Interview
Der 20-jährige FCB-Stürmer Dimitri Oberlin im Interview: «Ich weinte beim ersten Schnee»

Der 20-jährige FCB-Stürmer Dimitri Oberlin spricht im Interview übers Skifahren, Rassismus und wirre Auftritte in der Liga.

Sébastian Lavoyer
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In der Königsklasse top, in der Liga wirr: «Erklären kann ich es mir nicht», sagt Oberlin.

In der Königsklasse top, in der Liga wirr: «Erklären kann ich es mir nicht», sagt Oberlin.

KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

Dimitri Oberlin, Sie sind als Achtjähriger allein mit Ihrem kleinen Bruder von Yaoundé nach Genf geflogen. Hatten Sie keine Angst?

Dimitri Oberlin: Nein, im Gegenteil. Ich war einfach nur glücklich, es war eine einzige Freude.

Sie scherzen.

Nein, für mich war es ein Traum, in ein Flugzeug zu steigen. Wir waren ja nicht allein, eine Frau begleitete uns. Und in Genf wartete meine Mutter, die ich zuvor sechs Monate lang nicht gesehen habe.

Wieso denn?

Ich war fünf, als sie in die Schweiz zu meinem Stiefvater zog. Von da an lebten wir bei meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter. Wir sahen sie nur alle paar Monate.

Zu Ihrem leiblichen Vater hatten und haben Sie keinen Kontakt?

Nein, ich kenne ihn nicht wirklich.

Und zu Ihrem Stiefvater?

Es ist eine Freude, jemanden wie ihn an seiner Seite zu haben. Er hat unglaublich viel für mich gemacht. Wir lebten in Moudon, aber schon mit zwölf trainierte ich bei Lausanne. Er fuhr mich fast jeden Tag mit dem Auto hin – eine halbe Stunde hin, eine halbe Stunde zurück. Ganz egal, ob ich gute oder schlechte Noten heim brachte.

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die Zeit zurückdenken, in der Sie noch in Kamerun lebten?

Ich habe Erinnerungen an die Schule. Aber vor allem daran, wie ich mit meinem Bruder Fussball spielte. Überall, aber vor allem bei uns im Hinterhof. Wir waren nie in einem Verein, denn in Kamerun kostet das und unsere Familie hatte nicht viel Geld.

Basel-Stürmer Dimitri Oberlin

Basel-Stürmer Dimitri Oberlin

KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

War es in der Schweiz anders?

Wir lebten auch hier nicht im Überfluss. Meine Mutter arbeitete damals im Hotel, machte Zimmer, putzte.

Und jetzt?

Ist sie zu Hause, jetzt schaut Dimi (lacht).

Sie wohnen wieder mit Ihrer Mutter. Warum eigentlich?

Weil es einfacher ist, sie kocht, putzt, macht den Haushalt (lacht). Im Ernst: Sie hat immer an mich geglaubt, war da, wenn es mal schwierig war. Wir unterstützen uns gegenseitig.

Wenn Sie die schwierigen Momente ansprechen: In Salzburg lief ein Ermittlungsverfahren, das unterdessen eingestellt wurde. Haben Sie sich wieder mit Ihrer Ex-Freundin versöhnt?

Ja. Wir verstehen uns wieder, wir haben uns eigentlich schon relativ schnell danach wieder verstanden.

Es scheint als wäre es Ihnen wichtig,die Sache vom Tisch zu haben. War es auch befreiend?

Nein, das nicht. Ich weiss ja, was passiert ist damals. Schwierig machten es vor allem die Dinge, die danach in der Zeitung standen. Aber ich bin nicht dazu da, um diese Geschichte zu kommentieren.

Was haben Sie daraus gelernt?

Dass du plötzlich im Fokus stehst. Und wenn dir etwas misslingt, heisst es sofort, dass es deswegen sei. Ich habe gelernt, nicht zu sehr darauf zu achten, was in der Zeitung steht. Aber ja, es war ein Problem, das erste ernsthafte, das ich in meiner Karriere hatte.

Sie gerieten in Salzburg in eine Sackgasse. Und dann kam der FCB.

Ja, Marco Streller verpflichtete mich in einer Situation, die für mich persönlich sehr schwierig war. Zudem war ich verletzt. Und trotzdem hat er an mich geglaubt. Dieses Vertrauen bedeutet mir sehr viel und das wollte ich unbedingt zurückzahlen.

