Michael Lang, muss der FC Basel momentan wie gegen den FC Zürich mit dem Rücken zur Wand stehen, um liefern zu können?

Michael Lang: Eigentlich nicht. Du findest aber nicht einfach Erklärungen, wieso etwas gut läuft oder eben nicht. Manchmal sind es Kleinigkeiten wie der erste Zweikampf, den du gewinnst, und dann hast du ein gutes Gefühl.

Von guten Gefühlen war man zuletzt weit entfernt. Raphael Wicky bemängelte, dass die Basics – kämpfen, beissen und rennen – verloren gegangen sind.

Aber am Samstag haben wir das alles gemacht. Wir wissen ja alle, dass es das braucht.

Wieso hat es dann erst gegen Zürich geklappt?

Wenn du das jedes Spiel könntest, und jede Mannschaft es könnte, was hätten wir dann für Spiele? Wenn man immer genau wüsste, was es braucht, dann hätten wir letztes Jahr 100 Punkte geholt.

Anders gefragt: Woran mangelt es aktuell? In allen Belangen ist der FCB schwächer als letztes Jahr; Mehr Gegentore, weniger erzielte Tore und Punkte.

Es spricht momentan tatsächlich keine Zahl für einen unschlagbaren FCB. Natürlich wäre ich auch lieber so gestartet wie letztes Jahr. Aber man darf sich auch nicht immer an den Zahlen von letzter Saison orientieren.

Meinen Sie da auch Ihre persönliche Ausbeute? Nach zehn Spielen warten Sie noch immer auf einen Skorerpunkt.

Ich habe immer gesagt, dass ich Verteidiger bin und meine Form nie an Toren messen kann. Ab und an gibt es Situationen wie im Cupfinal, wo du keine zwingenden Aktionen hast, und auf einmal gelingt dir so ein Tor. Das nimmt auch eine Dynamik an und auf einmal hast du fast so viele Tore wie Assists. Ich weiss, dass die Leute auf solche Zahlen bauen, daran wird man gemessen. Und ich habe es mir auch anders vorgestellt und gewünscht. Vielleicht beschäftigt mich das auch unbewusst. Vielleicht fehlt mir dieses befreite Gefühl von letzter Saison. Und der Druck ist auch nicht kleiner geworden.

Wer macht Druck?

Einerseits kommt der automatisch nach meinen letzten beiden Jahren. Und ich mache mir auch selber Druck. Auch ich will immer besser sein als letztes Jahr, auch wenn es in der Schweiz wohl kaum mehr möglich ist, die Statistiken von letztem Jahr zu überbieten.

Es wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen, für einen Wechsel ins Ausland. Schlägt es aufs Gemüt, dass es nach dieser sensationellen Saison nicht geklappt hat?

Aufs Gemüt geschlagen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Ich habe von Anfang an betont, und das ist jetzt nicht einfach eine Interview-Antwort, dass ich auch glücklich bin, wenn ich hier bleibe und dann nicht die ganze Zeit an den geplatzten Transfer denken muss. Ich war in einer super Position, klar. Und es ist ja auch nicht so, dass gar nichts gekommen wäre. Aber das, was ich mir vorgestellt habe, war eben nicht dabei.

Inwiefern?

Von der Grösse des Vereins oder der Liga, oder der Kombination dieser zwei Punkte. Ich bin ein ambitionierter Spieler und mittlerweile in einem Alter, in dem ich nicht einfach irgendeine Liga ausprobieren gehe und schaue, ob es klappt. Das kann man mit 22 machen. Aber ich bin ein gestandener Spieler, habe alles gewonnen in der Schweiz, was man gewinnen kann, bin im Kreise der Nati und damit einer von nur zwei Spielern aus unserer Liga. Das gibt man nicht einfach auf, um irgendwo rumzugurken. Der Zeitpunkt wäre unbestritten ideal gewesen und jeder hätte es verstanden, weil ich mich nicht einfach aus dem Staub gemacht hätte. Aber wer weiss, vielleicht kommt der perfekte Zeitpunkt ja noch.

Nach Ihrem Verbleib wurden Sie mit einer tragenderen Rolle belohnt.

Das ist sicher ein positiver Aspekt und etwas, was ich auch von Anfang an gespürt habe. Als ich das erste Mal mit Marco Streller zusammengesessen bin, hat er mir gleich klar gemacht, dass ich ein wichtiger Spieler bin und noch wichtiger werde in Zukunft. Das hört man gerne und dann will man auch nicht unbedingt weg. Solche Situationen wie die jetzige, wo es punktemässig nicht rund läuft, können einen menschlich und fussballerisch auch weiter bringen.

Sie sprechen die schwierige Situation erneut an. Es ist nicht einfach, nachzuvollziehen, woran es liegt. Vor allem, weil die Qualität nach wie vor vorhanden ist.

