Fussball
Der sanfte Riese: Josef Zindel hat sich in Basel ein Denkmal gesetzt

Über zehn Jahre lang war Josef Zindel mit Leib und Seele als Mediensprecher beim FCB tätig. In dieser Zeit hat er viel erlebt. Sportliche Erfolge, aber auch private Tiefschläge. «Bis jetzt warte ich noch auf die Wehmut», sagt er.

François Schmid-Bechtel
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14. Mai 2006: Josef Zindel nimmt Stellung zu den Ereignissen beim letzten Meisterschaftsspiel der Saison.

14. Mai 2006: Josef Zindel nimmt Stellung zu den Ereignissen beim letzten Meisterschaftsspiel der Saison.

KEYSTONE

Im St. Galler Rheintal, wo Josef Zindel aufgewachsen ist, stehen die Zuschauer auch bei 30 Grad mit einem Regenschirm am Spielfeldrand. Und das nicht nur, um Stechmücken einzuschüchtern.

«Der Rheintaler gilt nicht als feinfühliger Mensch», sagt Zindel. Dem würden etliche Journalistenkollegen beipflichten. Zindel ist gross, schwer, emotional und kann auch mal ganz schön aufbrausend und bärbeissig sein.

Aber der 60-Jährige ist nicht der Typ, der bildlich gesprochen mit dem Regenschirm um sich schlägt. Nein, Zindel ist im Grunde gutmütig, sensibel und loyal. Ein sanfter Riese.

1. März 2002: Verleger Freddy Rüdisüli (l.) undJosef Zindel zeigen das neue Magazin 'rotblau'.
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19. Mai 2007: Josef Zindel (r.) verfolgt mit Francois Marque (l.) und FCL-Schlussmann David Zibung die letzten Minuten des Spiels zwischen den Young Boys und dem FC Zürich am Fernseher.
24. Mai 2007: Josef Zindel tröstet die damalige FCB-Praesidentin Gigi Oeri nach dem letzten Meisterschaftsspiel der Saison der Super League gegen die Young Boys.
24. Mai 2007: Josef Zindel mit dem geknickten FCB-Techniker Ivan Ergic.
9. Mai 2008: Stellte sich gerne in den Hintergrund. Josef Zindel und bei einer Pressekonferenz mit Christian Gross.
24. Mai 2011: Auf Schritt und Tritt dabei. Josef Zindel (l.) mit Erfolgstrainer Thorsten Fink und FCB-Captain Marco Streller.
11. Februar 2012: Josef Zindel im Gespräch mit Heiko Vogel beim Auswärtsspiel gegen Lausanne.
1. Juni 2013: Josef Zindel verabschiedet sich vor dem Spiel gegen den FC St. Gallen von den Fans.

1. März 2002: Verleger Freddy Rüdisüli (l.) undJosef Zindel zeigen das neue Magazin 'rotblau'.

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Aufgewachsen ist Zindel in Rebstein. Als eines von fünf Kindern einer katholischen Lehrerfamilie. Radio-Reporterlegende Gody Baumberger und Konsorten waren seine Helden der Jugend, weil sie den Fussball so lebendig gemacht haben.

Aber weil damals die Katholiken in den Turn- statt in den Fussballverein gingen, konnte Zindel erst später ins Tor stehen.

In Appenzell, wo er mit 14 ins klösterliche Internat geschickt wurde und eineinhalb Jahre vor der Matura «hochkant rausgeflogen» ist.

FCB: Abwesende beim Trainingsstart

Heute um 15 Uhr, beginnt beim FC Basel die Vorbereitung auf die Saison 2013/14. «Nichts spektakuläres», hat Sportchef Georg Heitz diesbezüglich zu berichten. Einzig die zuletzt ausgeliehenen Stephan Andrist (Luzern) und Taulant Xhaka (GC) sowie die Nachwuchsspieler Naser Aliji, ein 19-jähriger Linksverteidiger und Fabian Ritter, ein 21-jähriger Innenverteidiger oder 6er, sind neu im Team von Trainer Murat Yakin. Ausserdem werden fünf weitere Junioren vorerst einmal in den Trainingsbetrieb der Profis integriert. Länger als die Liste der Neuzuzüge ist jene der Abwesenden. Die Nationalspieler Valentin Stocker, Aleksandar Dragovic, Yann Sommer, Joo Ho Park, Marcelo Diaz, Mohamed Elneny, Mohamed Salah und Geoffroy Serey Die werden später ins Training einsteigen. «Wir wollen allen Spielern mindestens zwei Wochen Ferien zugestehen», begründet Heitz. Apropos Serey Die: Heitz geht davon aus, dass der Ivorer vor dem Internationalen Sport-Gerichtshof in Lausanne gegen die viermonatige Sperre - Serey Die soll vor fünf Jahren gleichzeitig beim ägyptischen Verein Zamalek und beim FC Sion einen Arbeitsvertrag unterschrieben haben - rekurrieren wird. (fsc)

Zindel ging nach St. Gallen, machte eine Lehre als Buchhändler und wollte danach einfach weg, um sich vom Elternhaus abzunabeln. Im Hamburger Bezirk Altona fand er eine Stelle, doch man verweigerte ihm die Aufenthaltserlaubnis.

