Es ist 8.30 Uhr morgens, und Jeromie Repond hat schon 75 Trainingsminuten hinter sich. Sie wirkt frisch und munter, zur Begrüssung gibt es drei Küsschen: «Ich finde Händeschütteln irgendwie so stier», sagt sie. Auch im Training gibt sie keinen Händedruck, sondern heisst ihre zwei Privattrainer mit einem eleganten Knicks willkommen.

Graziöse Bewegungen, Pirouetten, Sprünge, Kraft, Ausdauer und Nervenstärke – all das gehört zum Eiskunstlauf und zum Standartrepertoire der Leistungssportlerin. Ihr Können stellt Repond immer wieder an nationalen und internationalen Wettkämpfen unter Beweis. Zuletzt an der Winter-Universiade in Kasachstan, wo sie sich auf dem starken 16. Rang klassierte.

«Vor 12 000 Zuschauern eine Kür zu laufen, ist ein unvergleichliches Gefühl. Ich war noch nie so nervös», erzählt die bald 18-Jährige. In der Kür stand sie zwei Dreifachsprünge und einen Doppelaxel – und erfüllte damit die Aufnahmekriterien für das nationale Elitekader. Reponds Augen leuchten, wenn sie von der Aufnahme ins vierköpfige Kader erzählt: «Das macht mich echt stolz. In der Elite dabei zu sein, ist sehr speziell für mich – auch, weil ich mit Abstand die jüngste Läuferin bin.»

Jeromie Repond an der Winter-Universiade 2017 in Almaty (Kasachstan):

Universiade 2017 Ladies FS Jeromie Repond

Anders als im Junioren-Elitekader, kann Repond nun an mehr internationalen Wettkämpfen teilnehmen und ihr Programm freier gestalten. Der grösste Unterschied aber ist der finanzielle Vorteil. Im Elitekader müssen die Athleten «nur» noch 25 Prozent der Wettkampfkosten selbst begleichen. Zuvor stemmten Reponds Eltern den grössten Teil der Ausgaben, einen weiteren Teil übernahmen ihre Sponsoren. «Kosten für Reisen an Wettkämpfe, die Trainer und das Material – Eiskunstlauf ist ein teuerer Sport», sagt Repond.

Mobbing wegen guten Noten

Ohne die Unterstützung der Familie, wäre die Karriere der feingliedrigen Brünette nicht möglich gewesen. Die Begeisterung für Eiskunstlauf liegt in den Genen: Reponds zwei jüngere Schwestern, 3 und 10 Jahre alt, sind ebenfalls sehr talentiert und nehmen Privatstunden, die ältere Schwester und Schweizer Meisterin hat ihre Karriere bereits beendet. Die Eltern förderten die sportlichen Ambitionen der vier Töchter stets, doch unter einer Bedingung: An erster Stelle kommt die Ausbildung.

Repond hat deshalb, bevor sie ganz auf den Profisport setzte, die Matur gemacht – mit 16 Jahren. Die hochbegabte Baslerin leistet nicht nur auf, sondern auch neben dem Eis Aussergewöhnliches: Sie übersprang drei Klassen und stach stets mit guten Noten hervor. Der schulische und sportliche Erfolg hat ihr auch Neider eingebracht. «Hänseleien und fiese Sprüche waren im Sportgymnasium Bäumlihof an der Tagesordnung», erzählt Repond.

Preisverleihung der Panathlon Preise. Den Förderpreis erhält Jeromie Repond mit links Laudator Martin Häflinger und Gregor Dill.

Preisverleihung der Panathlon Preise. Den Förderpreis erhält Jeromie Repond mit links Laudator Martin Häflinger und Gregor Dill.

Rückblickend hat ihr diese Erfahrung aber nicht geschadet. Im Gegenteil: Repond ist heute sehr selbstbewusst und weiss genau, was sie will, und was sie erreichen kann. Ihre Ziele sind hoch, aber realistisch: Repond möchte sich für die Olympischen Spiele 2018 und für die alljährlichen Weltmeisterschaften qualifizieren. Ebenso wünscht sie sich, einmal zu den zehn besten Läuferinnen Europas zu gehören: «Ich trainiere 25 Stunden die Woche – bald ist mein Niveau hoch genug, um an einem EM-Final mitzulaufen.» Und natürlich möchte die Baslerin auch Schweizer Meisterin in der Elite werden. Sie ist auf besten Weg dazu – 2015 lief sie auf den 5. Platz, ein Jahr später holte sie Bronze.

Keine Lust auf Party

Trotz diesen grossen Träumen, ist Repond auf dem Boden geblieben und schaut realistisch in die Zukunft: «Ich werde sicher noch ein oder zwei Jahre voll auf den Leistungssport setzen – was danach kommt, weiss ich nicht.» Ein Studium in Medienwissenschaften oder Journalismus würde sie interessieren oder eine Ausbildung zur Eiskunstlauftrainerin.

Bis dahin ordnet sie alles ihrer Leidenschaft unter, auch wenn es manchmal hart ist. «Mehr Zeit für meinen Freund und meine Familie zu haben, wäre schon schön», sagt Repond und fügt an, «ich würde mich auch gerne weiterentwickeln, wie meine Freunde, die jetzt studieren». Eine reife Aussage – und Repond nimmt die naheliegendste Frage gleich vorneweg: «Nein, Party und Rausch haben mir noch nie etwas gesagt. Ich habe doch keine Lust, drei Tage lang die Nachwirkungen einer durchzechten Nacht zu spüren.»

Ihr Alltag ist durchgeplant, fordert Disziplin und Verzicht. Doch Repond möchte mit niemandem tauschen: «Ich habe mir viel erarbeitet – das will ich nicht einfach so wegwerfen. Zuerst will ich das Beste aus mir herausholen.»