Jeffrey Schmidt, wie fühlt man sich als erster Schweizer Sieger in der 26-jährigen Geschichte des Porsche Carrera Cup?

Jeffrey Schmidt: Es ist ein sehr gutes Gefühl, doch so richtig real fühlt sich der Sieg für mich noch nicht an. Der Porsche Carrera Cup ist eine Meisterschaft auf sehr hihem Niveau, ein Sieg hier ist nichts Alltägliches. Ich hoffe nun natürlich, dass es nicht bei diesem einen Erfolg bleibt, sondern dass noch weitere dazukommen.

Besteht die Gefahr, sich nach solchen Erfolgen im Rampenlicht zu suhlen und den Boden unter den Füssen zu verlieren?

Den Moment sollte man auf jeden Fall geniessen. Der Rennsport ist aber knallhart und holt dich sowieso auf den Boden zurück. Auf diesem Niveau ist es schwer, konstant an der Spitze mitzufahren. Am Sonntag durfte ich zu oberst auf dem Podest stehen, jetzt konzentriere ich mich bereits wieder auf das nächste Rennen: Abzuheben ist somit fast unmöglich.

Langsam aber sicher bist du routiniert im Umgang mit Medien. Freust du dich über das Interesse oder hast du auch schon Mühe im Umgang mit Journalisten gehabt?

Mittlerweile ist es ziemlich angenehm. Vor ein paar Jahren hatten die meisten noch keine Idee, was ich genau mache und ich musste mein Dasein quasi von Beginn weg erläutern. Das war manchmal ein wenig anstrengend, obwohl ich eigentlich sehr gerne Interviews gerne. Inzwischen arbeite ich oft mit den gleichen Journalisten zusammen, die bereits ein Know-How für den Rennsport entwickelt haben, was natürlich vieles erleichtert.

Das Motorsport-Magazin berichtete von „Schmidts Doppelleben“. Wie viel Wirtschaftstudent und wie viel Rennfahrer steckt in dir?

Im Kopf bin ich zweigeteilt, sowohl 50 Prozent Rennfahrer wie auch 50 Prozent Student. Im Herzen muss ich aber schon sagen, dass ich zu 100 Prozent Rennfahrer bin. Das ist meine Bestimmung, meine Leidenschaft. Die Universität dient im Moment eher als Absicherung – ein zweiter Plan A sozusagen.

Du hast keinen Manager, sondern kümmerst dich selbst um deine Vermarktung und hast somit bereits reichlich Erfahrung im Marketing-Bereich. Was wollen dir die Professoren an der Uni überhaupt noch beibringen?

Durch meine Selbstvermarktung habe ich mir sicherlich schon vieles im Marketing-Bereich selber beigebracht. Ausgelernt hat man aber nie. Oftmals lerne ich Dinge, die ich dann gleich anwenden kann – Falls ich mal in der Vorlesung bin.

Wie sieht deine langfristige Planung aus? Du verfügst über beste Kontakte und eignest dir laufend Betriebswirtschaftstätigkeiten an. Eigentlich wärst Du doch ein geborener späterer Manager für andere Rennfahrer?

Das hängt stark vom weiteren Verlauf meiner Karriere ab. Kann ich diese weiterhin erfolgreich gestalten, könnte ich mir nach meiner Karriere durchaus vorstellen, mein Wissen an junge, aufstrebende Rennfahrer weiterzugeben. Falls nicht, würde es mich wohl zu fest schmerzen, jedes Wochenende an der Rennstrecke zu stehen und selber nicht mitzufahren. Dann würde ich mir wohl eher etwas anderes suchen.

Wie ist eigentlich das Verhältnis zu deinen Konkurrenten? Gönnt man sich die Erfolge oder herrscht eher verbissener Konkurrenzkampf?
Das hängt wie bei anderen Sportarten von den unterschiedlichen Charakteren ab. Manchen gönnt man es mehr, anderen weniger. Auf der Rennstrecke selbst gibt es allerdings keine Freundschaften, dort zählt nur der Erfolg. Wird der Helm abgezogen, sieht es aber wieder anders aus und man klopft sich schon mal gegenseitig auf die Schulter.

Du beschreibst typische Eigenschaften eines Einzelsports.