Das haben Sie vor allem mit Ihren Auftritten in der Champions League eindrücklich geschafft. Sie haben in der Königsklasse vier Tore in acht Spielen geschossen. Das sind gleich viele wie Sie in der Super League in zwanzig Begegnungen erzielt haben. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

In der Tendenz hatten unsere Gegner in der Champions League mehr Ballbesitz und wir spielten auf Konter. Sie scheuten sich nicht, zu spielen und wir hatten Räume. Das kommt mir entgegen. In der Meisterschaft sieht es anders aus. Oft kontrollieren wir das Spiel, die Gegner igeln sich eher ein.

Dann wirken Sie oft viel wirrer. Wie kommt das?

Wirklich erklären kann ich es nicht. Aber es ist klar, dass ich in der Meisterschaft öfter die Position wechselte als in der Champions League. Das macht es nicht einfacher. Zudem ist es einfach viel schwieriger, wenn ein Gegner mit fünf Verteidigern spielt. Aber ich weiss auch, dass ich einige Chancen hatte, diese aber nicht verwerten konnte.

Was tun Sie gegen Ihre «Platzangst», Ihre Schwierigkeiten auf engem Raum?

Ich arbeite daran. Letztlich geht es auch darum, zu spüren, wie das Team in diesen Situationen funktioniert, wo die Bälle hinkommen, wie man mit der Überlegenheit umgeht. Das war für mich ein bisschen komplizierter, weil immer wieder auf anderen Positionen eingesetzt wurde.

Auch wegen Ihren Stolperern wurden Sie unlängst von FCB-Präsident Bernhard Burgener mit Mohamed Salah verglichen. Was löst das bei Ihnen aus?

Es freut mich natürlich. Schauen Sie, was Salah momentan macht, was er für Leistungen bringt. Das ist unglaublich. Gleichzeitig weiss ich, dass ich mich nicht mit ihm vergleichen darf. Er ist mindestens zehn Etappen weiter. Ich möchte eines Tages auf einer ähnlichen Stufe spielen. Aber eben: Es ist ein weiter Weg.

Wovon träumen Sie denn?

Von einem Klub in einer Top-Liga, der Rest ist eigentlich egal. Als Kind träumte ich von Real Madrid, war fasziniert von Zinedine Zidane und Cristiano Ronaldo. Aber ich habe unterdessen gelernt, wie der Fussball funktioniert, weiss, wie schwierig es ist, dahin zu kommen, wo sie waren. Von daher haben sich die Ziele verändert (lacht).

Viel näher liegt da die Entscheidung, ob Sie in Basel bleiben oder nicht. Der FCB hat eine Kaufoption auf Sie, die bis Ende April gezogen werden muss. Möchten Sie denn eigentlich bleiben?

Ich würde mich freuen, hier zu bleiben. Ich fühle mich so wohl hier. Der Sportchef, der Trainer, der Staff, sie alle kennen mich schon länger, wissen, wie sie mit mir umgehen müssen. Früher konnte ich mit Kritik nicht gut umgehen, weil ich schnell das Gefühl hatte, dass man mich schlechtreden will. Das ist hier anders, ich merke, dass sie mir helfen, mich voranbringen wollen. Sie wissen, dass ich besser bin, wenn ich mit Freude spiele.

Man sagt von Ihnen, dass Sie sehr sensibel seien.

Das stimmt schon. Es tut mir weh, wenn etwas ungerecht ist. Gleichzeitig tue ich mich schwer, mich in diesen Situationen auszudrücken. Aber man merkt es: Ich lache eigentlich immer. Wenn mein Lachen weg ist, dann stimmt etwas nicht.

Brauchen Sie mehr Zuwendung als andere?

Sagen wir es so: Es ist einfacher für mich, wenn ich jemanden habe, der an mich glaubt.

Spüren Sie diesen Glauben bei Ihrem Trainer?

Ja, wir verstehen uns sehr gut, auch wenn es manchmal schwierig ist, zu akzeptieren, dass ich auf der Bank sitze. Wenn er dann aber vor der Einwechslung zu mir sagt: «Bring dein Feuer auf den Platz!», freut mich das. Ich spüre in diesem Moment, dass er meinen Beitrag schätzt.

