Die Landschaft ist schneebedeckt, die Sonne scheint. Wenn man die engen Kehren nach Magglingen hochfährt, fühlt man sich, als ob man auf dem Weg in die Skiferien wäre. Anja Schwarz lächelt bei dem Gedanken und nickt mit dem Kopf. Sie kennt das Gefühl. Sie erlebt es tagtäglich, wenn sie sich von Biel aus auf ihren halbstündigen Arbeitsweg ins Nationale Sportzentrum macht. Wenig später erzählt die 15-jährige Kunsttunerin, dass sie 28 Stunden pro Woche trainiert. Spätestens jetzt sind die Gedanken an Skiferien dahingeschmolzen wie der Schnee in der Frühlingssonne.

14 Jahre alt war Anja Schwarz, als sie im vergangenen Oktober nach Magglingen berufen wurde. Seit Giulia Steingruber war keine Athletin mehr so jung. Schwarz hat sich im Laufe ihrer Karriere daran gewöhnt, die Jüngste zu sein – sei es in ihrer Kategorie oder auf dem Siegertreppchen. Ihre neuen Kolleginnen in Magglingen sind mindestens zwei Jahre älter. Formell gehört Anja Schwarz zwar noch dem Juniorinnen-Nationalkader an, doch sie trainiert mit der Elite, Seite an Seite mit Giulia Steingruber; profitiert von deren Erfahrungen und Tipps.

Zwei Tage zu jung für die Elite

Obwohl sie sich für ihr junges Alter erstaunlich routiniert durch Magglingen bewegt, wäre Anja Schwarz manchmal gerne zwei Tage älter. Am 2. Januar feiert sie jeweils ihren Geburtstag. Hätte sie Jahrgang 1999 statt 2000, dürfte sie bereits jetzt bei internationalen Wettkämpfen der Elite starten. «Meine Trainer haben sich auch schon über meinen Geburtstag geärgert», sagt sie mit einem Lachen. Doch die zwei Tage haben auch ihr Gutes: Anstatt sich mit Hochdruck auf die Elite-EM im April vorzubereiten, bleibt ihr Zeit für einen soliden Aufbau. Die wirklichen Höhepunkte sollen 2016 folgen: Mit den Heim-Europameisterschaften in Bern und den Olympischen Spielen in Rio.

Eigentlich hätte Schwarz erst im Sommer den Übertritt vom Nordwestschweizerischen Kunstturn- und Trampolinzentrum Liestal (NKL) nach Magglingen vollziehen sollen. Doch weil es in Liestal einen Trainerwechsel gab, entschied man sich, den Umzug vorzuziehen. Zwei Trainerwechsel innerhalb eines knappen Jahres wären zu viel gewesen. «Eine Faustregel besagt, dass die Gewöhnung an einen neuen Trainer ein halbes Jahr dauert», erklärt Schwarz. Nun trainiert sie also unter Cheftrainer Zoltan Jordanov, der mit Ariella Kaeslin und Steingruber zwei Kunstturnerinnen an die absolute Weltspitze geführt hat.

Lange über den Wechsel nachdenken musste sie nicht. «Es war von klein auf mein grosser Traum, nach Magglingen zu gehen. Ich konnte es kaum erwarten», sagt sie, und fügt nicht ohne Stolz an: «Es ist eine Ehre und eine Riesenchance, die ich nutzen musste.» Ulf Hoffmann, ihr Trainer in Liestal, prophezeite ihr schon im Alter von elf Jahren, dass sie es nach Magglingen schaffen kann.

Keine Zeit für Heimweh

Schwarz wohnt seit Oktober bei einer Gastfamilie in Biel. «Die zwei Kinder der Gastfamilie sind mittlerweile richtige Kunstturn-Fans geworden», freut sie sich. Ebenfalls in Biel besucht sie die neunte Klasse. Im Sommer macht sie den Abschluss und wechselt dann ans Gymnasium. «Irgendwann nach 25 ist die Turn-Karriere zu Ende, dann will ich etwas in den Händen halten», blickt Schwarz voraus.

Der Auszug aus dem Elternhaus war zwar eine Umstellung, aber kein Problem, sagt die junge Frau. Der Tagesablauf in Magglingen ist so durchgeplant, dass kaum Zeit für Heimweh bleibt. Zudem lernt man als Sportlerin früh, selbstständig und organisiert zu sein. Am Wochenende besucht sie jeweils die Familie in Gelterkinden. Und wer weiss, vielleicht wird ihr ihre 12-jährige Schwester Viviane irgendwann nach Magglingen folgen. «Das wäre schön. Auch sie zählt zu den Besten ihres Jahrgangs», sagt Anja Schwarz.

Schon mit drei Jahren wurde sie mit dem Kunstturn-Virus angesteckt. Damals verfolgte sie einen Wettkampf am Fernseher. Noch heute kann sie sich daran erinnern. «Ich war sofort total begeistert», sagt sie. Und weil sie schon immer «aktiv bis hyperaktiv» gewesen sei und Bewegung brauchte, hat sie mit viereinhalb Jahren mit dem Kunstturnen begonnen.

2006 wurde sie im NLK aufgenommen, 2009 im Nachwuchskader des Schweizerischen Turnverbands. Zu einem guten Stück steckt das Kunstturn-Gen wohl auch in der Familie. Ihr Ururgrossvater war Gründer und Präsident des TV Rothenfluh, der Grossvater war Kutu-Leiter in Lausen. Und auch der Vater und die Mutter haben geturnt. «Aber das alles habe ich erst erfahren, als ich den Weg bereits eingeschlagen hatte», sagt Schwarz.

Rang 6 an den Juniorinnen-EM

Sie ist die erste Kunstturnerin, die es aus dem NKL Liestal nach Magglingen geschafft hat. Für Schlagzeilen sorgte sie im Mai 2014, als sie an den Junioren-EM in Sofia Sechste am Stufenbarren und Elfte im Mehrkampf wurde. Für ähnliche Erfolge auf Elite-Ebene feilt sie nun in Magglingen an ihren Künsten, erhöht den Schwierigkeitsgrad und die Stabilität ihrer Übungen, profitiert von der Infrastruktur und von der Betreuung.

Es gibt spezialisierte Trainer für jedes Gerät, eine Choreografin und Ballettunterricht. «Die Trainings hier sind intensiver und strenger», sagt sie. Aber sie schätzt es, dass sie sich in der Abgeschiedenheit Magglingens mit den Besten des Landes messen kann. «Wir pushen uns gegenseitig, alle hier haben das gleiche Ziel vor Augen», sagt Schwarz, und bereitet sich auf das nächste Training vor.