Fussball
Draussen in der Wildnis: Bjarnason zieht es in den Ferien in die Heimat

Die Isländer verzückten an der Europameisterschaft 2016 nicht nur die Fussballwelt. Die weiblichen Zuschauer sind angetan von manchen Spielern. Mit Stoppelbart, langen Haaren und einem unbändigen Willen ist FCB-Flügel Birkir Bjarnason ein Frauenschwarm.

Sébastian Lavoyer
Merken
Drucken
Teilen
Birkir Bjarnason (r.) mag es kälter

Birkir Bjarnason (r.) mag es kälter

KEYSTONE

Auf eines kann Birkir Bjarnason (28) in seinen Ferien nicht verzichten, auf Akureyri, die Stadt, in der er aufwuchs. «Ich kann gar nicht anders», sagt er. Den Exodus in den Süden, die Flucht der Fussballer an die Strände in Miami oder Dubai macht er nicht mit.

Birkir fliegt gegen den Strom. In den Norden. Auch wenn er eigentlich diesen Winter auch an die Wärme wollte. Aber irgendwie ging es auch dieses Mal nicht. Wie ein Magnet zog ihn Akureyri an, seine Freunde, die Verwandten, die noch dort leben. Aber kann das wirklich erstaunen bei einem Mann, der sagt: «Ich mag es am liebsten, wenn es schneit»?

Als Kind fuhr er oft und gerne Ski. Und selbst als Profi konnte er anfänglich nicht verzichten. «Ich ging Ski fahren, obwohl es wahrscheinlich nicht erlaubt gewesen wäre», sagt er und lacht. Die Liebe zur Kälte, zum Norden ist geblieben. Und so zieht es ihn auch heute noch bei jeder Gelegenheit zurück in die Heimat. Nach Akureyri. 18 000 Seelen zählt die Hafenstadt. In zwei, drei Minuten sei man überall. Jeder kennt jeden, jeder kennt Birkir. Spätestens seit der EM, spätestens seit die Isländer in einen kollektiven Rausch verfielen. Bjarnason & Co. sei Dank. Im Achtelfinal schalteten sie England aus, das Mutterland des Fussballs. Es ist und bleibt eines der grössten Fussball-Wunder überhaupt.

Der Wikinger auf Fasanen-Jagd

Bjarnason zieht es nicht in die Heimat, weil er das Bad in der Menge bräuchte. Er sagt: «Manchmal wird die ganze Aufmerksamkeit fast ein bisschen viel, aber ich nehme es einfach als Kompliment.» Basels Flügel ist kein Mann der grossen Worte. Fragen beantwortet er meist in ein, zwei Sätzen – wenigstens, wenn er mit Journalisten spricht. Aber auch bei heiklen Themen weicht er nicht aus.

Am 18. Dezember postete Bjarnason ein Bild auf Instagram: Er und ein Freund in Tarnanzug. Fasanenjagd. Tierschützer empörten sich. Töten als Sport. Ein gefundenes Fressen für den «Blick». Bjarnason wehrt sich gegen die Vorwürfe, sagt: «Es ist eine Tradition in Island, dass wir vor Weihnachten Fasane jagen.» Ein Brauch, der strengen Auflagen unterliege. Nur an drei Wochenenden dürfe geschossen werden. Draussen in der Wildnis, nicht in der Nähe von bewohnten Gebieten. Einzig wer eine Lizenz hat, darf überhaupt zur Waffe greifen. Bjarnason: «Sie fliegen mit Helikoptern herum und machen Kontrollen. Wer ohne Lizenz auf die Jagd geht, dem nehmen sie die Waffe weg und der wird gebüsst.»

Dieses Archaische, das Wilde, die langen Haare, der Stoppelbart – während der EM in Frankreich war unter weiblichen Fans wohl kein Fussballer so populär wie Birkir Bjarnason. Via Twitter erhielt er ein Angebot einer Model-Agentur.

Die britische Boulevard-Zeitung «Daily Mail» nannte ihn «the hottest viking», den heissesten Wikinger, verglich ihn mit Brad Pitt. Er sei single, hiess es da. Birkir lacht, als er darauf angesprochen wird, sagt: «Ich habe eine Freundin. Sie kommt, wie ich, aus Island und lebt mit mir in Basel.»

Da hätte ihn kaum mehr jemand erwartet nach der EM. Napoli sei an ihm interessiert, hiess es. Auch Borussia Mönchengladbach, die Hertha BSC Berlin, Burnley oder Wolverhampton. Doch Bjarnason betonte stets, dass er – nach Wanderjahren in Italien und Belgien und Wechseln im Jahres-Rhythmus – nur gehen würde, wenn ein richtig gutes Angebot käme. Also blieb er.

«Vielleicht war ich müde»

Die EM-Form allerdings konnte er nicht in die Meisterschaft mitnehmen. So unbestechlich er in Frankreich auftrat, sah man ihn in Basel in der ersten Saisonhälfte selten, eigentlich nie. Schnell hiess es, er sei ausgebrannt. Bjarnason selbst reagierte fast genervt, wenn man ihn darauf ansprach, stellte stets in Abrede, dass er keine Kraft mehr habe. Jetzt, nach einer fast einmonatigen Pause, meint er: «Ich hatte ein langes Jahr, habe viele Spiele gemacht im Sommer. Das war vielleicht der Grund, dass ich gegen Ende Jahr müde war. Ich wollte mir das wohl nicht eingestehen, aber vermutlich ist etwas Wahres dran.»

Die Batterien sind wieder voll. Aufgetankt im Norden. Nicht nur beim Jagen, sondern auch beim Reiten. Eine grosse Leidenschaft. Geerbt von seiner Mutter. Über 70 Pferde besitze deren Familie, eines gehört ihm. Eines Tages wird er zurückkehren nach Island. Viele Kinder möchte er dann haben. Und reiten, hinaus in die Wildnis.