FC Basel
Der Atypische – Léo Lacroix lässt vor seinem Debüt in Basel tief blicken

FCB-Neuzugang Léo Lacroix hat eine bewegte Geschichte. Bei einem Annäherungsversuch vor seinem bevorstehenden Debüt spricht er über seine Reise zum Profifussball, seine Zeit als Jugendlicher in Italien und den Tod seiner Mutter

Céline Feller
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Schweiz-Brasilianer, Zweifach-Papa, Super-League-Rückkehrer und neuerdings Innenverteidiger des FC Basel: der 25-jährige Léo Lacroix. Nicole Nars-Zimmer

Schweiz-Brasilianer, Zweifach-Papa, Super-League-Rückkehrer und neuerdings Innenverteidiger des FC Basel: der 25-jährige Léo Lacroix. Nicole Nars-Zimmer

Nicole Nars-Zimmer niz

Léo Lacroix ist anders. Auch wenn er auf den ersten Blick erscheinen mag wie viele seiner Arbeitskollegen – extravaganten Kleidern, den zahlreichen Tattoos und dem athletischen Körperbau sei Dank –, ist Lacroix kein typischer Fussballer. «Manche Spieler werden geboren, und es klappt einfach von Anfang an alles. Ihnen fällt alles leicht. Sie können machen, was sie wollen», sagt er und fügt an: «Aber es gibt eben auch solche, die kämpfen, ihren Weg suchen und die Prüfung bestehen müssen.» Wenn er dies sagt, ist sofort klar, dass er damit sich und seinen auf vielen Ebenen schwierigen Weg meint.

Léo Lacroix (r., hier mit Sportchef Marco Streller) trägt beim FCB die Rückennummer 3.

Léo Lacroix (r., hier mit Sportchef Marco Streller) trägt beim FCB die Rückennummer 3.

Wenn Lacroix von seiner Geschichte erzählt, wählt er seine Worte überlegt und spricht eloquent. So laut seine Kleider schreien, so ruhig und geerdet ist er in Wahrheit. Für seine 25 Jahre wirkt der Zweifach-Papa unglaublich reif. Lacroix weiss um diese Ausstrahlung, sagt, diese Coolness und Ausgeglichenheit müsse man als Innenverteidiger nun einmal haben. Aber tatsächlich liegt seine Ruhe in seinem Erlebten.

Er habe einen «parcours atypique» hinter sich, eine ungewöhnliche Laufbahn also. Sowohl auf als auch neben dem Platz. Während sich seine Altersgenossen Stufe um Stufe in einem Verein nach oben spielen und sich ein konstantes Umfeld aufbauen können, muss Lacroix mit 12 Jahren seine Heimat Lausanne verlassen. Seine Schwester hat die Möglichkeit, in Florenz eine Kunstschule zu besuchen. «Weil meine Mutter immer unser Bestes wollte, gingen wir dorthin.» Drei Jahre verbringt er dort, lernt Italienisch, macht sich Freunde, spielt Fussball.

Der frühe Tod der Mutter

Danach geht es wieder zurück in die Schweiz und anschliessend weiter nach Brasilien, dem Heimatland seiner Mutter. Letzterer zuliebe bricht er dieses Abenteuer jedoch nach sechs Monaten ab. Zum dritten Mal muss er sein Umfeld zurücklassen. «‹Maman› wollte, dass ich zurückkomme», sagt Lacroix und wird noch etwas ruhiger. Denn dieser Teil der Geschichte ist Lacroix’ grösster Schicksalsschlag: der Tod seiner Mutter im Jahr 2013.

Léo Lacroix' Mutter verstarb 2013

Léo Lacroix' Mutter verstarb 2013

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Nach langem Leiden erlag sie dem Krebs. Lacroix litt und tut dies noch heute, weil er, wie er sagt, «sehr, sehr, sehr eng verbunden» mit seiner Mutter gewesen sei. Auch, weil sich die Eltern trennten, als er erst 3 Jahre alt war. «Dass ich all das irgendwie verkraftet habe, habe ich ‹Maman› zu verdanken. Sie hat mich auf alles vorbereitet. Sogar darauf, dass sie nicht mehr da ist. Andere hätten die Schultern hängen lassen, aber dank ihr bin ich im Kopf stark genug gewesen.»

Der Verlust habe ihn auch neben dem Platz zu dem gemacht, was er darauf ohnehin ist: ein Krieger. Um dies nie zu vergessen, hat er sich die Worte «Ein Krieger darf nie aufgeben» tätowieren lassen. Es ist nur eines von zahlreichen Körperkunstwerken, die den Schweiz-Brasilianer zieren, der seit gut einer Woche Spieler des FC Basel ist.

Beim FC Sion fürs Probetraining angerufen

Mit dem Transfer hat er sich einen Traum erfüllt. Jeder Schweizer Junge wolle irgendwann zum FCB, «denn hier lernt man diese Basler Mentalität, diesen unbedingten Siegeswillen». Man bekomme die Chance, Meister zu werden und in der Champions League zu spielen. «Dass der FCB dort fast immer weiterkommt, liegt in der DNA dieses Vereins.»

Genau diese möchte er aufsaugen und adaptieren. Er will endlich geniessen können, nach all diesen schweren Momenten. Dass seine Mutter das nicht mehr mitbekommt, schmerze fast am meisten. «Sie hätte gerne gesehen, wie ich in grossen Stadien vor riesigem Publikum spiele.» Denn auch wenn sie einst wollte, dass Klein Léo zum Karate geht, hatte sie am Ende grossen Anteil daran, dass er es als Fussballer so weit geschafft hat.

Léo Lacroix hat beim FC Sion für ein Probetraining angerufen

Léo Lacroix hat beim FC Sion für ein Probetraining angerufen

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

«Sie hat mir Kraft gegeben und mir geholfen, wenn ich Zweifel hatte. Und weil sie mir den religiösen Glauben mitgegeben hat, hat sie mir auch indirekt vermittelt, stets mir und meinen Fähigkeiten zu vertrauen.» Diese Überzeugung ging sogar so weit, dass Lacroix einst eigens bei Sion angerufen hatte, um um ein Probetraining bei der U18 zu bitten, weil er sonst keinen Verein gehabt hätte.

«Manchester City wird hart»

«Ich sagte ja, mein Weg ist etwas atypisch», erklärt Lacroix und lacht. Er nutzte die Chance bei Sion, bekam einen Vertrag, spielte sich nach überstandenem Kreuzbandriss in die erste Mannschaft und von dort zur AS Saint-Etienne in die Ligue 1 – und nun eben zum FCB. Bei diesem steht er vor seinem Debüt – beim Gastspiel in Thun (Samstag, 19 Uhr).

Dieses ist die grosse Generalprobe für die Partie am Dienstag in der Champions League gegen Manchester City. Wird er dort erwartungsgemäss eingesetzt, wäre es für ihn die Premiere in der Königsklasse – genauso wie als Spieler des FCB im Joggeli, nachdem er gegen Lugano noch von der Bank aus hatte zuschauen müssen.

Das Duell am Dienstag, es werde eine komplizierte Aufgabe, dessen ist sich Lacroix, der den englischen Fussball sehr schätzt, sicher. Weil Manchester City ein Team sei, das «vom Torhüter bis zum Stürmer einfach komplett ist. Das wird hart.» Aber wenn sich einer mit schwierigen Unterfangen auskennt, dann er: Léo Lacroix.