Rudern
Die bestmögliche Zusammensetzung für den olympischen A-Final

Der leichte Olympia-Vierer ist das Schweizer Flaggschiff. Auf dem Rotsee beginnt für die Crew mit dem Grenzacher Simon Niepmann eine verkürzte Weltcup-Saison.

Philipp Bärtsch
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Testlauf gegen die Weltelite: Mario Gyr, Simon Niepmann, Lucas Tramèr and Simon Schürch (von links) wollen beim Heim-Weltcup zeigen, dass mit ihnen bei Olympia zu rechnen ist. Keystone

Testlauf gegen die Weltelite: Mario Gyr, Simon Niepmann, Lucas Tramèr and Simon Schürch (von links) wollen beim Heim-Weltcup zeigen, dass mit ihnen bei Olympia zu rechnen ist. Keystone

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2.August 2012. «Das Datum hat für uns wohl in etwa die gleiche Bedeutung wie der Geburtstermin für eine werdende Mutter», sagt Simon Schürch, mit 21 die jüngste Stammkraft im Leichtgewichts-Vierer ohne. Es ist der Tag des olympischen A-Finals in einer der am härtesten umkämpften Bootsklassen des Rudersports.

Dass sie am 2. August mehr als nur den 27.Geburtstag des Grenzachers Simon Niepmann zu feiern haben wird, ist der innige Wunsch der Mannschaft. «Die Qualifikation für den Final wäre dafür natürlich Voraussetzung, eine Klassierung in der vorderen Hälfte ein Grund für ein richtig grosses Fest», sagt Schlagmann Mario Gyr. Den Final bestreiten die besten sechs Boote, übersetzt lautet das Traumziel also Medaillengewinn.

Aus den Trümmern aufgebaut

An Selbstvertrauen mangelt es der Crew offensichtlich nicht. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten fusst auf einer beachtlichen Entwicklung seit dem Projektstart vor vier Jahren. Als er 2008 an der Olympia-Qualifikationsregatta in Poznan teilnahm, verpasste der leichte Vierer die Sommerspiele in Peking deutlich.

Skiffier André Vonarburg hatte es als einziger Schweizer Ruderer nach China geschafft, was für den einst erfolgsverwöhnten Verband einen historischen Tiefpunkt bedeutete. Aus den Trümmern initiierte der damals neue SRV-Direktor Christian Stofer einen Neuaufbau. Der leichte Vierer wurde immer mehr zum Symbol dafür. Die WM-Ränge 9, 8 und 6 in den Jahren 2009 bis 2011 drücken die konstanten Fortschritte am besten aus.

Die magische Kombination

Mario Gyr ist als einziger Athlet ohne Unterbruch fixer Bestandteil des Vierers. Als eine Art Initialzündung habe gewirkt, dass nach dem Scheitern in Poznan drei von vier Teammitgliedern gesagt hätten, dass sie mindestens vier Jahre weitermachen würden. «2010 haben wir dann quasi die magische Kombination gefunden», blickt der 27-jährige Luzerner zurück.

Je grösser ein Boot, desto länger dauert es in der Regel, bis sich im Verlauf eines Olympia-Zyklus die bestmögliche Zusammensetzung herauskristallisiert. Einst umfasste der Pool rund zehn Athleten. Fünf peilen nun «London 2012» an. Die Rollenverteilung ist klar. Die Luzerner Gyr und Schürch, der schweizerisch-deutsche Doppelbürger Niepmann vom Basler Ruderclub sowie der Genfer Lucas Tramèr sind die Stammspieler, der erst 20-jährige Zürcher Valentin Gmelin ist der Ersatzmann.

Weil die Planung heuer ganz auf Olympia ausgerichtet ist, hat der leichte Vierer auf den Weltcup-Auftakt in Belgrad verzichtet. Die Selektionskriterien sind seit dem Saisonstart in Piediluco erfüllt. Der Heim-Weltcup in Luzern markiert nun das erste wirklich aussagekräftige Kräftemessen. Bis auf die WM-Zweiten aus Italien sind alle starken Boote gemeldet. Selbst in einer Olympia-Saison ist die Regatta auf dem «Göttersee» mehr als nur ein Testrennen. Für den Luzerner Mario Gyr gilt das besonders. «Der Rotsee ist mein See. Ein Sieg hätte für mich ungefähr den gleichen Stellenwert wie ein olympischer Final.»

Schritt voraus im Olympia-Jahr

Gyr, Schürch, Niepmann und Tramèr sind Studenten, die ihre akademische Ausbildung vorübergehend auf Eis gelegt haben. Seit Anfang Jahr studieren sie nicht einmal mehr reduziert, sondern gar nicht. Das Vollprofitum ist international Standard. «Wem neben 30 Stunden Training, essen und schlafen noch Zeit und Energie für ein Studium bleibt – Chapeau!», sagt Gyr.

Um im Olympia-Jahr noch einmal einen Schritt nach vorne zu machen, setzte Headcoach Simon Cox auf eine Strategie des kalkulierten Risikos. Das Training wurde noch einmal eine Spur härter, der Umfang noch einmal grösser. Die Testwerte stimmen zuversichtlich. So hat die jüngste Vierer-Mannschaft an der erweiterten Weltspitze die Ergometer-Zeiten im Vergleich zum Vorjahr im Durchschnitt um knapp zwei Sekunden verbessert. Der Rotsee und vor allem «London 2012» können kommen.