Naja. Von aussen sieht es vielleicht aus wie ein Einzelsport. Einige Teams z.B. in der Formel 1 haben aber bis zu 700 Angestellte, die den Fahrbetrieb für zwei Fahrer garantieren. Da kann man meiner Meinung nach durchaus von einem Teamsport sprechen.

Eine Saison im Porsche Carrera-Cup kostet ein Vermögen. Du bist somit auf Sponsoren angewiesen. Mit welchen Argumenten kannst du allfällige Interessenten überzeugen, dich zu unterstützen?

Der Motorsport eignet sich meiner Meinung nach sehr gut als Plattform für Firmen- und Kundenanlässe. Ich versuche möglichen Sponsoren aufzuzeigen, dass auch sie von einer Partnerschaft mit mir profitieren können: Einerseits sind bei den Rennen um die 100‘000 Zuschauer vor Ort, was ungefähr dreimal dem Basler St. Jakob-Park entspricht. Zudem können die Unternehmen unsere Rennwochenenden als Eventplattform nutzen, um dort mit ihren Kunden Gespräche zu führen. Eine Kundenbeziehung kann viel eher intensiviert werden, wenn man ein Wochenende gemeinsam unterwegs ist, anstatt lediglich eines gemeinsamen Abendessens.

Du bist viel unterwegs, hast kaum Freizeit: Wie kommt deine Freundin mit deinem Tagesprogramm klar?

(lacht). Das frage ich mich ehrlich gesagt manchmal auch. Man muss die Geschichte dahinter kennen: Ich habe sie auf der Rennstrecke kennengelernt, wo sie ein Praktikum bei Porsche gemacht hat. Sie kennt somit die Abläufe im Rennsport und bringt deshalb viel Verständnis für meine Situation mit. Zudem ist sie auch Studentin und hat ebenfalls einen ziemlich vollgepackten Tagesablauf. Wenn sie Zeit hat, begleitet sie mich an den Rennwochenenden und hält mir vor Ort den Rücken frei, in dem sie mir beispielsweise Sponsorengespräche abnimmt.

Für Schweizer Fahrer ist die Formel 1 ein nahezu unerreichbares Ziel. 2011 hast du in einem bz-Interview gesagt, dass sie trotzdem ein Traum von dir ist. Ist dieser Traum 2015 geplatzt?

Es ist wie so oft im Leben: Je älter man wird, desto realistischer wird die Denkweise. Um Formel 1 zu fahren, braucht es heute mehr als nur Talent – Allem voran sehr viel Geld. Geplatzt ist der Traum aber nicht, er besteht weiterhin. Nur ist es nicht mehr unbedingt ein Ziel, welches ich um jeden Preis anvisiere.

2013 ist mit Sean Edwards ein Teamkollege und guter Freund von dir bei einer Testfahrt ums Leben gekommen.

Das war ein einschneidendes Erlebnis in meinem Leben…

Hat sich dadurch deine Sicht auf den Motorsport, insbesondere dessen Sicherheit, verändert?

Die Sicherheit im Motorsport ist etwas, was sich seit eh und je in der Entwicklung befindet. Es wird viel getan, um die Rennen stetig sicherer zu machen. Das ist primär positiv, kann aber auch gefährlich werden: Denn du erhältst das Gefühl, dass dir nichts mehr passieren kann. Dann wirst du von einem derart tragischen Ereignis überrascht, welches dir in aller Deutlichkeit vor Augen führt, dass dieser Sport immer noch gefährlich ist – und auch immer bleiben wird.

Das Ganze scheint dich nachhaltig geprägt zu haben.

Meine Lebenseinstellung hat sich dadurch um 180 Grad geändert. Sean war mein Coach, mein Mentor. Ich habe zu ihm heraufgeschaut - er war für mich unverletzlich. Dass gerade er gehen musste, hat mir in aller Deutlichkeit aufgezeigt, dass man jeden Moment geniessen muss, weil es der letzte sein könnte. Früher hat es mich oft beschäftigt, wenn kleinere Dinge nicht wie gewünscht funktioniert haben. Heute sage ich mir „Schmidt, nerv dich nicht über Kleinigkeiten“. Den Sieg auf dem Red Bull Ring habe ich ihm gewidmet.