Montage sind oft trist. Das Wochenende ist passé und nach einem anstrengenden ersten Arbeitstag hat man selten noch Lust auf Fussball. Der 2. Mai 2016 jedoch war wahrlich kein Montag wie jeder andere. Spätabends duellieren sich Chelsea und Tottenham im Londoner Derby an der Stamford Bridge. Das Spiel endet letztlich mit einem 2:2-Unentschieden. Kein Grund zum Jubeln also für beide Teams. Die Fans trotten nach dem Spiel wieder nach Hause in ihren Montags-Blues.

Doch der Jubel, der in London ausbleibt, wird 143 Kilometer nordwestlich kompensiert. Und zwar zehnfach. Mindestens. Der Grund? Die beiden Verlustpunkte der „Spurs“ besiegeln den Sensations-Meistertitel von Leicester City. Leicester wer? Das fragten sich vor der Saison viele.

Der Verein aus der Industriestadt, bei dem der Schweizer Gökhan Inler unter Vertrag steht, war der wohl krasseste Aussenseiter der Premier League. 37 Spieltage später stemmen die „Foxes“ den Premier League-Pokal in die Höhe – ein Fussballmärchen.

Der Verein aus dem Herzen Englands ist mittlerweile jedem bekannt. Dass Inler zum Kader des englischen Meisters gehört auch. Weniger bekannt ist, dass in der jüngeren Vergangenheit mit Gelson Fernandes und Bruno Berner zwei weitere Schweizer in Leicester angeheuert hatten.

"Das hat niemand auf der Welt erwartet"

Letzterer freut sich ausserordentlich für seinen Ex-Verein: „Das hat niemand auf der Welt erwartet, so etwas kann man gar nicht erwarten. Vor einem Jahr sind sie noch knapp nicht abgestiegen, diese Saison war der Klassenerhalt das Ziel. Dass nach einer Saison wie der letzten die Post dann gleich so abgeht, das konnte niemand, nicht mal der Fussball-Gott persönlich, wissen. Diese ganze Saison war ein Märchen, das wahr wurde. Und das ist für uns alle eine ganz wundervolle Geschichte. Es braucht viel, viel Herz um so etwas erreichen zu können.“

Berner, der in der Schweiz für die Grasshoppers und den FC Basel spielte, stiess 2008 von den Blackburn Rovers zu Leicester, blieb bis 2012 und spielte dort mit Kasper Schmeichel, Andy King und Danny Drinkwater bereits mit einigen Akteuren zusammen, die heuer in Leicesters Sensationsteam standen.

Wes Morgan nimmt als Captain von Leicester City den Premier League-Pokal entgegen

Wes Morgan nimmt als Captain von Leicester City den Premier League-Pokal entgegen

Die Pokalübergabe.

Ehemalige Gegenspieler Berners sind heute Leistungsträger bei Leicester, beispielsweise Captain Wes Morgan, der zu Berners Zeiten noch beim Konkurrenten Nottingham Forest spielte. Berner hat nach wie vor einen exzellenten Draht zum frischgebackenen englischen Meister.

„Ich habe noch sehr viel Kontakt zu Leicester, weil ja viele Leute noch dort sind, die schon da waren, als ich vor vier Jahren aufhörte. Viele davon sind Staff-Mitglieder: Assistenztrainer, Scouts, Physios, der Materialwart. Als Ranieri vor einem Jahr kam, brachte er ein, zwei Italiener mit. Der Rest ist noch wie früher“, schwärmt der Verteidiger.

Er war kürzlich selbst in Leicester und stattete seinen Ex-Vereinskollegen einen Besuch ab. „Als ich in Leicester war, habe ich mich intensiv mit Gökhan Inler, Andy King und Kasper Schmeichel unterhalten. Natürlich habe ich auch mit dem Rest des Kaders gesprochen, aber vor allem mit den Spielern, mit denen ich früher zusammen gespielt habe. Viele Staff-Mitglieder habe ich auch privat getroffen. Andy und Gökhan habe ich bereits zum Titel gratuliert“, erzählt der Zürcher.

Ein Wunder, aber kein derart krasser Aussenseiter

Den Titel sieht auch er als Wunder: „Klar, es ist sehr viel zusammen gekommen, das muss man sich schon vor Augen halten. Für eine Saison wie diese musste sehr, sehr vieles stimmen.“ Trotzdem sah er seinen Ex-Verein nicht als den derart krassen Aussenseiter, zu dem er im letzten Sommer erklärt wurde.

„Das Ganze ist eine phänomenale Sache. Etwas, das über Jahre hinweg aufgebaut wurde. Da ich am Anfang aktiv mitwirken durfte und jetzt nach vielen Jahren noch immer den Kontakt halte, habe ich schon erkennen können, in welche Richtung die Jungs gehen. Vor allem auch letztes Jahr in ihrer ersten Premier League-Saison, wo sie im Keller unten waren, obwohl sie immer guten Fussball zeigten. Am Schluss konnten sie sich dann zum Glück doch noch retten und irgendwie konnte die Mannschaft diese Euphorie in die neue Saison mitnehmen.“

Bruno Berners emotionaler Abschied in Leicester

Bruno Berners emotionaler Abschied in Leicester

Die Fans verabschieden den Schweizer Verteidiger.

Ein wichtiger Baustein des Erfolgs sind auch die Kingpower-Investoren aus Thailand, die den Klub im Jahre 2010 übernahmen. Also mitten in der Ära von Bruno Berner bei Leicester. Er erinnert sich: „Die Investoren haben von Anfang an schon gesagt, wo sie einmal hin wollen. Ihr Ziel war es, in die Premier League aufzusteigen und sich europäisch zu behaupten. Sie sind dennoch sehr bescheiden und gehen absolut clever um mit den Investitionen und dem Geld. Ich bin gespannt, wie sie den Verein jetzt nach diesem Erfolg weiterführen werden. Die nächsten Jahre werden wegweisend.“

Wird der sportliche Erfolg wohl nicht mehr in diesem Rahmen weitergehen, darf sich Leicester der treuen Unterstützung seiner Fans trotzdem sicher sein. Als Arbeiterverein in einer fussball- und rugbybegeisterten Stadt haben die „Foxes“ einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung.

Das spürte bereits Bruno Berner: „Die Energie in der Bevölkerung ist wirklich wunderschön. Alle stehen hinter dem Verein. Nicht nur in fantastischen Zeiten wie jetzt, sondern auch wenn es schlecht läuft. Ich sehe nicht, dass sie abheben. Man geniesst jetzt den Erfolg aber kann immer noch einschätzen, dass die nächste Saison wieder anders wird.“