Coronavirus

Die Fussballerherzen in der Nordwestschweiz bluten

Für potenzielle Auf- und Absteiger ist der Abbruch der regionalen Meisterschaften besonders tragisch. Doch eigentlich wollen alle nur eins.

Es ist März und die Rückrunde steht an. Die Vorbereitung ist bereits in vollem Gange, das Trainingslager erfolgreich absolviert und die Mannschaft kann es kaum erwarten, wieder auf dem Platz zu stehen. Mit einem ordentlichen Vorsprung konnte die Vorrunde abgeschlossen werden und jetzt geht es nur noch darum, das Ding nach Hause zu bringen. Der Aufstieg ist das grosse Ziel. Doch dann kommt eine erste Schreckensmeldung: Wegen dem Coronavirus wird der Fussball in der Nordwestschweiz bis Ende April komplett lahmgelegt. Keine Spiele, keine Trainings. Ein herber Dämpfer für alle Teams.

Am vergangenen Freitag kommt dann durch den offenen Brief des Fussballverbands Nordwestschweiz der nächste Schlag in die Magengrube der Fussballer (die bz berichtete). Die Mitteilung trifft jene besonders stark, die sich nach der Vorrunde auf einem Aufstiegsplatz befanden. Denn im Brief schreibt der Verband: «Wir müssen aus heutiger Perspektive davon ausgehen, dass die Meisterschaft der Saison 2019/2020 nicht gewertet werden kann.» Es wird auch keine Auf- und Absteiger geben, sofern die Tabellen nicht aufgrund von Rückzügen aufgefüllt werden müssen.

Eine bittere Entscheidung für viele Teams, die sich dank einer guten Vorrunde aktuell in den oberen Tabellenregionen befinden. Ein Leidtragender ist Sportchef John Walthert und sein FC Laufen. Das Team hatte nach der Vorrunde in der 4. Liga, Gruppe 3 sechs Punkte Vorsprung auf einen Nicht-Aufstiegsplatz. «Wir waren alle sehr frustriert. Die Spieler haben sich extrem auf die Rückrunde gefreut und von einer perfekten Saison geträumt», sagt er.

Auch für den FC Pratteln in der 2. Liga und den FC Bubendorf in der 4. Liga, Gruppe 1 sah es gut aus. Beide standen auf Platz 1. Marc Wahl, Sportchef beim FC Bubendorf, sagt: «Es war eine absolute Enttäuschung. Der Verein hat viel unternommen, um wieder in die 3. Liga zurückzukehren. Nun müssen wir einfach das Beste daraus machen.» Kendim Mehmeti, Sportchef beim FC Pratteln, kann dem nur zustimmen: «Wir sind enttäuscht. Ein halbes Jahr Aufwand und viel Herzblut für nichts. Das Schlimmste ist aber, dass wir nicht spielen können.»

Aufatmen bei den vielen Kellerkindern

Die Entscheidung des Verbandes hat aber nicht nur Verlierer. Denn wo Aufsteiger sind, sind auch Absteiger und die aktuellen Kellerkinder profitieren vom Abbruch der Saison. Die teilweise katastrophale Vorrunde, in der Teams nur drei, einen oder in einem Fall sogar gar keine Punkte sammeln konnten, wird nicht gewertet und der drohende Abstieg am Grünen Tisch abgewendet.
Am krassesten profitieren wohl die 2.-Liga-Frauen von Fortuna Olten. Sie holten in der Vorrunde keinen einzigen Punkt. Präsident Sven Bürki sieht die Mannschaft aber nicht als Gewinner der Krise: «Natürlich hätten wir den Ligaerhalt lieber auf sportliche Weise geschafft. Schlussendlich steht beim Breitensport aber der Fussball im Fokus und nicht der Auf- und Abstieg.»

So sieht das auch Pepe Rafuna, Trainer des 2. Liga Teams vom FC Dardania. Sein Team stand auf einem Abstiegsplatz. Auch er sagt: «Wir hätten es sehr gerne sportlich geschafft, aber wir nehmen es, wie es ist.» Peter Oppliger, Sportchef beim FC Reinach, dem aktuellen Vorletzten in der 3. Liga, Gruppe 2 ist sogar unglücklich über die Entscheidung: «Die Stimmung ist mies. Wir hätten viel lieber gespielt. Wir hätten gerne gezeigt, wie gut wir sind und wie stark wir uns vorbereitet haben. Was aber am meisten fehlt, ist das Soziale, der Wettkampf und das Fussballspiel.»

Auch Domenico Seminara, Sportchef von der AS Timau, dem aktuellen Vorletzten in der 2. Liga, ist der gleichen Meinung: «Wir sind extrem enttäuscht, dass wir gar nicht spielen können. Wir hätten lieber gezeigt, dass wir uns retten können. Jetzt fehlt das ganze Vereinsleben und das gemeinsame Zusammenleben.»

Der AC Rossoneri, Vorletzter in der 4. Liga, Gruppe 1 geht noch einen Schritt weiter. Statt sich über den überraschend schnell abgewendeten Abstieg zu freuen, konzentriert man sich auf den Zusammenhalt. Luca Mulas, Sportchef bei den AC Rossoneri, sagt: «Die AC hat ihr Klubhaus zur Verfügung gestellt. Die fleissigen Helferinnen und Helfer versorgen die Ärzteschaft und das gesamte medizinische Personal in der «la Cantina» mit warmen Mahlzeiten. So kann das Abklärungscenter in Lausen unterstützt werden.» Zudem gehen die Spieler für die ältere Bevölkerung einkaufen.

Fussball mehr als nur ein Sport in der Region

Schlussendlich sind sich alle Teams aus der Region – egal, ob potenzieller Auf- oder Absteiger – in einem Punkt einig: Die Gesundheit steht momentan im Vordergrund. Die Stimmung ist gedämpft, weil nicht Fussball gespielt werden kann und auch das ganze Vereinsleben grösstenteils stillsteht. Der einzige Austausch findet zurzeit meist über Whatsapp-Gruppenchats statt. Mehr als 100 Mannschaften und unzählige Spieler warten in der Region aktuell darauf, endlich wieder dem Lieblings- Hobby nachzugehen. Denn im Breitensport geht es bekanntlich um mehr als um Auf- und Abstieg: Es ist ein eine Leidenschaft und eine Herzensangelegenheit. In diesen Tagen geht es darum, das Coronavirus zu besiegen, damit endlich wieder Fussball gespielt werden kann.

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