Das höre ich immer wieder. Aber man muss schon sehen, dass wir mit Matías Delgado den wichtigsten Spieler auf und neben dem Feld verloren haben. Dazu haben wir noch zwei erfahrene Stürmer verloren. Ich habe Giorgio Contini nach dem Spiel gegen St. Gallen sagen hören, dass wir durch den Wegfall dieser drei gefühlt 60 Tore verloren haben. Das mag nicht ganz genau stimmen, aber zählt man Matis Assists noch dazu, kommt es fast hin. Dennoch muss man sagen, dass es keine Frage der Qualität ist, die haben wir unbestritten in der Mannschaft. Auch ohne diese drei Spieler.

Aber?

Es ist eher unerklärlich, dass wir uns nach dem Auftaktspiel bei YB gefangen haben, dreimal gewinnen konnten, dann aber wieder in eine schwache Phase geraten sind. Es ist nicht so, dass wir einen konstant schlechten Lauf hätten. Aber durch diese plötzliche, schlechte Phase war eine gewisse Verunsicherung da. Nicht nur in der Mannschaft, sondern rundherum. Viele junge Spieler haben das noch nie erlebt und für jene, die schon lange da sind, war es auch eine neue Situation. Da fragst du dich schon «Läck, was ist los?»

Und, was war los? Fehlt dieser Mannschaft jemand, der auch mal auf den Tisch hauen kann? Oder gibt es diesen Spieler?

Meine Gegenfrage: Braucht es den? Auf den Tisch hauen ist, den ersten Zweikampf zu gewinnen. Auf dem Platz Vollgas zu geben. Im Training die Mitspieler zu pushen und jeden Tag als Vorbild voranzugehen. Wenn du auf den Tisch haust und damit ist alles verpufft, bringt es nichts.

Also fehlen Führungsspieler.

Führungsspieler haben wir. Die hat jede Mannschaft. Wenn man überlegt, welche Art Spieler in den letzten Jahren hier gespielt haben, ein Streller, ein Alex Frei, ein Beni Huggel, dann muss man sagen: solche Typen haben wir nicht. Das wird es vielleicht auch die nächsten fünf Jahre nicht geben. Das waren spezielle Typen, die hier völlig verankert waren in der Region und der Fankultur. Das waren Gesamtpakete.

Die beiden ehemaligen Führungsspieler Marco Streller und Alex Frei.

Die beiden ehemaligen Führungsspieler Marco Streller und Alex Frei.

Wer sind denn die Führungsspieler?

Tomas Vaclik, Marek Suchy, Taulant Xhaka, Serey Die oder Davide Callà.

Letztere zwei spielen aber kaum.

Das ist nicht das Wichtigste. Natürlich zeichnet sich ein Führungsspieler primär durch Leistung aus. Das war auch bei mir so. Aber es gibt immer Ausnahmen. Spieler, die eine gewisse Ausstrahlung haben, schon eine super Karriere absolviert haben und daher eine automatische Leaderposition haben. Die müssen aktuell nicht Stammspieler sein, weil sie auch ohne immer zu spielen sehr wichtig sind für die Mannschaft. Da zähle ich Serey und Davide dazu.

Die Hierarchie ist flacher geworden nach Delgados Rücktritt. Oder wirkt das nur so?

Das ist sicher so. Er war der Patron und das absolut zu Recht. Jetzt ist die Verantwortung auf mehrere Spieler verteilt. Aber bei uns ist das kein so grosses Thema. Ich sage ohnehin, dass es auch ohne strikte Hierarchie geht. Wir sind eine Truppe, die ein gemeinsames Ziel hat. Da darf auch ein 20-Jähriger mal etwas sagen.

Ihre Worte haben dennoch mehr Gewicht. Reden Sie den Jungen vor Spielen wie gegen Benfica Mut zu?

Ich bin ein offener Typ, der nicht anderen sagt, sie sollen dieses und jenes tun. Vor solchen Spielen muss man sowieso keinen motivieren. Und beruhigen kannst du ihn auch nicht. Was willst du schon gross sagen? Jeder Spieler wächst an solchen Aufgaben. Und wenn es zu viel Druck ist, spielt er eben nicht mehr Champions League, so blöd das jetzt klingt.

Wie gross ist der Druck gegen Benfica, weil ZSKA bereits drei Punkte, der FCB seinerseits null hat?

Der Auswärtssieg von Moskau in Lissabon kam für alle etwas überraschend. Aber unser Heimspiel gegen Benfica hatte schon vorher eine grosse Bedeutung für uns. Wir wussten, dass wir gegen United kaum Punkte holen würden und so im ersten Heimspiel welche brauchen. Für Benfica zählen jetzt auch nur drei Punkte, nichts anderes. Wir wissen, dass es einen Champions-League-Abend von jedem Spieler von uns braucht, sonst haben wir keine Erfolgsaussichten.

Habt ihr einen solchen Abend tatsächlich in euch?

Wir hatten zuletzt keine Champions-League-Form. Aber an solchen Nächten kann man das anknipsen. Wie gesagt: es fehlen nur Kleinigkeiten, und vielleicht passen die genau gegen Benfica wieder.