Neben Ihrer Leidenschaft zeichnet Sie vor allem Ihre Schnelligkeit aus. Gibt es im Team eigentlich jemanden, der mit Ihnen mithalten kann?

Akanji war sehr schnell, aber er ist nicht mehr da. Manzambi und Pululu schon. Und auch Balanta und Riveros sind wirklich schnell.

Bei Riveros wirkt es manchmal, als ob die Beine schneller wären als der Kopf.

Ein bisschen wie bei mir (lacht).

Sie haben es angesprochen: Manuel Akanji hat im Winter den Klub verlassen. Wenig später sprach er in einem Interview offen über Rassismus. Sind Sie auch schon damit konfrontiert worden?

Leider schon, ja. Aber ich nehme das nicht so persönlich. Zu einem gewissen Grad ist es ja auch normal, dass man Vorurteile hat, wenn man jemanden nicht kennt.

Wo haben Sie Rassismus erlebt?

Es sind oft kleine Dinge. Wenn man zum Beispiel in einem guten Restaurant reserviert und dann fragen sie dich: Was, Sie sind der Herr Oberlin? Meine Mutter tut sich mit solchen Äusserungen ungemein schwer. Ich sehe das ein bisschen lockerer. Wenn jemand anruft und sagt, er heisse Mfomo (Anm. d. Red.: der Mädchen-Name seiner Mutter, Oberlin ist der Nachname seiner Stiefvaters, den er später angenommen hat) und dann kommt ein Weisser, da wäre ich auch überrascht. Ich finde das irgendwie menschlich und würde nicht sofort von Rassismus sprechen.

Das war auch früher in Moudon so?

Ja, wirklichen Rassismus habe ich nicht erlebt. Vielleicht auch, weil ich Fussballer bin. Überall, wo ich hinkomme, freuen sich die Leute, fragen, ob ich ihnen ein Trikot hätte. Ich glaube, da hat sich in der Schweiz einiges entwickelt.

Sie scheinen die Schweiz zu mögen.

Das ist so.

So sehr, dass Sie Skifahren gelernt haben?

Ja, in der Schule (lacht). Aber das ist zu gefährlich. Und wissen Sie was?

Nein, sagen Sie?

Als ich das erste Mal Schnee sah und berührte, musste ich weinen. Ich spielte damals mit meinem Bruder draussen Fussball. Es wurde kalt und begann zu schneien. Wir eilten nach Hause. Wegen der Kälte hielt ich meine Hände unters warme Wasser. Das hat so geschmerzt, dass es mir die Tränen in die Augen trieb.

Unlängst wurden Sie auch das erste Mal für die A-Nationalmannschaft aufgeboten. Was bedeutet Ihnen das?

Sehr viel, denn das Aufgebot kam nicht in einer Phase, in der ich auf dem Platz wirklich brilliert hätte. Das heisst auch, dass das Interesse an mir nicht kurzfristig ist.

Wie sehen Sie Ihre Chancen auf ein WM-Aufgebot?

Es wird sehr schwierig. Im Sturm ist die Konkurrenz gross. Ich weiss, dass ich hier hart arbeiten muss, um mehr Minuten zu kriegen, damit ich mich aufdrängen kann.

Sie waren beim FCB zuletzt so etwas wie der zwölfte Mann, kamen immer von der Bank.

Das stimmt. Der Trainer hat eine Mannschaft gesucht und wie es scheint gefunden. Die Spieler, die während der letzten drei Spiele auf dem Platz standen, haben es sehr gut gemacht. Und das macht es schwierig, wieder ins Team zu kommen. Aber ich bin ein Stürmer, manchmal braucht man nur fünf Minuten, um ein Tor zu machen. Das muss mein Ziel. Bis dahin muss ich einfach weiter arbeiten und mich im Training aufdrängen.

Zum Beispiel im heutigen Spiel gegen Ihren Ex-Verein, den FC Zürich.

Ja. Wie letzten Herbst. Dieses Spiel gegen den FCZ hat mir ungemein viel gebracht. Wir waren in einer kleinen Krise. Dann kams zum Klassiker. Wir sprachen nicht über Taktik, sondern über Leidenschaft und Kampf. Ich kriegte meine Chance und nutzte sie. Den Schwung konnte ich in die Champions League mitnehmen und danach hatte ich einen Lauf.