Es ist Dienstag, als Albian und Arlind Ajeti miteinander telefonieren. «Das Erste, was Arlind zu mir gesagt hat, war ‹Machst du krank oder ich?›», erzählt Albian Ajeti und lacht. «Dann habe ich gesagt: ‹Nein, wir sind beide Profi genug, wir schaffen das›.» Mit «das» meint Albian Ajeti die Geschichte, die sich am Samstag zutragen wird: Dann werden die beiden Ajeti-Brüder nach dreieinhalb Jahren wieder gemeinsam auf dem Platz stehen. Nur: «Die Situation ist eine ganz andere. Jetzt bin ich sein direkter Gegner.»

Am Samstagabend nämlich gastiert der FC Basel bei GC. Bei jenem Verein, der Mitte September den vereinslosen Arlind Ajeti verpflichtet hat. Natürlich hat sich Albian, der 21-Jährige, über die Rückkehr von Arlind, dem 25-Jährigen, in die Schweiz sehr gefreut. Alleine schon deshalb, weil sich die beiden Brüder jetzt wieder zwei, drei Mal im Monat sehen können. «Als er noch in Italien war, habe ich ihn bis zu sieben Monate lang nicht gesehen.» Das gehöre zum Beruf, sagt Albian. Dass es für ihn dennoch nicht einfach war, mag er zwar so nicht sagen, aber wenn man ihn über das Verhältnis zu seinem Bruder sprechen hört, braucht er das auch gar nicht. Die Verbundenheit der Ajeti-Brüder geht tief. Das Verhältnis ist sehr eng. Bei allen dreien – Albian, seinem Zwilling Adonis und dem älteren Arlind. «Dieses enge, gute Verhältnis hatten wir schon immer. Wir sind alles extreme Familienmenschen, sind uns alle sehr wichtig», erzählt Albian.

Arlind und Albian Ajeti waren sich immer sehr nahe. "Er ist ein grosser Bruder, wie man ihn sich vorstellt", sagt Albian.

Arlind und Albian Ajeti waren sich immer sehr nahe. "Er ist ein grosser Bruder, wie man ihn sich vorstellt", sagt Albian.

Mit seinen Brüdern teilt er nicht nur das Blut, sondern auch das Herzblut: Alle drei sind Profi-Fussballer, alle drei haben beim FCB sämtliche Nachwuchsstufen durchlaufen. Mittlerweile sind sie verstreut in der ganzen Schweiz. Albian beim FCB, Arlind bei GC, Adonis bei Chiasso. Albian ist jener, der fussballerisch am weitesten ist. Er ist der, der sich positionstechnisch von seinen Brüdern unterscheidet. Er ist Stürmer, Adonis und Arlind sind Innenverteidiger. Aber auch neben dem Feld, im Kopf, sagt Albian, «sind Arlind und ich uns nicht sehr ähnlich. Ich unterscheide mich da stark von meinen Brüdern. Ich glaube eher, dass Adonis und Arlind viel mehr gemeinsam haben als ich und Ado. Sie sind ruhiger, machen sich nie gross Druck oder Stress, egal was passiert.» Diese Eigenschaft bewundert Albian an seinem älteren Bruder.
Ohnehin gibt es wenig, das er an seinem Gegner vom Samstag nicht bewundert: «Er ist schon immer mein Vorbild gewesen und wird auch immer mein Vorbild bleiben.»

Er rufe ihn zwar nicht mehr so oft an, wenn er jemanden brauche, der ihn beruhigt. «Bis zum meinem 18. oder 19. Geburtstag habe ich ihn immer nach Tipps gefragt. Er hat diesen Weg, den ich jetzt gehe, schon vorher gemach. Es ist extrem viel wert, einen älteren Bruder zu haben.» Arlind sei genau die Art von älterem Bruder, die man sich vorstelle. «Er schaut viel auf mich, nicht auf dem Platz, sondern privat. Er legt sehr viel Wert auf das Benehmen. Er hat uns fast wie ein zweiter Vater erzogen, war streng mit mir und meinem Zwilling.»

Die Kopfsache

Es gibt jedoch auch Momente, in denen die Rollen drehen. In denen der Jüngere dem Älteren sagt, was er zu tun hat. Dann, wenn es darum geht, das vorhandene Potenzial mehr auszureizen. «Ich habe ihm oft gesagt, dass er mehr tun muss. Arlind hat sehr, sehr viel Talent für einen Innenverteidiger. Er ist extrem schnell, hat eine super Technik, aber er hat vielleicht alles etwas zu angenehm genommen.» Für Albian ist klar, dass im Fussball vieles im Kopf entschieden wird. Weil er selber ehrgeiziger ist als Arlind, «ich immer alles haben und erreichen will, bin ich im Moment sicher auch weiter. Weil ich so ehrgeizig bin, habe ich manchmal auch zu viele Gedanken im Kopf. Es ist nicht so, dass er sich nicht auch Gedanken macht, aber einfach viel weniger als ich.»

