Bei den Attributen «bescheiden» und «genügsam» denkt kaum einer an einen Chinesen. Die Menschen aus der Volksrepublik gelten als ehrgeizig und fleissig. Nicht, dass Jiashun Hu nicht auch ehrgeizig, nicht auch fleissig wäre. Doch der seit 2002 in Pratteln lebende Hu ist eben auch bescheiden und genügsam. Aber vor allem ist er eine Arbeitsbiene. Immerhin arbeitet er als Buchhalter im Backoffice einer Bank und ist daneben noch Spieler und Trainer beim zehnfachen Schweizer Tischtennis-Meister Rio Star Muttenz.

Kürzlich eingebürgert

Wir treffen Hu vor seinem Arbeitsplatz in der Basler Altstadt. Er führt uns in ein Restaurant, wo er sich eine Portion Pouletflügeli gönnt und Sätze sagt wie: «Ich fühle mich wie ein Schweizer: meine Gewohnheiten, meine Gedanken, meine Esskultur.» Der 31-Jährige wurde kürzlich eingebürgert. «Meine Zukunft liegt in diesem Land», erzählt Hu, der bei Rio Star nicht nur die Spieler der ersten Mannschaft, sondern auch die Junioren trainiert – ehrenamtlich. «Wenn die Jungen Erfolg haben, ist das für mich fast schöner als meine eigenen Erfolge. Die besten Schweizer Tischtennisspieler kommen seit Jahren aus Muttenz», so Hu bescheiden und stolz zugleich.

Der Ex-Profi spielt selber «nur» in der NLB und erst dann bei den Profis, wenn der Ligaerhalt mit der 2. Mannschaft gesichert ist. Im NLA-Team spielen mit seinem Landsmann Chengbowen Yang und dem Schweizer Meister Elia Schmid genug gute Spieler. «Ausserdem sollen die Jungen spielen.»

Aus Kurz- wird Langzeitengagement

Hu kam vor zwölf Jahren per Zufall in die Schweiz. Er wurde angefragt, ob er bei Rio Star, damals noch NLB, mithelfen wolle, den Ligaerhalt zu sichern. Ein Kurzzeit-Engagement war geplant. Hu hatte gerade Zeit – und blieb bis heute. «Es stimmte für beide Seiten», erzählt der Vater einer Tochter. «Seither habe ich immer gesagt: Egal, wer anfragt – ich bleibe bei Rio Star.»

Hu, dessen Vorbild Roger Federer ist («wegen seiner Bodenständigkeit»), opfert enorm viel Zeit für seinen Sport. Ein bestes Beispiel liefert er, als er von einer kürzlich erlittenen, seltenen Niederlage erzählen muss. «Ich hatte einen Autounfall, jemand ist mir hinten reingefahren! Ich kam erst zehn Minuten vor Spielbeginn in die Halle, hatte nicht einmal zu Mittag gegessen», berichtet der NLB-Starspieler. Woher er kam? Von einer Sitzung mit dem Zentralvorstand des Tischtennisverbands, wo er (auch) engagiert ist.

Ein Fall für die Nationalmannschaft

Ist die Nationalmannschaft für Hu, jetzt, da er Schweizer ist, ein Thema? «Wenn alles normal läuft, müsste ich ja ein Aufgebot erhalten. Ich selber will jedoch nicht mehr auf diesem Niveau spielen. Mein Problem ist, dass ich mich immer mit meiner besten Zeit vergleiche. Ich würde nur zur Nati gehen, um zu helfen.» Hätte Hu den roten Pass vor ein paar Jahren schon erhalten, hätte es anders ausgesehen: «Damals hätte ich noch gewisse Ambitionen gehabt, wie eine Olympiateilnahme für die Schweiz.»

Sein Stammverein startet am kommenden Wochenende in die NLA-Saison. Rio Star spielt am Samstag gegen Veyrier und am Sonntag gegen Meyrin. Das Saisonziel ist klar: «Den Titel verteidigen», so Spielertrainer Hu. «Aber wichtig ist auch, dass die jungen Talente zu Einsätzen kommen. Sie sind die Zukunft des Vereins.» Immer und immer wieder betont er, wie wichtig der Nachwuchs sei. Die Erfolge scheinen zweitrangig – dabei sind die nackten Zahlen beeindruckend: In der vergangenen Saison gab es für Rio Star den 10. Schweizer-Meister-Titel in Folge, dazu den siebten Cupsieg in acht Jahren. Jiashun Hu hat sie alle miterlebt.