Basels Sportvereine
Die Ikone vom Rankhof: Ein Leben für den FC Nordstern

Helmut Hornung spielt auch noch mit 85 Jahren beim FC Nordstern Fussball. Sein Engagement im Verein hat auch Breel Embolo geholfen.

Simon Leser
Merken
Drucken
Teilen
Helmut Hornung steht auf dem Rasen seines jahrzehntelangen Heimatvereins.

Helmut Hornung steht auf dem Rasen seines jahrzehntelangen Heimatvereins.

Juri Junkov

Es ist nur eine Zahl. Eine, die für sich genommen nichts über den mentalen und physischen Gesundheitszustand eines Menschen aussagt: 85 – das Alter von Helmut Hornung. Und dennoch ist sie beachtlich. Denn Hornung – Haar leicht auf die Seite gelegt, staatsmännischer Sakko – macht das, was viele Gleichaltrige nicht mehr machen wollen. Oder vor allem: machen können. Er spielt Fussball. Wöchentlich zieht er sich für den FC Nordstern die Kickschuhe an. Nur nicht an diesem Dienstagabend Mitte November. Nicht etwa, weil bei ihm kürzlich zwei Blasentumore entdeckt wurden und er sich davon medikamentös erholt. Deswegen hätte er trotzdem gespielt. Der Grund ist die Pandemie, die das Training ausfallen lässt. So findet er Zeit, um im Restaurant Ziegelhof seine Geschichte zu erzählen. Vor ihm ein Kaffee, neben ihm das Bild seiner Mannschaft, die Senioren 50+ des FC Nordstern. Es zeigt ihn mit Teamkollegen, die seine Kinder sein könnten.

Hornung erteilt Freiburg eine Absage und kommt nach Basel

Seine Fussballgeschichte, die noch immer anhält, beginnt 1949, vor 71 Jahren. Hornung wohnt in Grenzach-Wyhlen, ein paar Hundert Meter entfernt vom Rankhof, auf deutscher Seite. Er ist sportlich, turnt und ist ein ausgezeichneter Leichtathlet. Die 5000 Meter läuft er in 16,25 Minuten. Doch irgendwann hat er von den einsamen Waldläufen genug, er wechselt zum Fussball. «Meine Schnelligkeit kam mir dort entgegen. Die Technik musste ich aber durch hartes Training erst aufbauen», sagt Hornung. Als er in der ersten Mannschaft Grenzach-Wyhlens spielt, macht er auf sich aufmerksam. Angebote von Freiburg und Karlsruhe flattern auf seinen Tisch, nur noch seine Unterschrift fehlt. Sie kommt nie. «Es war mir zu riskant. Ich hätte dafür meine Stelle bei der Roche künden müssen», erzählt Hornung. Beim Basler Pharmakonzern arbeitet er zuerst als Chemiefachwerker, dann als Laborant.

Vereinssteckbrief FC Nordstern

Name: FC Nordstern Basel 1901

Gründung: Am 21. März 1901 im ehemaligen Restaurant Jägerhalle.

Anzahl Mitglieder 2020: ca. 450.

Vereinsfarben: rot/schwarz.

Motto: Bym FC Nordstärn goht öpis!

Heimstätte: Rankhof, seit 1923.

Liga 1. Mannschaft: 4. Liga.

Grösste Rivalen: Zu Nationalliga-Zeiten der FC Basel.

Grösste Erfolge: Schweizer Vizemeister 1923/24 und 1926/27, 1935 und 1939 im Cupfinal, zwei Mal jeweils gegen Lausanne Sports unterlegen. 35 Saisons in der höchsten Liga und 28 Saisons in der zweithöchsten Liga. Der FC Nordstern brachte 12 Nationalspieler hervor, die insgesamt 64 Länderspiele absolvierten.

Das unterscheidet uns von anderen Vereinen: Wir sind wohl der grösste multikulturelle Verein der Region.

Sein Weg führt ihn 1963 zum FC Nordstern, der zu dieser Zeit in der Nationalliga B spielt. Spieler der Mannschaft hatten zuvor Hornungs Talent nach einem Verdauungsspaziergang in Grenzach-Wyhlen entdeckt. Auch in der Schweiz überzeugt Hornung als Offensivspieler mit seiner Schnelligkeit, schiesst Tore und bereitet solche vor. So auch gleich in seinem ersten Einsatz für den FC Nordstern. «Diese Erinnerungen bleiben für immer», auch wenn sein Gedächtnis sonst nachlasse. Dem Verein bleibt er in der Folge treu, wird Trainer und pfeift später auch noch als Schiedsrichter. «Ein paar giftigen Junioren muss ich schon mal sagen: Mein Lieber, so geht das nicht.» Hornungs Tätigkeiten lassen ihn zur «Ikone» aufsteigen, wie ihn Olivier Kapp, Präsident des FC Nordstern, bezeichnet.

Breel Embolo lernt bei Hornung das Fussball-Einmaleins

Das runde Leder fasziniert den 85-Jährigen unverändert. Dass er dem Ball noch heute hinterherjagt, liegt an seiner Fitness, geistig sowie körperlich. Er löst Kreuzworträtsel, bewegt sich, achtet auf den Lebensstil – sein Leben lang. «Ich habe nie geraucht. So habe ich keine Probleme mit der Lunge», sagt Hornung. Immer Mal wieder trifft er alte Freunde beim Einkaufen an, die ihm erzählen, dass sie keinen Sport mehr machen. Hornung findet das schade. Er braucht das wöchentliche Training und die Spiele. «So sitze ich nicht nur daheim rum und schaue in die Glotze», erzählt er.

