Strongman

Der alte Silberrücken: Dank neun Eiern zu einem der stärksten Männer Basels

Angelo Fiorentino sucht mit seiner Sportart seine körperlichen Grenzen. Als Strongman zieht er Lastwagen und stemmt bleischwere Gegenstände in die Höhe. Seinen Kindern empfiehlt er die Kraftsportart nicht, zu gefährlich ist sie. Er selbst hat aber noch nicht genug.

Ein Geruch nach Schweiss und Magnesium hüllt die CrossFit-Box im Dreispitz ein. Männer und Frauen ächzen, ihre angespannten Muskeln deutlich sichtbar. Gegenstände aus Eisen klirren, wenn sie unsanft zu Boden geschmissen werden. Es ist die Welt von Angelo Fiorentino. Ein Mann wie ein Bär: schwarzer Vollbart mit grauer Verfärbung, kurz geschorene Kopfhaare, zahlreiche Tattoos, die seinen rechten Arm zieren. Sein schwarzes Shirt ist verschwitzt und schmutzig. Es zeugt vom harten Training, das er soeben noch absolvierte. Die Hand will er zur Begrüssung nicht reichen, ihre Innenseite ist voll mit Magnesium. Stattdessen formt er eine Faust und streckt sie entgegen.

Fiorentino ist ein starker Mann. Die Sportart, die er leidenschaftlich ausübt, hat einen treffenden Namen: Strongman. Es ist ein Kraftsport, der mehrere Disziplinen umfasst. Fiorentino zieht Lastwagen, hebt Kugeln mit einem Gewicht von bis zu 160 Kilogramm und bringt damit seinen Körper an seine Grenzen. Trotzdem sagt er: «Wenn ich Gewichte hebe, bin ich glücklich wie ein Kind im Sandkasten.»

Äusserlich wird die Freude durch den Kampf überdeckt. Mit angespanntem Gesicht hält Fiorentino einen 130 Kilogramm schweren Baumstamm aus Stahl in die Höhe. Log Lift heisst diese Strongman-Disziplin, die er am liebsten macht. Seine durchgestreckten Hände zittern wie Fahnenstangen, die von einer Böe erfasst wurden. Zwei Ohrstöpsel ragen aus den Ohren. Er braucht die Musik, um in einen dunklen Raum zu gelangen, wo er die volle Konzentration vorfindet. «Meistens höre ich Hans Zimmer. Seine Musik ist wie Log Lift: Sie startet langsam und dann knallt es», erklärt Fiorentino. Seine weissen Zähne zeigen sich durch den schwarz-grauen Bart, sein spitzbübisches Lachen gesellt sich zu den stöhnenden Sportlern, die im Raum ihre Übungen vollführen.

Neun Eier als tägliche Frühstücksportion

Log Lift ist die Disziplin, in der Fiorentino mit 145 Kilogramm den Schweizer Rekord hält. Im Training habe er aber bereits 180 Kilogramm gestemmt, sagt er. Anfang September kürte er sich in Litauen zum Vize-Weltmeister in dieser Disziplin, geschlagen nur durch einen: Zydrunas Savickas. Der Litauer stellt sogar Fiorentino deutlich in den Schatten. «Er ist eine Legende. Er braucht ein CrossFit-Studio allein für seine Pokale», sagt Fiorentino. Der Schweiz-Italiener, der in Napoli geboren wurde und vor vier Jahren aus dem Wallis nach Basel zog, ist stolz auf seinen zweiten Platz. Mit 44 Jahren gehört er zu den ältesten seiner Zunft. Erst vor elf Jahren begann er mit Strongman, wog damals noch 80 Kilo. Heute bringt er 135 auf die Waage.

Nebst dem Krafttraining ist dieser Gewichtszuwachs in erster Linie auf einen Grund zurückzuführen: Essen. Jeden Morgen verschlingt er neun Eier, wobei von Genuss keine Rede mehr sein kann. Dazu gönnt er sich Speck. Kämpfen normale Menschen oft bereits mit einer Portion, reicht ihm diese bei weitem nicht. «Ich war kürzlich am Oktoberfest und habe dort zwei Schweinshaxen verdrückt», sagt er. Dazu kommen die täglichen Proteinshakes. Mit bis zu 10 000 Kalorien deckt er sich ein - jeden Tag.

Seinen Kindern rät er von seiner Leidenschaft ab

Fiorentino zeichnet sich durch seinen unbändigen Willen aus. Aufgeben ist für ihn ein Fremdwort. Trotz gerissenem Bizeps zog er einst seinen Wettkampf durch. Oft trainiert er für sich allein, ist konzentriert und diszipliniert. «Meine Kollegen bezeichnen mich als alten Silberrücken, weil ich grau und im Training grimmig bin», sagt er, kneift die Augen zusammen und presst die Lippen aneinander. Angst müsse man vor den Kraftsportlern aber nicht haben. «Wir sind nur grimmig, weil wir konzentriert sind und eine Verletzung vermeiden wollen.»

Mindestens noch ein Jahr möchte Fiorentino seinen Körper den extremen Strapazen aussetzen, dann zieht er vielleicht einen Schlussstrich. «Ich sage aber seit Jahren, dass das nächste Jahr das letzte sein wird», relativiert er sogleich. Seinen beiden Söhnen empfiehlt er Strongman nicht, zu gefährlich ist die Sportart, in der die drückenden Gewichte auf Kopf und Fuss fallen können. «Mein jüngster Sohn will ebenfalls ein Strongman sein. Ich bin noch daran, ihn zu stoppen», sagt Fiorentino. Auch er werde nach seiner Karriere seinen Körper spüren, seine Entscheidungen aber nicht bereuen.

Im nächsten Jahr hat er vorerst noch zwei Schweizer Rekorde im Visier: im Log Lift und im Kreuzheben. Dafür wird er nochmals alles investieren. Mit neun Eiern im Magen, Magnesium an der Hand und Hans Zimmer im Ohr.

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