Also dislozierte er nach Basel, weil es möglichst weit weg von zu Hause war und ihm die Stadt bei einer Schulreise so «schaurig gut» gefallen hat.

Nach zwei Jahren zog Zindel wieder weg. Nach Zürich. Zum Diogenes Verlag. Wo er sich aber bald gelangweilt hat. «Was kann ich?», fragt sich Zindel und kommt zum Schluss: ein bisschen schreiben.

Der Praktikant Zindel bewährte sich bei der Sportinformation, bekam eine Festanstellung und kehrte nach fünf Jahren nach Basel zurück, um für die Basler Zeitung über den FC Basel zu schreiben.

Über den «Sport», Radio DRS und den Buchverlag der Basler Zeitung wurde Zindel 2001 selbst ein Teil des FCB.

Nun tritt der Medienchef ins zweite Glied. Er überlässt den Job der 29-jährigen Andrea Roth, wird aber in einem 60-Prozent-Pensum noch als FCB-Autor und FCB-Historiker arbeiten.

In seiner Wohnung in Pratteln herrscht Aufbruchsstimmung. Das passt. Letztes Jahr hat Zindel zum zweiten Mal geheiratet, nun will er ins umgebaute Elternhaus seiner Frau nach Blauen BL umziehen.

Zindel wirkt zwar nicht ganz so gehetzt wie an der Pressekonferenz nach einem Spiel.

Aber entspannt ist anders. Denn eigentlich sollte der Umzug in einer Woche stattfinden. Aber vieles ist im Verzug.

12 Jahre Medienchef beim FCB. Wie viele Titel haben Sie gewonnen? Dass Zindel erst auf Wikipedia nachschauen muss, sagt einiges über ihn aus: «Acht Meistertitel, sechs Cupsiege.»

Zindel hat sich stets als Dienstleister und nicht als Hauptakteur verstanden. Als solcher ist er an die Belastungsgrenze und sogar darüber hinausgegangen.

2002, nachdem sich der FCB erstmals für die Champions League qualifizierte, erlitt er einen Herzinfarkt. Das fiel auch in die Zeit, in der er seiner Flugangst den Kampf ansagte.

Legendär sind seine Autofahrten zu den Auswärtsspielen der Nationalmannschaft. Bis nach Göteborg ist er zusammen mit seinem Journalistenkollegen Hansjörg Schifferli gefahren statt geflogen.

Als Medienchef des FCB war das nicht mehr möglich. Einzig zum Champions-League-Qualifikationsspiel in die slowakische Provinzstadt Zilina im Sommer 2002 ist er mit dem Auto gefahren.

«Josef ist im positiven Sinn ein Wahnsinniger», sagt FCB-Sportchef Georg Heitz. «Wenn man am Sonntag um 10 Uhr seinen Rat brauchte, stand er 30 Minuten später im Büro.»

Dass er als Ostschweizer in Basel Spuren hinterlässt, ist beachtlich. «Er hat das Basler Gen in sich. Er hat den gleichen schwarzen Humor wie wir», sagt Heitz. Zindel hat sich in Basel nicht nur als Journalist und Medienchef, sondern auch als Autor von politischen Bühnenkabaretts einen Namen gemacht.

«Ich wäre gerne nochmals Journalist», sagt Zindel. «Aber nur in einem Blatt, das sich zum langsamen Qualitätsjournalismus bekennt.»

Es ist dieses Tempo der Online-Redaktionen, das ihm immer mehr zu schaffen gemacht hat. Dieses Verlangen nach einem unmittelbaren Statement, ohne Zeit zur Recherche und Reflexion zu haben. Beidseitig, natürlich.

So galt Zindel bei Journalisten häufig als Spass- und Entertainment-Bremse. Was er immer bewusst in Kauf genommen hat.

«Sind wir verpflichtet, Medien-Entertainment zu betreiben? Nein. Deshalb bin ich sehr stolz auf jene Spieler des FCB, die nicht dem gängigen Klischee des Fussballers entsprachen.»

Und die Spieler? Die haben über Zindels Dialekt geschmunzelt. «Bissoguet» verstehen auch jene, die nie Deutsch gelernt haben. «Aber sie haben mich respektiert.»

Was untertrieben ist. Auch wenn er kein Partytiger ist. Oder vielleicht gerade deshalb. Denn Zindel hat sich nie angebiedert. Hat nicht auf gut Kumpel gemacht. Hat mitgejasst, wenn einer gefehlt hat.

Und so dem jungen David Degen auf einem polnischen Flughafen mal 170 Franken abgeknöpft.

Weil Degen aber kein Bares dabei hatte und sich damals in der Mixed Zone noch unbehaglich fühlte, schlug Zindel folgenden Deal vor: «Zehn Stutz für jeden Auftritt in der Mixed Zone.»

Was ist nach zwölf intensivsten Jahren auf der Strecke geblieben? Das Rauchen nach dem Herzinfarkt, eine Ehe (nach 13 Jahren), ein paar Freundschaften und sehr viel Erholung und Fitness. «Aber ich habe sehr, sehr viel gewonnen. Aber bis jetzt warte ich noch auf die Wehmut.» Ich spüre sie schon.

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