Autorennsport
Der Wechsel von einer auf 8000 Pferdestärken

Jndia Erbacher will in die Fusstapfen ihres Vaters treten und ist damit eine von weltweit nur fünf Frauen, die in der Kategorie Top Fuel Dragster antreten.

Fabio Baranzini
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Die 20-jährige Jndia Erbacher, Dragster-Pilotin aus Aesch.

Die 20-jährige Jndia Erbacher, Dragster-Pilotin aus Aesch.

Fabio Baranzini

Es begann mit einer SMS. Eine SMS, die Jndia Erbacher im Juli an ihren Vater geschickt hatte. Die 20-Jährige aus Aesch war damals mit ihrem Pferd Fiorello unterwegs nach Deutschland, wo ein Trainingsaufenthalt geplant war. Die Fahrt im Pferdetransporter dauerte mehrere Stunden. Jndia Erbacher, die seit ihrem sechsten Altersjahr reitet, langweilte sich. Dann - die Reiseroute führte gerade an der Rennstrecke von Hockenheim vorbei - traf sie den Entscheid: «Ich will auf dieser Rennstrecke einen Top Fuel Dragster fahren.» Und genau das schrieb sie in der SMS an ihren Vater Urs, seines Zeichens sechsfacher Top-Fuel-Europameister.

540 Kilometer pro Stunde schnell

Top Fuel ist die Königsklasse des Dragstersports. Dazu gehören die Rennwagen, die Nitromethan als Treibstoff verwenden. Die Boliden sind über acht Meter lang und können Höchstgeschwindigkeiten von mehr als 540 Kilometern pro Stunde erreichen. In einem Dragster-Rennen geht es darum, die Distanz einer Viertelmeile (402 Meter), manchmal beträgt die Distanz auch 1000 Fuss oder eine Achtelmeile, möglichst schnell zurückzulegen. Der Weltrekord über die Viertelmeile liegt bei 4,428 Sekunden. An einem Wettkampf dienen die ersten beiden Renntage dazu, sich eine möglichst gute Position herauszufahren, ehe am dritten Tag im K.-o.-System der Sieger ermittelt wird. (fba)

Damit war der Startschuss zur Rennfahrer-Karriere von Jndia Erbacher gefallen. Auch wenn der Vater zuerst alles andere als begeistert war, willigte er ein - unter der Bedingung, dass sie das Projekt «richtig durchziehen.» Richtig durchziehen, damit meint er eine saubere Ausbildung, die mit dem Erwerb der Top-Fuel-Lizenz endet. Und so absolvierte Jndia Erbacher Anfang November in Las Vegas ihre ersten Testfahrten in einem Super-Comp-Wagen. «Der fährt zwar nur halb so schnell, wie ein Top Fuel, aber es ist Pflicht, diese Vorstufe zu absolvieren», erklärt sie. Im Frühjahr steht der zweite Ausbildungsblock an, ehe sie die Prüfung zum Erwerb der Top-Fuel-Lizenz ablegt.

Ein Adrenalinjunkie

Doch wie um alles in der Welt kommt eine 20-jährige Frau auf die Idee, vom Reitsport zum Top Fuel Dragster zu wechseln? Also vom typischen Frauensport mit einer Pferdestärke hin zu einer Sportart, bei der sie sich in Rennmaschinen setzt, die 8000 Pferdestärken unter der Haube haben und Geschwindigkeiten von über 540 Kilometern pro Stunde erreichen? Und das notabene als klar jüngste von weltweit nur fünf Frauen. «Ich bin ein Adrenalinjunkie. Das hab ich schon beim Reiten gemerkt. Immer dann, wenn das Pferd wild wurde, begann es mir richtig zu gefallen», meint sie lachend. «Kommt hinzu, dass ich meinen Vater seit Jahren an die Rennen begleite und mich die familiäre Atmosphäre auf dem Rennplatz begeistert. Die soll unbedingt ein Teil meines Lebens bleiben, auch wenn mein Vater dereinst nicht mehr fährt.»

Erstes Rennen im August

Und nun ist Jndia Erbacher auf bestem Weg, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wenn es die Zeit neben dem Praktikum für die Wirtschaftsmittelschule zulässt, trainiert sie täglich im Fitnesscenter. Das hat seinen Grund: Um die extreme Beschleunigung aus und den über acht Meter langen Rennwagen auf der Strecke zu halten, muss sie an Muskelmasse zulegen. «Kraft und eine gute Reaktionszeit beim Start sind das wichtigste. Viel mehr kannst du in den rund viereinhalb Rennsekunden nicht tun. Der Rest liegt in den Händen des Teams, das den Wagen vorbereitet hat.»

Wenn alles klappt, wird Jndia Erbacher im August in Hockenheim erstmals die Viertelmeile rennmässig absolvieren. Doch damit gibt sie sich noch nicht zufrieden. «Ich möchte 2016 die gesamte Meisterschaft in Europa bestreiten», blickt Jndia Erbacher voraus.