Am Kiosk im Leichtathletik-Stadion St. Jakob bricht Hektik aus. «143, 144», ruft Rosario Tumminelli, der Mann hinter der Theke, über den Vorplatz, an dem seine Kundschaft versammelt ist. Oder besser gesagt: Versammelt sein sollte. «143 und 144», schreit er zum zweiten Mal, noch lauter und deutlicher als vorher. Die Personen vor dem Kiosk kontrollieren ihre Nummer, die sie in der Hand halten. Sie haben eine andere Zahl. Die Nummern 143 und 144 reagieren nicht. «Heilandsterne, wo gehen die denn alle hin», flucht Tumminelli angesäuert. Das Prinzip am Kiosk wäre eigentlich simpel. Der Kunde zahlt an der Kasse für die gemachte Bestellung – etwa ein Schnitzelbrot oder eine Portion Pommes – und erhält eine Nummer. Sobald diese aufgerufen wird, darf er oder sie die Bestellung abholen. Soweit die Theorie.

Der Beginn des Spiels zwischen Concordia und Lugano am Freitagabend ist noch 30 Minuten entfernt, als Tumminelli verzweifelt versucht, seine Kundschaft zusammenzutrommeln. Im Rest des Stadions ist wenig los. «Gibt es da nicht mehr Leute?», fragt eine Zuschauerin, als sie die Eingangskontrolle passiert. Gleich nach dieser steht Corinne Eglin an einem Stand. Die Verantwortliche für Marketing und Sponsoring bei Concordia verkauft Trikots und Kappen von «Congeli». Alle Utensilien sind mit der Gründungszahl des Vereins versehen: 1907. Beim Cupspiel werden die Kleidungsstücke zum ersten Mal angeboten. «Wir wollen mit der Freizeitkollektion Identifikation schaffen und das Vereinsleben stärken», sagt Eglin. Der Cup komme gelegen, um ein grösseres Publikum auf das Angebot aufmerksam zu machen.

Vor dem Anpfiff ist der Ansturm auf ihren Stand überschaubar. Einige Kinder tragen während des Spiels aber stolz die blaue Kappe mit der weissen Gründungszahl. Im weiten Rund des Stadions bleiben ansonsten einige Plätze unbesetzt. Knapp 900 Personen finden den Weg zum Cupspiel. «Ein bisschen mehr Fans wären schon schön gewesen», sagt Thomas Steinemann, Präsident von Concordia Basel. Die Konkurrenz mit «Em Bebbi sy Jazz» in der Innenstadt sei aber gross.

Für Speakerin Annamaria Widmer ist der Anlass dennoch speziell. «Innerlich bin ich ein wenig nervös», gibt sie vor dem Spiel zu. Angespannt ist sie primär wegen dem Herkunftsort der Gäste: «Ich muss alles auch noch auf italienisch übersetzen». Die paar wenigen Tessiner, die sich nach Basel verirrt haben, werden es ihr verdanken. Widmer hofft vor dem Spiel, einen Torschützen von «Congeli» durch das Mikrofon bejubeln zu können. Nach 90 Minuten ist klar: Es bleibt bei der Hoffnung. 0:5 müssen sich die Basler geschlagen geben.

Rosario Tumminelli steht auch knapp eine Stunde nach Abpfiff noch hinter der Theke des Kiosks. Die Nummern 143 und 144 haben tatsächlich ihre Bestellung abgeholt. Nicht die ganze Kundschaft schafft dies im Verlauf des Abends. «Wir haben zehn Mal 167 gerufen und die Person mit dieser Nummer hat bis jetzt ihr Essen nicht abgeholt», sagt Tumminelli. «Jetzt, um 22:45 Uhr, kommt die Person auch nicht mehr.»

