Willi Erzberger gehört zum Inventar der Tour de Suisse. Seit 1946 hat der Journalist mit der besonderen Begeisterung für den Radsport die Landesrundfahrt nur wenige Male verpasst. Wenn er davon erzählt, klopft der 86-Jährige noch heute mit beiden Fäusten auf den Tisch. Erzberger flucht, weil er sich immer noch ungerecht behandelt fühlt. Doch die meisten seiner Anekdoten aus 72 Jahren Tour de Suisse sind positiver Natur.

1946: Hausarrest für Klein-Willi

Die Leidenschaft für den Radsport hat das Einzelkind Willi Erzberger von seiner Familie. Die Mutter und vor allem der Vater infizierten den Sohn schnell mit dem Velovirus. Als dann die erste Etappe der ersten Tour de Suisse der Nachkriegszeit ausgerechnet in Basel endet, ist die Vorfreude beim damals 14-Jährigen natürlich riesig. Doch weil er sich in der Schule so sehr daneben benahm, dass die Lehrer bei den Eltern vorstellig wurden, gab es Hausarrest statt Tour de Suisse. «Das war die grösstmögliche Bestrafung überhaupt.»

Das Peloton rollte schon in der 30er Jahren über die Mittlere Rheinbrücke. Willi Erzberger war damals noch nicht live vor Ort. Doch diese Bilder haben sich trotzdem eingebrannt.

Das Peloton rollte schon in der 30er Jahren über die Mittlere Rheinbrücke. Willi Erzberger war damals noch nicht live vor Ort. Doch diese Bilder haben sich trotzdem eingebrannt.

Emil Haering und sein VC Binningen organisierten aber auch im Folgejahr wieder eine Zielankunft auf der leicht ansteigenden Brüglingerstrasse. Diesmal war Willi Erzberger in der Schule brav und deswegen live dabei, als der Belgier Désiré Keteleer triumphierte. «Der Publikums-Aufmarsch war gigantisch. Durch den Abgang auf der rechten Strassenseite bildete sich eine natürliche Zuschauertribüne», erinnert sich Erzberger.

1951: Ein Tag, zwei Etappen

Doppeletappen waren früher keine Seltenheit. Am Vormittag kamen die Tour-de-Suisse-Fahrer von Aarau nach Basel. Am Nachmittag stand für alle dann noch ein Zeitfahren mit Start im Basler Leichtathletik-Stadion und Ziel in Boncourt, JU, an. Erzberger stand damals natürlich an der Strecke und weiss auch knapp 70 Jahre später noch haargenau, wer gewann: «Ferdy Kübler holte sich die Morgenetappe, Hugo Koblet das Zeitfahren, aber Kübler am Ende den Gesamtsieg.» Mit Jahreszahlen ist sich Erzberger nicht immer ganz sicher. Aber sobald es um Namen geht, lässt ihn seine Erinnerung nicht im Stich.

1980: Der «Süffel» holt die Tour

Mittlerweile hat sich Willi Erzberger sein Hobby zum Beruf gemacht. Als Journalist verfolgt er den Radsport wie kein Zweiter. Er kennt alle und alle kennen «Big Willi». Im Jahr 1980 wechselt Erzberger kurz die Seiten. Plötzlich ist er Organisator statt Schreiberling. Diese Geschichte beginnt mit einem Streit. Rudolf Reisdorf, der millionenschwere Speditionsunternehmer und Freund von Erzberger, zieht diesen in ein Live-Interview ins TV und sagt: «Das ist der Willi, er gehört zum Organisationskomitee und ist unser Süffel.» Erzberger reagiert entsetzt. Er kündigt Reisdorf die Freundschaft. Weil Erzberger das Telefon nicht abnimmt, wendet sich Reisdorf an dessen Frau. Die nimmt zwar ab, empfiehlt dem Spediteur aber, lediglich einen Psychiater.

Willi Erzberger (l.) war 1980 Teil des Organisationskomitees. Neben ihm im schwarzen Sakko ist Rudolf Reisdorf.

Willi Erzberger (l.) war 1980 Teil des Organisationskomitees. Neben ihm im schwarzen Sakko ist Rudolf Reisdorf.

Einige Zeit später meldet sich Reisdorf wieder bei Erzberger. «Was kann ich tun, damit du wieder mit mir sprichst?» «Hol die Tour de Suisse nach Basel und mache ein Volksfest. Ein Zeitfahren durch die Stadt und über die Mittlere Brücke bringst nicht mal du hin», sagt Erzberger nur. Doch Reisdorf, der vorher nichts mit Radsport am Hut hatte, beisst an. Er holt die Tour nach Basel und Erzberger sitzt natürlich im OK. Er ist unter anderem für die Streckenführung verantwortlich. Das 23,5 Kilometer lange Zeitfahren mitten durch die Stadt leitet er «durch alle unmöglichen Gassen». Nach dem Rennen beklagen sich einige Fahrer bei Erzberger persönlich. Der Niederländer Joop Zoetemelk fragt: «Kannst du mich mit dem Typ bekanntmachen, der für diese Höllenstrecke verantwortlich ist?» Erzberges Antwort: «Du musst mich nicht beleidigen. Das war ich.» Wichtiger als die Laune der Fahrer war dem Organisator sowieso die Stimmung der Zuschauer. Die feierten während dreiTagen auf der Schützenmatte. «Ohne Volksfest ist die Tour nur halb so viel wert», sagt Erzberger.