2014 sind die Ajeti-Brüder Arlind (zweiter von links) und Albian (zweiter von rechts) gemeinsam Schweizermeister geworden. Ebenfalls im Team: Valentin Stocker (ganz links) und Marco Streller (ganz rechts).

2014 sind die Ajeti-Brüder Arlind (zweiter von links) und Albian (zweiter von rechts) gemeinsam Schweizermeister geworden. Ebenfalls im Team: Valentin Stocker (ganz links) und Marco Streller (ganz rechts).

Vielleicht macht Arlind sich vor dem Duell mit dem kleinen Bruder aber auch mehr Gedanken als Albian. Denn während Albian gerne auf das Spiel vorausblickt, möchte Arlind nicht reden. Auch Albian gibt zu: «Es wird extrem schwierig werden. Dann ist es auch noch GC gegen Basel, das ist immer ein Spiel, in dem es um viel geht.» Wie lange ihn das Aufeinandertreffen schon beschäftigt, zeigt eine Episode, die er erzählt. Als er vor ein paar Wochen bei der Nationalmannschaft weilte, habe er mit Granit Xhaka darüber gesprochen, sich Rat geholt.

ranit ist schon vier Mal auf seinen Bruder Taulant getroffen. «Er meinte, es gäbe fast nichts Schlimmeres, wie gegen seinen Bruder zu spielen.» Nur erwartet Albian, dass es noch schlimmer werden wird, denn «Granit und Taulant spielen nicht auf Positionen, auf denen du dir ständig über den Weg läufst, wie das bei Arlind und mir der Fall sein wird. Das ist das Problem und das Glück zugleich. Es ist wirklich eine 1:1-Begegnung, Position zu Position.» Stürmer gegen Innenverteidiger. Natürlich werde man miteinander reden, wenn der grosse den kleinen Bruder decken müsse. Natürlich werde es Zweikämpfe geben. Natürlich wolle er treffen und Arlind das verhindern. Natürlich gehe man sich nicht aus dem Weg, nur weil es der Bruder ist.

«Ich packe auch mal den Ellenbogen aus. Auch meine Eltern haben gesagt, wir sollen in die Zweikämpfe gehen. Wir sollen uns dabei nur bitte nicht verletzen», sagt Albian. Er lacht zwar, aber auch er wird froh sein, wenn das Spiel durch ist. Dann gibt es den Trikottausch der beiden Brüder. Ein schönes Gefühl, auf das Albian sich schon sehr freut.

Der Traum

Zuerst jedoch müssen diese 90 Minuten überstanden werden. «Wenn ich das Feld betrete und ihn sehe, werde ich an unsere erste gemeinsame Erinnerung im Fussball zurückdenken. Als ich in die erste Mannschaft gekommen bin, hat er nonstop auf mich geschaut im Training, hat immer versucht, mich zu korrigieren. In jeder Situation hat er mir gesagt: ‹spiel den Ball schneller›, ‹dribble nicht›, ‹konzentrier dich jetzt›. Das wird sehr präsent sein.»

Zusammen trainiert haben sie einige Zeit. Zusammen effektiv auf dem Platz gestanden bei den Profis haben Albian (links) und Arlind Ajeti nur vier Mal.

Zusammen trainiert haben sie einige Zeit. Zusammen effektiv auf dem Platz gestanden bei den Profis haben Albian (links) und Arlind Ajeti nur vier Mal.

Gemeinsam zu spielen, sei immer ein Traum der Brüder gewesen. Und er währt noch an. «Ich weiss nicht, ob es das schon oft gegeben hat, dass drei Brüder für einen Verein zusammen aufgelaufen sind», sagt Albian Ajeti. Er hofft, dass dieser Moment irgendwann kommt. Auch, um die Eltern stolz zu machen. Jetzt aber geht es erst einmal gegeneinander. Albian gegen Arlind. Der kleine gegen den grossen Bruder. Der Bewunderer gegen das Idol. Ein Duell, wie es für sie härter nicht sein könnte. Ein Duell aber auch, das für sie spezieller nicht sein könnte. «Hätte uns einer vor vier Jahren gesagt, dass wir einmal gegeneinander in der Super League spielen, hätten wir uns das nie zugetraut und nie geglaubt, dass das stimmen würde. Der Fussball aber überrascht uns so oft.»