Handball
Der seltsame Rücktritt eines 19-Jährigen

Knatsch in der U20-Nationalmannschaft: Der Baselbieter Severin Kaiser hat überraschend bekannt gegeben, nicht mehr für die Handball-U20-Nati aufzulaufen. Was steckt hinter dem Rücktritt? Eine Spurensuche.

Dean Fuss
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Endingens Severin Kaiser brillierte mit neuen Treffern.

Endingens Severin Kaiser brillierte mit neuen Treffern.

Foto Wagner

Im Januar gab der Baselbieter Severin Kaiser im Alter von gerade einmal 19 Jahren seinen Rücktritt aus der Nachwuchsauswahl der Schweizer Handballer. «Trotz meiner Präsenz in den Trainings und den soliden Leistungen im Verein bekam ich keine Chance in der Nati», begründet der ehemalige Junior des TV Birsfelden seinen überraschenden Entscheid rund vier Monate später gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Er habe nie das Gefühl gehabt, dass der Trainer auf ihn setze. «Momentan kann ich mir nicht vorstellen, unter dem jetzigen Trainer nochmals für eine Schweizer Nachwuchsauswahl anzutreten», fügt er hinzu. Weder Trainer noch Verband hätten sich seit seinem Rücktritt um eine Aussprache bemüht.

Welche Rolle spielt der Vater?

Und eine solche Aussprache täte wohl not, wenn man sich in der Handballszene und vor allem auch in Kaisers Umfeld umhört. So soll es im Vorfeld von Kaisers Rücktritt Mitte Januar während des Mastercups in Zug auf der Zuschauertribüne zu einer «wüsten Auseinandersetzung» zwischen Kaisers Vater und U21-Nationaltrainer Michael Suter gekommen sein. Das bestätigt Thomas Reichmuth, Trainer von Kaisers Stammverein TV Birsfelden. «Ich habe durch einen meiner Spieler davon erfahren, der als Zuschauer am Turnier war.»

In der Folge habe ihn auch der Rücktritt Kaisers nicht überrascht. «Suter ist konsequent in seinen Entscheidungen und mir war schon klar, dass der Disput Konsequenzen haben würde», sagt Reichmuth, der Michael Suter sehr gut kennt. «Severins Vater mischt sich viel zu fest in die Handball-Karrieren seiner Söhne ein.» Damit mache er mehr kaputt, als dass er helfen würde. «Wir hatten auch bei Birsfelden immer wieder Disputs mit dem Vater.» Reichmuth weiss, wovon er spricht, er hatte als Trainer mit allen drei Söhnen der Familie Kaiser zu tun. Der Umgang mit der Familie Kaiser sei wirklich nicht immer einfach gewesen. «So, wie ich das gesehen habe, traut sich Severin auch nicht, sich gegen seinen eigenen Vater aufzulehnen. Was für mich aber auch verständlich ist», sagt Reichmuth. Kaiser betont indes, dass sein Vater natürlich involviert gewesen sei, er den Rücktrittsentscheid aber selber gefällt habe. «Für mich stand der Aufwand in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag», so Kaiser.

Logische Gründe

Nationaltrainer Michael Suter war für eine Stellungnahme gegenüber der «Schweiz am Sonntag» telefonisch nicht erreichbar. Stattdessen spricht Reichmuth Klartext: «Der Vater hat ein falsches Verständnis vom Können Severins.» Natürlich verstehe er, dass der eigene Sohn für jeden Vater der beste Spieler sei, aber das sei nun einmal selten eine objektive Meinung.

Er kann auch nachvollziehen, weshalb Kaiser zu weniger Einsatzzeit in der Nachwuchs-Nationalmannschaft kam als seine Konkurrenten: «Severin ist ein sehr guter Spieler, keine Frage. Dennoch: Er spielt in der NLB, seine Konkurrenz in der NLA. Das ist nun mal ein Unterschied.» Deshalb könne er nachvollziehen, dass Kaiser von Suter weniger Einsatzzeit erhielt, als er sich gewünscht hätte. «Das sind logische Gründe. Zumal der andere linke Flügel sehr überzeugend gespielt hat.»

Seit der Saison 2012/13 spielt Severin Kaiser nun beim TV Endingen. Dort bedauert man seinen Rücktritt aus der Nachwuchsauswahl: «Er ist ein toller Sportsmann», sagt Christian Villiger, Geschäftsführer des Aargauer Klubs. In der abgelaufenen Saison habe Kaiser sehr grosse Fortschritte gemacht. «Wenn das Umfeld für ihn stimmt, dann läuft es gut mit ihm.»

Ob Kaiser je wieder für eine Schweizer Nationalmannschaft auflaufen wird, ist trotz des Rücktritts nicht klar. Dieser gelte nur für die Nachwuchsauswahl. Ob er für die A-Nati auflaufen will, werde er im Falle eines entsprechenden Aufgebotes entscheiden.