Daniel Willems fährt 1980 im Leadertrikot auf der Basler Schützenmatte ein. Willi Erzberger hatte das Volksfest organisiert.

Daniel Willems fährt 1980 im Leadertrikot auf der Basler Schützenmatte ein. Willi Erzberger hatte das Volksfest organisiert.

1987: Ausschluss für zwei Jahre

Sieben Jahre nach der grossen Sause auf der Schützenmatte ist Willi Erzberger wieder als Journalist bei der Tour de Suisse. Eine Etappe führt das Feld von Leibstadt, AG, nach Basel. In einer Zusatzschlaufe durch die Innenstadt und über die Schwarzwaldbrücke muss das komplette Feld auf dem Weg zum Ziel bei der alten Brauerei Warteck auch den steilen Stutz vom oberen Teil der Freien Strasse zum Münsterplatz am Münsterbrunnen vorbei runter. «Das kannst du beim Stadtlauf machen, aber doch nicht mit einem Peloton», findet Erzberger. Damals veröffentlicht er eine Befragung mit kritische Äusserungen eines Fahrers über die Strecke.

Willi Erzberger studiert die alten Dokumente und Fotos von der Tour de Suisse.

   

Tourdirektor Josef Vögeli ist wegen der Kritik ausser sich. Er beschimpft Erzberger als «Dreckspatz» und entzieht ihm im Folgejahr die Akkreditierung als Chauffeur. Erzberger sei ein Raudi und dürfe kein Begleitfahrzeug mehr fahren. Doch ohne Chauffeur-Akkreditierung will Erzberger gar nicht erst an die Tour de Suisse. Sein Credo gegenüber der Chefredaktion: «Ich lasse mich nicht kriminalisieren.» Dem Arbeitgeber liefert er trotzdem eine exklusive Geschichte: «Ich habe den späteren Tour-de-France-Sieger Pedro Delgado zu einem lockeren Gespräch im Mannschaftshotel getroffen.» Auch 1989 ist der Disput zwischen Erzberger und Vögeli noch nicht geklärt. Erst ein Jahr später versöhnen sich die beiden und Erzberger kehrt an die Tour de Suisse zurück.

Die 90er: Swiss Candy Man

Es kommt nicht von ungefähr, dass Willi Erzberger so viele Freunde im Radsport hat. Seine Methode: Der Journalist hat jederzeit Basler Läckerli dabei und ist deswegen bei allen beliebt. Der dreifache Tour-de-France-Sieger Greg Lemond gab ihm den Spitznamen: «Swiss Candy Man». Als Fabian Cancellara einmal schon vor einer Etappe nach Läckerli fragte, sagte der Süssigkeitenmann nur: «Zuerst will ich Leistung sehen.» Doch nicht nur bei den Fahrern, auch bei Betreuern, Offiziellen, ja sogar bei Polizisten kommen die Läckerli gut an. Erzberger wurde ihm im Laufe seiner Karriere so manche Geschichte gesteckt. «Der Läckerli-König war eine gute Rolle. Die konnte ich oft brauchen.»

Der dreifache Tour-de-France-Sieger Greg Lemond (l.) gab Erzberger den Spitznamen: «Swiss Candy Man».

Der dreifache Tour-de-France-Sieger Greg Lemond (l.) gab Erzberger den Spitznamen: «Swiss Candy Man».

2001: Armstrong im Europa Park

Willi Erzberger hat überall seine Finger im Spiel. 2001 hilft er Europa-Park-Besitzer Roland Mack, dass eine Etappe der Tour de Suisse im Europapark startet. Anschliessend düst der Tross wieder mit zwei Zusatzschlaufen durch Basel. Mit der damals noch nicht des Dopings überführten Radsportikone Lance Armstong im gelben Leadertrikot. Nach einem Bergpreis auf dem Bruderholz endet die Etappe beim Stadion St. Jakob. Der Deutsche Erik Zabel gewinnt. Am Folgetag beginnt die nächste Etappe zu Ehren des 25-Jahr-Jubiläums der Garage Schmid in Reinach.

Lance Armstrong fuhr auch an der Tour de Suisse in Gelb. Später wurde er des Dopings überführt und alle Titel aberkannt.

Lance Armstrong fuhr auch an der Tour de Suisse in Gelb. Später wurde er des Dopings überführt und alle Titel aberkannt.

Nach seiner Pensionierung schreibt Willi Erzberger fleissig weiter über Radsport. Seit ein paar Jahren ist er aber nur noch als Gast bei der Tour de Suisse. «Zum Zmorge und zum Schnurre.» Noch vor dem Start reist Erzberger ab. Er bevorzugt es mittlerweile, die Rennen zu Hause am TV zu verfolgen. Nicht nur die Tour de Suisse sondern jedes Radrennen, das irgendwo übertragen wird. Ohne Ton. Denn das «Waschweibergequatsche» der Kommentatoren hält er nicht aus. «So kann ich die Tour de Suisse endlich geniessen.»