Handball

«Das Präsidium ist doch kein geiler Job»: Alex Ebi spricht über turbulente 18 Jahre RTV Basel

2002 übernahm Alex Ebi das Präsidium beim RTV Basel und bewahrte seinen Herzensverein damit vor dem drohenden Konkurs. Nach 18 Jahren tritt er ab. Zum Abschied erzählt er von verwöhnten Handballern und wertvollen Helfern - und kritisiert die Basler Politik.

Mit einer blauen Vespa fährt Alex Ebi vor, die Ärmel des Hemds lässig hochgekrempelt. Ein Schwatz hier, eine Begrüssung dort, die Leute kennen ihn und er kennt sie. Dann nimmt der abtretende RTV-Präsident an der Aussenseite des Restaurants Schafeck im Kleinbasel Platz.

Sie sagten in einem Interview vor acht Jahren, es sei Ihr grosser Wunsch, als RTV-Präsident abzutreten. Sind Sie nun wunschlos glücklich?

Alex Ebi: Ich bin tatsächlich enorm erleichtert. Ich bin nicht auf dieser Welt, um 50 Jahre Präsident des RTV zu sein.

Warum wollen Sie denn schon seit 2010 zurücktreten?

Ich habe das Präsidium 2002 übernommen. Ich bin überzeugt, dass eine Einzelführung etwa sechs Jahre Sinn ergibt. Im ersten Jahr bist du noch ein bisschen doof, im zweiten wird es besser, im dritten bist du vernetzter, und die nächsten beiden Jahre kannst du richtig viel umsetzen. Doch nach sechs Jahren bist du erschöpft. Man muss sich immer mehr an der Nase nehmen und darauf achten, keine Blockade für kreative Ideen anderer Personen zu sein.

Warum treten Sie erst jetzt zurück?

Es gibt ein paar Punkte, die ein neuer Präsident braucht. Natürlich muss er zwei und zwei zusammenzählen können. Er braucht eine gute Vernetzung in der Stadt, und zwar in allen Ecken der Gesellschaft. Aber am wichtigsten ist, dass er richtiges Herzblut für den Verein mitbringt und nicht den Laden zumacht, sobald das Budget nicht mehr aufgeht. Ein Präsident, der vor allem diesen dritten Punkt erfüllt, war nur sehr schwierig zu finden.

Sie haben dieses RTV-Herzblut und haben den Verein 2002 in einer kritischen Phase übernommen.

Genau. Damals haben der damalige Präsident und der Vorstand demissioniert, es gab eine Budgetlücke von 700000 Franken. Ich wurde angefragt, ob ich zusammen mit Kollegen Kraft und Wille hätte, das Schiffchen wieder auf Kurs zu bringen.

Wäre der RTV ohne Ihr Engagement in Konkurs gegangen?

Wäre keiner eingestiegen, wäre das wohl die Folge gewesen.

Wie ging es in den folgenden Jahren weiter?

Die Budgetlücke konnte relativ schnell gefüllt werden, doch das Geld hat uns weiterhin beschäftigt. Jeder Zuschauer will den RTV gewinnen, an der Generalversammlung aber keine Schulden sehen. Im Mannschaftssport geht ohne Mäzen praktisch nichts. Das Geld muss ständig zusammengewürfelt werden.

Sie waren in Ihrer Aktivzeit selber ein erfolgreicher Handballer. War die Präsidentschaft anstrengender?

Ja, keine Frage. Das Präsidium ist doch kein geiler Job. Den Sport macht man, weil er toll ist. Ein Tag ohne Training ist ein verlorener Tag. Als Präsident ist das anders.

Warum?

Was sich sehr zum Negativen verändert hat, ist das Spielervermittlerwesen von ausländischen Spielern. Die haben das Gefühl, sie seien nun der grosse Superstar, der Verein nur noch für sie da. Sie sagen mir, sie hätten etwa das Trambillett verloren und stecken fest. Im Fordern sind sie grossartig, im Zeigen einer Leistung kommt stattdessen das grosse Fragezeichen. Einige dieser Spieler benehmen sich wie grosse Fussballstars. Dabei sind sie vorerst noch kleine Frösche, die mit viel Fleiss und Ehrgeiz vielleicht mal kleine Handballstars werden. Das betrifft aber nicht die lokalen Spieler. Die sind mit viel Herzblut dabei.

