Das unerwartete Ausscheiden an den Swiss Open ist auf dem Onlineportal des «Indian Express» eine Schlagzeile auf der Frontseite wert. Wenn Saina Nehwal zu Schläger und Shuttle greift, ist das in ihrer Heimat ein Ereignis. Das war auch im vergangenen Jahr der Fall. Nehwal hatte an den Olympischen Spielen in London Bronze gewonnen. Das Echo auf den Medaillengewinn nahm historische Ausmasse an. Nehwal verdrängte sogar die Cricket-News von den Frontseiten der Zeitungen, und in der Heimatstadt Hyderabad liess man sich nicht lumpen und organisierte einen Triumphzug für die erst zweite Olympiamedaillengewinnerin des Landes. «Zum Corso kam es nicht», lacht Nehwal. Man versuchte sie vom Flughafen abzuholen. «Aber der Bus krachte zusammen», erinnert sie sich. Das Gefährt gab unter der Last der Fans den Geist auf.

Kein normales Leben mehr möglich

Wenn Saina Nehwal Episoden aus ihrer Heimat erzählt, ist es eine Mischung aus Stolz und Respekt. Ihre Popularität hat mittlerweile ein Ausmass angenommen, welches ihr ein normales Leben im zweitbevölkerungsreichsten Land der Erde verunmöglicht. «Es ist schön, wenn man für die Leistung Anerkennung erhält. Der Ruhm hat aber seinen Preis.» Unerkannt auf die Strasse zu gehen, daran ist nicht mehr zu denken, sagt sie. Wenn sie doch versucht, mit Freunden auszugehen, dann inkognito. «Am besten gut verhüllt.»

Die Medien reissen sich um die Weltnummer 2

Dank ihren Erfolgen hat Saina Nehwal in Indien einen vergleichbaren Status erlangt, wie Roger Federer in der Schweiz. Die Werbeindustrie, die Medien, das Showbiz reissen sich um die aktuelle Weltnummer 2. Nehwal unterschrieb unlängst einen mit 7,4 Millionen Dollar (rund 7 Millionen Franken) dotierten Sponsoringvertrag über drei Jahre mit einer nationalen Sportmanagement-Firma. Damit ist sie neben den Cricket-Stars die bestverdienende Sportlerin Indiens.

Fokus beibehalten

Nehwal geht mit dem Rummel um ihre Person erstaunlich ruhig um. «Natürlich ist es nicht ganz einfach, die Konzentration zu behalten», sagt sie. «Aber ich darf den Fokus auf das Wesentliche nicht verlieren. Wenn meine sportlichen Leistungen nicht mehr stimmen, würde auch das Interesse nachlassen», erklärt sie ruhig, sympathisch, eloquent.

Grosse Federer-Bewunderin

Parallelen zu Roger Federer treten zum Vorschein. Sie sind nicht zufällig. Die Badminton-Ikone bringt für den Tennis-Gott grosse Bewunderung auf. «Seine Lockerheit, seine Disziplin, seine Freundlichkeit imponieren mir.» Es sind Werte, auf denen auch Nehwals Leben basiert. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen im Norden des Landes und ist nach ihrem Aufstieg bescheiden geblieben. «Dafür sorgt schon meine Familie», lacht Nehwal. Sie lebt zusammen mit ihren Eltern in Hyderabad.

Am Sonntag Geburtstag

Anfang Woche kehrt Nehwal nach Indien zurück. Die Schweiz verlässt sie mit der Enttäuschung einer Halbfinalniederlage. Die Titelverteidigerin scheiterte an der Chinesin Shixian Wang in drei Sätzen. Dennoch zählt das Swiss Open zu ihren bevorzugten Turnieren. «Organisation und das Umfeld sind perfekt», lobt sie den Veranstalter. Trotz des verpassten Endspiels hat Nehwal heute Grund zur Freude. Sie feiert ihren 23. Geburtstag.