenen Baselbieter eine herbe Enttäuschung. Ebenso ambitioniert zeigt sich Richards im Hinblick auf die anstehende Europameisterschaft (12. - 17. August): «Wenn ich schon da bin, will ich natürlich ins Finale.» Dass dies kein Selbstläufer wird, dessen ist sich Richards bewusst: «Natürlich wird eine Finalqualifikation extrem schwer, denn das Niveau ist extrem hoch. Vom Level her wäre eine Platzierung unter den ersten Zwölf vergleichsweise mit einer Olympiaqualifikation.»

Eine Herkulesaufgabe, der Richards aber neben dem neuem «Zauberstab» und mentaler Stärke eine weitere Waffe entgegenzusetzen hat: «Für mich gibt es keine grössere Motivation, als vor heimischem Publikum zu springen.»

Das Video zu Marquis Richards Rekordsprung finden Sie hier.