Basels Sportvereine

Regelmässig porträtiert die bz die Vereine der Region auf einer Zeitungsseite und auf unserem Onlineportal. Bist auch Du in einem Verein und hast eine tolle Geschichte zu erzählen, dann schreibe eine E-Mail an sportbasel@chmedia.ch.

Angst vor einer Trainingsverletzung hat Hornung keine. Er schüttelt den Kopf, wirkt beinahe verwundert ab der Vorstellung davon. Die Schnelligkeit hat sich zwar notgedrungen abgebaut, doch die Raumdeckung übernimmt er weiterhin. «Ein Gegenspieler kommt nicht so einfach an mir vorbei», sagt er.

Breel Embolo ging bei Helmut Hornung in den Unterricht.

Breel Embolo ging bei Helmut Hornung in den Unterricht.

Freshfocus

Die Leidenschaft, die Hornung für den Fussball ausstrahlt, ist augenscheinlich. Der Fussballtrainer in ihm kommt immer wieder zum Vorschein. «Ich habe schon früher gefordert, den Ball schnell laufen zu lassen. Heute dribbeln manche Spieler, verlieren den Ball und bleiben stehen. Das ist nicht gut», kritisiert er. Einem, dem er diese Tipps in jungen Jahren beibringt, ist Breel Embolo. Dieser schnürt seine Fussballschuhe erstmals beim FC Nordstern, ist Junior unter Helmut Hornung. Der 85-Jährige lobt die Schnelligkeit Embolos, dessen Antritt und Pässe. Es erfüllt ihn mit Stolz, einen späteren Schweizer Nationalspieler hervorgebracht zu haben. «Es zeigt: meine Arbeit war nicht ganz so schlecht», meint Hornung und lacht.

Vom Fussball hat Hornung noch nicht genug. Neben den Tumoren plagt ihn gerade ein Hühnerauge – «Alterserscheinungen halt». Doch unterkriegen lässt sich die Ikone vom Rankhof davon nicht.

Nachgefragt bei Olivier Kapp, Präsident des FC Nordstern Basel

zvg

Warum stehen Sie wie kein anderer für den FC Nordstern?

Olivier Kapp: Ich denke Tag und Nacht an den Klub. In meinem Zuhause habe ich Couverts von ihm, das sieht meine Frau wohl nicht so gerne. Deswegen muss ich sie ein bisschen verstecken. (lacht) Ich denke mit Leib und Seele daran, wie ich den FC Nordstern weiterbringen kann. Ich versuche aufzugleisen, dass der Klub aus dem sportlichen Niemandsland herauskommt und dort hingelangt, wohin er gehört.

Wohin gehört der FC Nordstern?

Er kommt aus der ehemaligen Nationalliga A. Er stand zweimal im Cupfinal. Solche Leistungen sind jetzt natürlich illusorisch. Es wäre aber toll, wenn wir in sechs bis acht Jahren in der 2. Liga spielen.

Was braucht es dafür?

Leider Gottes geht es im heutigen Breitensport bei vielen Mannschaften um viel Geld. Unsere erste Mannschaft spielt aktuell in der 4. Liga – schrecklich, wenn man bedenkt, woher der Verein kommt. Ein externer Spieler, der einen weiterbringt, kommt aber nur mit Geld. Wir zahlen grundsätzlich nichts für solche Spieler. Es ist möglich, Neuzugänge etwa mit einem Freundeskreis anzulocken. Vor allem aber wollen wir eine tolle Juniorenabteilung haben. Das Ziel ist, dass wir Jahrgang für Jahrgang die besten Spieler herauspicken, die dann die erste Mannschaft verstärken.

Was würde geschehen, wenn Nordstern gegen den FC Basel spielt?

Ich hoffe sehr, dass dies bald der Fall sein wird. Ich hatte das Glück, von Bernhard Burgener und Roland Heri mit anderen Vereinspräsidenten der Region zu einer Aussprache eingeladen zu werden. Ich habe meine Enttäuschung zum Ausdruck gebracht, dass der FCB als Platzhirsch wenig für den Breitensport und die kleineren Vereine der Region macht. Da wäre viel mehr möglich: Zum Beispiel Autogrammstunden für die Junioren oder ein Freundschaftsspiel. Es wäre der Traum eines jeden Fussballers, gegen den FCB zu spielen. Wenn Nordstern in fünf Jahren das 125-Jahr-Jubiläum feiert, fände ich ein Freundschaftsspiel toll.

Was war die Reaktion des FCB?

Sie sagten mir, sie wollen es besser machen. Ich bezweifle das sehr, lasse mich aber gerne überraschen.

Warum ist die 4. Liga besser als die Super League?

Da könnte ich jetzt sagen: Wegen der nostalgischen Gefühle, weil es nicht ums Geld geht, sondern ehrlicher Fussball ist. Aber nein: Ich glaube, dass sehr viele Leute, die Fussball spielen, gewinnen wollen. Das bedeutet, in der höchsten Liga zu sein. Jeder war einmal ein Kind und wollte in der Super League auftreten. Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich den FC Nordstern in der Super League sehen. Dafür bräuchte es aber ein Budget in Millionenhöhe, was nicht realistisch ist. Deswegen würde mir die 2. Liga schon reichen.

Wie ist es, einen Breel Embolo ausgebildet zu haben?

Es erfüllt uns mit Stolz. Ich habe ihn auf verschiedenen Kanälen versucht, zu kontaktieren, ob er bei uns Ehrenmitglied oder Passivmitglied werden möchte. Er hat sich aber nie gemeldet. Persönlich kenne ich ihn so nur aus den Medien. Es ist toll, dass er bei Nordstern angefangen hat. Aber es ist schade, dass er nie mit uns Kontakt aufgenommen hat.