Nur ein kleines Mädchen flitzt auf die Leichtathletikbahn

Am nächsten Tag ist die Stimmung in Basel explosiver als bei «Congeli». Zwischen Bahnhof und der Schützenmatte, wo die Black Stars auf den FC Zürich treffen, steht ein Polizeiwagen nach dem anderen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind gross, die Alarmbereitschaft ebenso. Im Stadion angekommen, beginnen die Zürcher Fans ihr Gesangsprogramm gleich mit Giftpfeilen in Richtung des FC Basel. Ein Zuschauer der Heimmannschaft antwortet mit rotblauen Fanparolen. Auch wenn der FCB gar nicht spielt, präsent ist er trotzdem.

Ansonsten bleibt es auf der Schützenmatte ruhig. «Die Fans verhalten sich so, wie es sein sollte: nämlich cupmässig», sagt ein Vertreter des Sicherheitsdiensts, der lieber anonym bleiben möchte. Um für eine friedliche Stimmung zu sorgen, steht der Sicherheitsdienst vor dem Spiel in Kontakt mit dem Anführer der Zürcher Kurve und äussert einen spezifischen Wunsch. «Wir haben ihnen gesagt, dass sie Brenngegenstände nicht auf die Leichtathletikbahn werfen sollen. Die darf nicht kaputt gehen, denn darauf finden am nächsten Wochenende die Schweizer Meisterschaften in der Leichtathletik statt». Reparaturkosten, auf welche die Black Stars, die sowieso schon finanziell einiges für das Cupspiel stemmen müssen, gerne verzichten.

Auf der Plattform, wo sich der Eingang zur Haupttribüne befindet, ist von einem Hochrisikospiel nichts zu spüren. Zuschauer warten hungrig auf ihre Bratwurst, während nebenan im VIP-Bereich Black Stars-Präsident Kaspar Camenzind sichtlich glücklich ist. «Die Erleichterung ist gross, dass das Spiel endlich beginnen kann.» Das Konzept der Polizei sei aufgegangen. Sogar der Marsch der Zürcher Fans vom Bahnhof bis zur Schützenmatte kommt den Black Stars entgegen. «Als sie hier ankamen, hatten sie erst einmal Durst», sagt Camenzind lachend.

Ebenfalls im VIP-Bereich hält sich die Basler Prominenz auf. Dazu zählt SP-Finanzdirektorin Eva Herzog. «Ich finde es toll, dass die Black Stars mitten im Quartier gegen den FC Zürich spielen.» Und der ganze Sicherheitsaspekt? «Wenn es nötig ist, ist es nötig», meint sie auf dem Weg zur Ticketkontrolle lapidar. Die Vorfreude lässt sich jedenfalls dadurch nicht trüben. Nebenan sagt ein Zuschauer: «Hoffentlich klappt es dieses Mal mit einem Sieg der Black Stars im Cup.»

Kurz vor 17 Uhr ertönt die Hymne der Black Stars aus den Musikboxen. Begleitet von einer krächzenden Stimme betreten die Spieler den Rasen. Die Hymne lässt auch die letzten Diskussionen um die Sicherheit verstummen, so als wolle sie sagen: Jetzt geht es um Fussball. Nach neun Minuten steigt das Stimmungsbarometer zum ersten Mal. «Hopp Steven», rufen die Fans auf der Tribüne. Als hätte er die Anfeuerungsrufe gehört, pariert der Torhüter der Heimmannschaft, Steven Oberle, den Zürcher Penalty. Die Stimmung kocht.

Die Verantwortlichen für die Sicherheit verbringen hingegen eine ruhige erste Halbzeit. Wobei das nicht bedeutet, dass keine Person das Feld betreten möchte. Ein kleines Mädchen rennt mit ihren kurzen Beinen ohne Umschweife auf die Eckfahne zu. Sekunden später kommt bereits ihr Vater angerannt und schnappt sie. Bei so viel eigenem Engagement braucht es nicht einmal den Sicherheitsdienst.

Nach 90 Minuten kann wie am Vortag bei «Congeli» auch bei diesem Spiel gesagt werden: Die Hoffnung der Zuschauer erfüllt sich nicht. Die Black Stars halten zwar wacker dagegen, doch am Ende müssen sie sich dem FCZ mit 1:2 geschlagen geben.

