Street-Workout
Durch seinen Sport reist Julian Pagel um die ganze Welt und posiert dabei spektakulär vor Denkmälern

Der Baselbieter Streetworkouter Julian Pagel erklärt seinen Sport, der ihn um die ganze Welt reisen lässt. Er erzählt ausserdem von den Hürden, die der Sport mit sich bringt und warum er vom Sport allein noch nicht leben kann.

Esteban Waid
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Julian Pagel in der Planche, der Königsdisziplin im Street-Workout.

Julian Pagel in der Planche, der Königsdisziplin im Street-Workout.

zVg/Julian Pagel

«Es ist kein Parkour, es ist kein Crossfit und wir tun das nicht nur für unseren Körper», erklärt Julian Pagel und lacht. Er klärt gerade über die Missverständnisse auf, mit denen er und sein Sport konfrontiert werden. Street-Workout oder Calisthenics nennt sich die Trendsportart, die der 22-jährige aus Aesch ausübt. Hoch oben im sechsten Stock der Zentrale Pratteln, mit Blick bis weit über den Rhein hinaus, trainiert Pagel regelmässig. Zumindest wenn Corona nicht wäre. Denn die kleine Trainingshalle mit Industrieflair darf aktuell nicht genutzt werden. «Es kommt mir vor wie ein Jahr», bemerkt er beim Betreten der Halle. Ein Monat war es in Wirklichkeit, seit er zuletzt hier war, um seine spektakulären Moves zu trainieren.

Zwei unterschiedliche Disziplinen

Heute ist er hier, um über seinen exotischen Sport zu erzählen. «Wir trainieren dafür, die maximale Kraft und Körperbeherrschung zu erlangen. Wir wollen an die physikalische Grenze des Körpers gehen», so seine Kurzdefinition. Einige Elemente des Sports sind aus dem Kunstturnen übernommen. Trotzdem gibt es einige Unterschiede. Grob kann man in zwei Disziplinen unterscheiden. Einmal «Dynamics», die der vermeintlich spektakuläre Part beim Calisthenics sind und vergleichbar mit dem Reck beim Turnen sind, bei dem die Athleten ihre Kunststücke an einer waagerechten Stange zeigen. Überkopfdrehungen wie beim Turnen gibt es aber kaum.

Julian Pagel posiert vor dem Kreml in Moskau.

Julian Pagel posiert vor dem Kreml in Moskau.

zVg/Julian Pagel

Bei der zweiten Disziplin, den «Statics», wird klar, warum Pagel von den «physikalischen Grenzen» spricht. Hier geht es vor allem um die pure Köperkraft und -spannung. Die sogenannte «Planche» ist dabei die Königsdisziplin. Die Hände auf Hüfthöhe auf dem Boden, der Körper waagerecht in der Luft. «Leute finden so eine 360-Grad-Drehung am Reck inspirierender als eine Planche, obwohl man so eine Drehung in einer Woche lernen kann», meint Pagel. Um eine ansehnliche Planche zu meistern, brauche man hingegen drei bis vier Jahre.

Julian Pagel selbst hat bei seinem Start im Street-Workout schnell Fortschritte gemacht. Acht Jahre lang hat er Breakdance gemacht, bis ihn ein Kollege zu dem ihm damals unbekannten Sport mitnahm. «Die Human-Flag (menschliche Flagge) habe ich schon im ersten Training geschafft. Da habe ich dann sofort ein Talent dafür gespürt», erinnert sich Pagel an die Anfänge.

Auch andere Techniken, wofür andere jahrelanges Training brauchen, erlernt Julian Pagel in kürzester Zeit. Ziel war es, seine schon gute Körperspannung durch das Street-Workout zu verbessern. Der kompetitive Ansporn, sich mit anderen zu messen, kam erst später. «Dass es da Wettkämpfe gibt, habe ich am Anfang nicht gewusst. Das kam dann alles von selbst auf mich zu.»

Julian Pagels erster Wettkampf war die Schweizer Meisterschaft 2016. «Das war eine Katastrophe, da war ich einer der letzten», sagt er und lacht. Bereits im folgenden Jahr wird er Zweiter und seit 2019 steht er an der nationalen Spitze. Es folgen Einladungen zu international angesehen Turnieren in Rom, Miami oder Madrid. Die Highlights sind die Weltmeisterschaft in Moskau 2018, wo er die Schweiz vertritt und unter die Top 15 kommt. Oder der World-Cup in der Karibik in Guadeloupe, der gesondert von der Weltmeisterschaft stattfindet. Sein Instagram-Profil gleicht dem eines Weltenbummlers. Ob Moskauer Kreml, Golden Gate Bridge in San Francisco oder Kölner Dom. Im Vordergrund immer Julian Pagel, in spektakulären Posen. Diese schönen Fotos werden von über 1000 Followern geliked. «Ich war schon in sehr vielen Ländern, allein durch den Sport.» Dadurch entsteht eine internationale Community mit Bekanntschaften über den ganzen Globus.

Egal wo auf der Welt, die meisten Leute kennen sich bei den Wettkämpfen. «Es ist wie eine grosse Familie», sagt Pagel. Neben den Wettkämpfen zieht man dann gemeinsam durch die Strassen der Städte, tauscht sich aus, schiesst gemeinsam Fotos. «Die Fotografie ist ein Hobby, das viele Athleten im Street-Workout teilen», stellt Pagel fest.

Das Geld reicht nicht für den Lebensunterhalt

Obwohl Julian Pagel zu diesen zahlreichen Turnieren fährt, kann er von seinem Sport allein nicht leben. Die Preisgelder sind zu niedrig und kommen zu unregelmässig. Nebenher arbeitet er also Teilzeit als Finanzbuchhalter. Seit September kommt sogar noch ein Studium in Betriebsökonomie an der Fachhochschule hinzu. Da noch das tägliche Training unterzubringen, erfordert ein hohes Mass an Selbstdisziplin.

Auch wenn die Sportart in der Schweiz immer populärer wird, ist der enorme Trainingsaufwand eine Hürde. Hinzu kommt die hohe Verletzungsgefahr. Auch Julian Pagel erlitt schon ein Schleudertrauma und diverse andere Verletzungen. Doch das erwähnt er nur nebenbei.

Julian Pagel hat trotzdem eine solche Freude an seinem Sport, dass er sein Wissen weitergeben möchte. Auf seiner Website bietet er Workouts an und mit seinen Freunden hat er nun auch seinen eigenen Verein, das «Team Genesis», gegründet. Denn wenn es an etwas fehlt, sind es Trainer und Strukturen, die neue Interessenten an diesen Sport heranführen. Diese Lücke versucht Pagel zu schliessen, und vielleicht kann er damit irgendwann auch von seinem Sport leben. Sein Engagement für den Sport bleibt nicht unbemerkt. Erst im Dezember wurde er mit dem Baselbieter Förderpreis ausgezeichnet. «Zu so einem Preis sagt man nicht Nein», sagt Pagel und verabschiedet sich mit einem Lachen.

So sieht es aus, wenn Julian Pagel und seine Kollegen trainieren: