Wenn man ihm gegenübersitzt und ganz genau hinschaut, sieht man die Narben. Die grösste auf der Stirn, ein paar kleinere über den Augen. «Ich habe die Pucks früher rausgeköpfelt», erinnert sich Urs Dieter Jud (81), von 1957 bis 1972 Torhüter des EHC Basel.

Mit seinem Schädel, denn zu Beginn seiner Karriere trugen die Goalies noch keine Masken. Jud sowieso nicht. «Ich habe die Maske erst angezogen, als wir mussten. Mich hat das zu sehr gestört, wenn meine Sicht eingeschränkt war», erzählt er.

31 Mal habe er sich insgesamt verletzt, am häufigsten wohl am Kopf. Einmal hat ihm ein Gegenspieler um ein Haar das Ohr abgeschossen. «Da wurde das Spiel unterbrochen, ich ging in eines der Zimmer bei der Kunschti-Beiz und dann haben sie genäht.» Natürlich hat er danach weitergespielt. Als wäre nichts gewesen. So ist er, der Mann mit dem Kopf aus Stahl.

Auch er musste spuren 

Als die Maske für die Goalies Anfang Sechzigerjahre Pflicht wurde, konnte auch Jud seinen harten Schädel nicht mehr durchsetzen. Er musste spuren. Und so stand er also im Tor, sah aus wie das Phantom der Oper und köpfelte weiter die Pucks weg. «Einmal flog ein Puck über das Stadion hinaus auf ein Autodach. Den Schaden von rund 500 Franken zahlte dann zum Glück meine Haftpflichtversicherung», sagt der ehemalige Versicherungsangestellte.

Er sitzt auf den Holzbänken der Kunsteisbahn Margarethen, der «Kunschti», und lacht spitzbübisch. Hier werden am Samstag der EHC Basel/KHL und der HC Düdingen Bulls gegeneinander antreten. «Revival Game» nennens die Basler Hockeyaner. In Erinnerung an die Anfänge hier im Margarethenpark.

Jud und weitere Legenden sind eingeladen. Als sie noch hier spielten, pilgerten zwischen 8000 und 14 000 Zuschauer zur Kunschti. Der EHC Basel war einer der grössten Hockeyvereine, die Spiele gegen Davos und Arosa legendär. Für fünf Franken gabs die billigsten Plätze. Jud und seine Kollegen kassierten für einen Sieg 25 Franken. Einzig der Trainer war seit 1950 vollamtlich angestellt. Meist hätten sie kanadische Trainer gehabt, erzählt Jud.

Die ganze Nacht lang jassen

Wir gehen zurück in die Beiz. Auf dem Eis dreht eine jugendliche Eiskunstläuferin ihre Pirouetten. Jud geht langsam, seit er dieses Jahr ein «Schlegli» hatte, braucht er einen Stock. In seinen jungen Jahren strotzte dieser Mann vor Tatendrang. Er war Leichtathlet, Handball-Goalie, Eishockey-Goalie, er hütete später das Tor der Old-Boys-Senioren, spielte Tennis, Golf und Curling, als er älter wurde.

Das Leben hat Spuren hinterlassen. Nicht nur in seinem Gesicht. Doch wenn er von den alten Zeiten erzählt, dann drückt sie immer noch durch, diese Energie, diese Lebensfreude: «Unsere Heimfahrten aus dem Tessin waren legendär. Wir nahmen den Nachtzug, jassten meist die Nacht durch und tranken Wein, den wir an unseren Krawatten zum Zug heraushängten, um ihn zu kühlen. Wenn wir morgens um 7 Uhr in Basel ankamen, gings direkt zur Arbeit.»

Während des Gesprächs in der Beiz werden wir unterbrochen. Ein älterer Herr kommt zu ihm, sagt: «Der berühmteste Goalie des Margarethenparks.» Und erinnert ihn an ein dunkles Kapitel seiner Karriere. Das 0:20 gegen den SC Bern 1962/63, bis heute die höchste Niederlage in der höchsten Spielklasse des Schweizer Eishockeys. Basel stieg danach ab. «Und alle, die uns kannten in der Stadt, nahmen uns hoch und winkten mit 20er-Noten, wenn sie uns sahen», sagt Jud und lacht. Im Rückblick ist alles halb so wild. Was bleibt, sind die Narben.