«Sie werden euch zerpflücken.» Diese Worte gab FCB-Holländer Jean-Paul Boëtius seinem Teamkollegen Birkir Bjarnason mit, als sich der Isländer Anfang September in die Nationalmannschaftspause verabschiedete. Grund für diese Stichelei war die bevorstehende EM-Qualifikationspartie zwischen Boëtius’ Landsleuten und dem Fussballzwerg Island. Dass die Insulaner den letztjährigen WM-Dritten in eine Fussball-Depression stossen würden, ahnte da noch keiner. Über ein Prozent der isländischen Bevölkerung wurde im Gästesektor der Amsterdam Arena Zeuge, wie das grosse Oranje dem 320 000-Seelen-Volk vom nördlichen Polarkreis 0:1 unterlag.

Während für das Star-Ensemble die EM-Teilnahme plötzlich nur noch über die Barrage möglich sein wird, hatte Island wenig später gegen Kasachstan die Chance, Geschichte zu schreiben. So diskret der isländische Auftritt auf dem Rasen dann auch war, so berauschend fielen die anschliessenden Feierlichkeiten nach dem historischen 0:0 aus. Island ist erstmals dabei, als kleinster Staat, der es je an eine Europameisterschaft geschafft hat – und mittendrin Birkir Bjarnason.

Birkir Bjarnason behält stets die Ruhe, ob auf dem Rasen oder beim Interviewtermin.

Birkir Bjarnason behält stets die Ruhe, ob auf dem Rasen oder beim Interviewtermin.

«Ich bin stolz, ein Teil der isländischen Geschichte zu sein», sagt der freundliche Nordländer wenige Tage später. Er bezeichnet es als Privileg, in so einem funktionierenden Kollektiv wirken zu können. «Seit über zehn Jahren spielen wir zusammen.» Bjarnason meint damit die goldene Generation des isländischen Fussballs. Lange war Eidur Gudjohnsen, der schon für Barcelona oder Chelsea stürmte, der einzige Isländer auf kompetitivem Niveau.

Der Mittelstürmer zog sich einst gar aus der Nationalmannschaft zurück, weil ihm die Erfolgsperspektiven fehlten. Der heute 36-Jährige gab seinen Rücktritt vom Rücktritt, als die Spieler der zuvor florierenden U21-Nationalmannschaft in die A-Auswahl aufstiegen. «Gudjohnson fühlte damals, dass eine isländische Teilnahme an einem grossen Turnier mit dieser goldenen Generation endlich möglich sei», erklärt Bjarnason.

Knallharte Leistungskultur

Doch worauf gründet das Island-Wunder? Die Defensive ist mit drei Gegentoren aus acht Partien der isländische Trumpf. Der schwedische Trainer Lars Lägerbäck implementierte auf der Insel das stabile 4-4-2-System, während Assistenzcoach Heimir Hallgrimssons die isländische Mentalität versprüht: Ruhe, Ordnung und Arbeitsbereitschaft. «Bei meinen Neffen beobachte ich heute die gleiche Bereitschaft wie damals bei mir.» In Island ist es normal, bereits als Sechsjähriger fünfmal pro Woche zu trainieren. Am nördlichen Polarkreis etablierte sich längst eine knallharte Leistungskultur.

Als seine Mutter mit ihm im Alter von elf Jahren nach Norwegen zog, schloss sich Bjarnason mehreren Fussballvereinen an, um den isländischen Trainingsrhythmus beizubehalten. «Wir Isländer haben Erfolg, weil wir nicht nur Talent haben, sondern auch hart arbeiten», erklärt Bjarnason. Für ihn sei das eine reine Mentalitätsfrage. Selbst wenn Bjarnason über diese historische Woche spricht, behält die Ruhe in seinen Worten die Oberhand. Es liege in der Natur der Isländer, Ruhe zu bewahren. «Das sieht man auch während der Spiele: Stress kommt bei uns nie auf.»

Ein Prinzip fürs Bündnerland?

Ein weiterer Grund für das isländische Märchen ist die vor einigen Jahren eingeleitete Entwicklung der Infrastruktur, welche durch die nationale Regierung, den Fussballverband, private Investoren und die Fifa finanziert wurde. «Nachwuchsspieler werden nicht mehr vom Vater trainiert, sondern von lizenzierten Trainern.» Zudem wurden auf der Insel sieben Fussballhallen errichtet, die in ihrer Dimension an Flugzeughallen erinnern. Sie werden die «Monster» genannt. Auf dem Kunstrasen in der Halle feilen die physisch robusten Talente an ihrer Technik. «Ich fand damals ähnliche Bedingungen vor», sagt Bjarnason.

Also müsste die nächste Generation ebenso goldig werden? «Es ist gefährlich, den Erfolg unseres Landes auf sieben Hallen zu reduzieren, da spielen mehrere Faktoren mit.» Aber wenn die Jugend sehe, wie erfolgreich das Nationalteam sei, gebe das ebenfalls einen Schub in der Nachwuchsarbeit.»

Sollte das Hallen-Projekt langfristigen Erfolg ausweisen, sieht Bjarnason die Möglichkeit, dieses Prinzip auch für andere Regionen adaptieren zu können, in denen der Fussball-Betrieb aufgrund äusserer Bedingungen ebenfalls eingeschränkt wird. Der Entfaltung einer bisher unentdeckten Fussball-Passion im Bündnerland scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

Ein isländischer Handball-Trainer sagte einst: «Wer im Sport weiterkommen will, dem ist Island bald zu klein.» Die überdurchschnittlich hohe Legionärsquote Islands bestätigt diese Behauptung. «Die Liga ist nicht wirklich stark, deshalb macht es Sinn, bei vorhandener Qualität ins Ausland zu gehen.» Vorerst wird Island eine Ausbildungsinsel bleiben. Die Hochkonjunktur im isländischen Fussball hat jedoch erst begonnen. Jean-Paul Boëtius weiss das nun auch.