Es gibt Fussballergehabe bei den Handballern des RTV?

Ja, weil manche Spieler denken, dass sie auch Profisportler sind. Sie sagen sich: Ein Lionel Messi ist das auch, also wollen sie gleich sein. Aber nun habe ich genug über Negatives gesprochen. Es gibt viel mehr Positives.

Und das wäre?

Wenn man so lange dabei ist, hat man viele Kollegen, die mithelfen. Das sind solche, die dich 18 Jahre begleiten, und von denen gibt es beim RTV viele. Es ist die Leidenschaft bei den Vorstandsmitgliedern, die keinen Rappen verdienen und selber viel eigenes Geld zahlen, damit die Rechnung am Ende stimmt. Da werden die Interessen des Vereins vor Familie und Beruf gesetzt. Dieser Idealismus und diese Leidenschaft sind eigentlich birnenweich. Auch die ehrenamtlichen Helfer, die Heimspiele organisieren oder sich um den Nachwuchs kümmern, sind extrem wertvoll. Ich bin sehr dankbar, dass ich stets eine ausgezeichnete Truppe um mich hatte. Anders wäre es auch nie so lange gegangen.

Sie kennen die Handballszene in Basel und der Schweiz schon seit den 1980er-Jahren. Wie war es damals?

Wenn Menschen älter werden, sagen sie stets, dass früher vieles oder gar alles besser war. Natürlich sage ich auch, dass es früher viel toller war, logischerweise (lacht). Nur hat das auch schon die Generation vor mir behauptet. Aber vor 40 Jahren war Handball noch eine Nummer in Basel. Wir wurden Schweizer Meister, hatten 2500 Zuschauer in der Halle. Dann brach Handball aber ein bisschen ein.

Warum?

Schlussendlich sind es drei wesentliche Gründe. Erstens hat der Handball den Platz im Schulsport verloren. Zweitens gab es einen Trend hin zu Individualsport. Drittens finde ich es wahnsinnig, welchen Druck junge Menschen heute in der Schule haben. Ich werde den Sinn dahinter nie verstehen. Kinder sind heute viel absorbierter als wir früher.

Was mussten Sie in Ihrer Jugend auf dem Weg zum Profi opfern?

Ich hatte den Vorteil, dass ich ein Talent mitbekommen habe. Dass ich das Spiel recht schnell begriff, wem ich etwa den Ball passen muss. Ich musste in jungen Jahren nicht wie ein Verrückter zehn Stunden in der Woche trainieren, das kam erst später.

Ist es heute härter geworden?

Das hängt stark vom Talent ab. Wenn einer wahnsinnig ehrgeizig ist, aber nicht so mit Talent beglückt, muss er viel mehr trainieren als ich. Mir wurde ein Ball in die Hand gereicht und gesagt, was ich zu tun habe, und dann konnte ich das einfach.

Ihr Talent machte Sie auch zum Nationalspieler. Doch 1986, eigentlich in Ihrer aktiven Blütezeit, fehlten Sie ausgerechnet an der Heim-WM. Warum?

Die Episode dazu beginnt 1983, da war ich noch Junior, machte aber auch schon mein erstes Spiel für die A-Nationalmannschaft. In jenem Jahr hatten wir uns für die Junioren-WM (U21) in Helsinki qualifiziert, als 18-Jährige. Eigentlich waren wir, die aus dem Jahrgang 1964, zu jung für die Junioren-WM, es durften auch die um zwei Jahre Älteren mitmachen. Nur waren die zu jenem Zeitpunkt schon so gut - sagte zumindest der damalige Nati-Trainer Sead Hasanefendic - dass die Besten aus diesem 62er-Jahrgang in der A-Nati spielten. Deswegen mussten wir Jungen die Qualifikation bestreiten, ohne die sogenannten Superstars. Dann kam die WM.

