Unihockey
Die heilende Kraft des Sports

Die geistig beeinträchtigten Unihockey-Spieler vom Bürgerspital Basel treten an den National Winter Games an.

Drucken
Teilen
Christoph Rohrer (unten links), Giuseppe Morgillo (oben, 5. v. l.) und Steve Brändle (oben, 7. v. l.) jubeln über Bronze an den Special-Olympics-Welt-Winterspielen 2017.

Christoph Rohrer (unten links), Giuseppe Morgillo (oben, 5. v. l.) und Steve Brändle (oben, 7. v. l.) jubeln über Bronze an den Special-Olympics-Welt-Winterspielen 2017.

ZVG

Die Stimmung in der Sportanlage Pfaffenholz ist gelöst: Sprüche fallen, Gelächter erfüllt die Halle. Im letzten Training vor den National Winter Games in Villars üben die Unihockeyaner des Bürgerspitals Basel Penaltyschiessen. «Denn das können wir noch nicht», wie Trainer Christoph Rohrer seinen Schützlingen in der Besprechung sagt. Einer ums andere läuft auf den Torhüter zu, der sich kniend in die Schüsse wirft. «Mach den Yann-Sommer-Style», ruft ihm Rohrer zu. Der Torhüter hebt die Arme, winkelt sie auf Schulterhöhe an und fuchtelt mit ihnen herum, so als ob er den Schützen aufgeregt zuwinken würde.

Auf den ersten Blick scheint es ein Unihockey-Training eines beliebigen Vereins zu sein. Doch die acht Männer, die sich an diesem Abend an der französischen Grenze zusammengefunden haben, haben alle eine geistige Beeinträchtigung: Epilepsie, Lernschwierigkeiten, Probleme im Umgang mit Emotionen. Die Krankheitsbilder sind verschieden. Teilweise leiden die Betroffenen auch an mehreren Symptomen. Doch eine Gemeinsamkeit haben die Männer: Spass an ihrer Sportart.

Ab Donnerstag nehmen die Basler Unihockeyaner an den National Winter Games in Villars, dem grössten Anlass für geistig Behinderte in der Schweiz, teil. «Wir trainieren die Mannschaft so, als wäre es ein gewöhnliches Junioren- oder Herrenteam. Das ist uns sehr wichtig und erklärt einen Teil unseres Erfolges», erklärt Rohrer, der einer von zwei Trainern ist.

Die National Winter Games sind ein Gegenpol

Die National Winter Games sind für die Sportler eine willkommene Gelegenheit, sich auf einer grösseren sportlichen Bühne zu zeigen. In Zeiten von immer prahlerischeren und teureren Sportanlässen bilden die Wettkämpfe, die von der Stiftung Special Olympics ausgetragen werden, einen Gegenpol. «Die Spieler mit Beeinträchtigung erleben an den Wettkämpfen Gefühle, die sie aus dem Fernsehen von anderen Sportlern kennen. Dadurch erhalten sie Selbstvertrauen und ein Bewusstsein über ihre Fähigkeiten», sagte Irene Nanculaf, Sprecherin von Special Olympics. Von Grossanlässen wie den National Winter Games, die nur alle vier Jahre stattfinden, zehren die Teilnehmer besonders lange. «Teilweise tragen die Athleten die Medaille noch wochenlange im Geschäft», sagt Nanculaf.

Steve Brändle und Giuseppe Morgillo gehören zu den Büs­pi-Flyers, wie die Basler Unihockey-Mannschaft genannt wird. Auch wenn sie möglichst erfolgreich sein wollen, stehen andere Faktoren im Vordergrund: «Sollten wir verlieren, regen wir uns nicht wirklich darüber auf. Wir hatten trotzdem Freude am Anlass», sagt Brändle, der seit bald sieben Jahren seinen Stock für die Mannschaft hinhält. Er und Morgillo waren auch Teil des Teams, das vor drei Jahren an den Special-Olympics-Welt-Winterspielen, dem weltweit grössten Anlass für geistig Behinderte, die Bronzemedaille gewann. Ein Erlebnis, das sie nicht vergessen werden. Im kleinen Finalspiel schafften sie kurz vor Schluss den Sieg. «Viele Zuschauer haben uns mit Glocken unterstützt und mit uns gejubelt», erinnert sich Morgillo. Eine Live-Übertragung ihres Spiels landete im Internet, gab ihnen eine «zusätzliche Plattform» und machte den Sieg somit noch schöner.

Mit Esslöffeln gegen unerwünschte Musik

Neben dem Platz leben die ­Büs­pi-Flyers einen gesunden Teamgeist vor, der das ein oder andere Mal auch gewisse Streiche zulässt. Als sie vor acht Jahren an den National Games teilnahmen und ein Abendprogramm besuchten, das ihnen nicht gefiel, übertönten sie die volkstümliche Musik, indem sie mit ihren Löffeln auf den Tisch klopften. «Wir haben fast das ganze Partyzelt mit 500 Athleten dazu animiert. Am Schluss tanzten Leute sogar auf Bänken und Tischen», erinnert Rohrer sich.
Geschichten wie diese demonstrieren, dass die National Winter Games weit mehr als nur ein Sportanlass sind. Es geht um Lebensfreude und Akzeptanz. «Die Gesellschaft hat im Umgang mit beeinträchtigten Menschen immer noch Mühe», gibt Rohrer zu bedenken. An den National Winter Games stehen sie für einmal im Rampenlicht.

Aktuelle Nachrichten