Der Fanclub sitzt während des Spiels im Festzelt

In Allschwil herrscht zur gleichen Zeit Volksfeststimmung. Die Freude über das Spiel gegen den FC Sion, das erste Cupspiel seit 39 Jahren, ist auf dem Sportplatz Brüel unübersehbar. Was in einem normalen Fussballspiel unvorstellbar ist, geht in Allschwil ohne Probleme. Kinder sitzen knapp hinter der Torausline auf dem Rasen vor der Bande. Wenn ein Sion-Spieler zum Eckball antritt, muss er sich zuerst seinen Weg durch die rotblauen Papierflieger bahnen.

Hinter dem Tor stehen die Fans eingepfercht auf einer improvisierten Tribüne. «Das wackelt teilweise bedenklich», sagt eine Zuschauerin und blickt herunter. 1 800 Fans pilgern nach Allschwil. Die Hütte ist rappelvoll. Die Verantwortlichen hätten sogar noch mehr Karten verkaufen können. «Für uns ist es ein Jahrhundertereignis», sagt René Hagen, Präsident des FC Allschwil. Nebenan rufen junge Kinder mit einem Allschwil-Trikot: «Schiesst ein Tor für uns!»Die Spieler der Heimmannschaft können die Unterstützung gut gebrauchen. Zur Halbzeit schenkt der FC Sion dem Underdog bereits sechs Tore ein. «Sion ist um Klassen besser, aber sechs Tore in 45 Minuten müssten schon nicht sein», sagt Hagen.

Wenn die Spieler der beiden Mannschaften ihren Schuss zu hoch ansetzen, landet dieser direkt auf dem Dach des Festzelts. Auf den Holzbänken im Zelt befindet sich zu Beginn der zweiten Halbzeit auch der Fanclub von Allschwil-Torhüter Marco Schmid. Extra für dieses Spiel haben sie ein Trikot für den Schlussmann gefertigt. Acht Mal musste dieser zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich greifen.

Nur: Warum sitzt der Fanclub während des Spiels gemütlich mit Bier auf dem Tisch in einem Festzelt, während ihr Schützling unter einem Walliser Dauerbeschuss leidet? «Wir ölen nur unsere Stimmbänder, damit wir wieder parat sind», rechtfertigt sich Andi Schätti. Wenige Minuten nach dem Gespräch ist der Tisch des Fanclubs frei. In eine Ecke gedrängt, sehen sie gerade noch rechtzeitig, wie ihr Schmid zwei weitere Gegentreffer kassiert.

10:0 steht es kurz vor Abpfiff für Sion. Doch dann kommt die 89. Minute. Allschwil-Stürmer Rafael Fonseca stochert den Ball über die Sittener Torlinie, der ersehnte Ehrentreffer ist Tatsache. Auf dem Sportplatz gibt es kein Halten mehr. Die Spieler rennen zu ihren Fans, feiern mit ihnen zusammen und Fonseca gibt ein kurzes Stossgebet in Richtung Himmel. Es fühlt sich an, als hätte der kleine FC Allschwil gerade den grossen FC Sion rausgekegelt. Der Treffer ist bei weitem mehr als nur ein Ehrentreffer zum Endresultat von 1:10 aus Allschwiler Sicht.


Das Tor lanciert die dritte Halbzeit. Nach dem Schlusspfiff des Schiedsrichters geht das Fest erst richtig los. Im Zelt gibt es ein kulinarisches Angebot aus dem Wallis. Raclette wird aufgetischt. «Wir wollen, dass die Leute nach dem Spiel bleiben und danach sagen, dass es ein geiler Tag war», sagt Urs Pozivil, der Verantwortliche für das Catering beim FC Allschwil. 2 000 Liter Bier und 450 Flaschen Weisswein stehen den Zuschauern für die Feier zur Verfügung. Spätestens beim Raclette sind die zehn Gegentreffer vergessen. Der Moment des eigenen Ehrentreffers wird aber bleiben.