Was geschah?

Der Handballverband hatte nichts Besseres im Sinn, als dem Nati-Trainer zu sagen, er solle doch als Verstärkung an die Junioren-WM gehen und den Jahrgang 1962, also die Älteren, mitnehmen. Die hat er uns dann auch tatsächlich vor die Nase gestellt. Wir Jungen, die die Qualifikation schafften, mussten auf die Bank, oder gar auf die Tribüne. Das war schon einmal keine gute Basis. Beim ersten Training, das wir danach an dieser Junioren-WM hatten, wurde Peter Weber, einer der Stars, krank -  40 Grad Fieber. Weber teilte sich das Zimmer mit Uwe Mall, auch einer der Grossen. Dann sagte der Nati-Trainer: ‹Uwe darf nicht auch noch krank werden. Ebi, geh zu Weber ins Zimmer›.

Sie waren also das Bauernopfer?

Das ist schon eine Botschaft vor einer WM: Auf mich als kleines Stinkerli setzt man nicht. Das passte mir natürlich nicht. Während des entscheidenden WM-Spiels gegen Polen musste ich dann das Video des Spiels machen. Da war meine Stimme stets zu hören, alles kam darin vor. Wir verloren und schieden aus, mit all den grossen Superstars. Hatte ich eine Wut auf unseren Trainer.

Und Ihr Jubelgeschrei war auf dem Video zu hören?

Nicht nur das. Ich benannte die eigenen Spieler und den Trainer mit Ausdrücken, die nicht in der Zeitung stehen sollen. 60 Minuten lang.

Die Konsequenzen waren drastisch.

Naja, ich durfte drei Jahre nicht mehr für die Nati spielen, erst als der Trainer ging, kam ich wieder rein. Deswegen verpasste ich die Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 und eben auch die Heim-WM 1986.

Blicken wir noch in die Zukunft. Sie sind auch Grossrat. Setzen Sie sich nun dort für den Handball ein?

Nicht nur für den Handball. Der Sport als Ganzes liegt mir sehr am Herzen, da er so wichtig für eine Gesellschaft ist. Deshalb ja, mal schauen, ob das funktioniert. Da muss man aber auch wieder gewählt werden, was als LDP-Mitglied im Wahlkreis Kleinbasel in einem eher linken Teil unserer Stadt nicht so einfach ist. Es ist ein Leichtes, wenn man schreit, es brauche ein Ausländerstimmrecht. Das gibt viel mehr Publizität, als wenn ich fordere, dass es endlich mal eine neue, richtige Sport-Arena mit Trainingshallen, Restaurants und Büros für Vereine und Verbände gibt.

Basel ist doch sportbegeistert.

Aber wo geht diese Sportbegeisterung hin?

Jahrelang zumindest zum FCB.

Genau.

Färbt das nicht ab?

Worauf denn? Ich sehe Wirtschaftsgrössen und Politiker in die VIP-Loge des FCB laufen, um sich als Sport­begeisterte zu outen. Aber machen sie das Portemonnaie im ordentlichen Stil für den Sport im Allgemeinen auf? Nein, eben nicht. Die Kultur erhält von uns Steuerzahlern jährlich unglaublich viele Millionen an Subventionen. Diese Summen stehen in keinem Verhält­-
nis zu den paar Fränkli, die der Sport erhält. Dieses Missverhältnis gilt es zu beseitigen. Leider hat sich lobbymässig für den Sport in unserer Gummibaumkultur und schönrednerischen Rucksack-, Bart- und Velostadt seit Jahren nichts geändert. Ich liebe Museen, Theater und die ganze Kunst. Ich liebe aber auch den Sport.

Sind Sie optimistisch, etwas im Grossen Rat an der fehlenden Sportunterstützung zu ändern?

Ich werde es versuchen, aber ich weiss nicht, ob das nicht ein Kampf gegen Windmühlen ist. Da hat man nur Chancen nach dem Prinzip: Steter Tropfen höhlt den Stein. Aber das ist definitiv nicht so meine Sache.

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